Am 1. Juni erscheint die neue Ausgabe des Punkrock-Fanzines zum ersten Mal im Bahnhofsbuchhandel.
Nachdem die letzte Ausgabe Nr. 14 von Din A5 zum ersten Mal auf Magazingröße DIN A4 erschien, war schon absehbar, dass Bocky, der Herausgeber, Größeres vor hat.
Wer mehr erfahren möchte bedient sich bitte hier:
www.punkrock-fanzine.de und www.facebook.com/punkrock.fanzine

Zu dieser Meldung machte ich mir meine Gedanken und versuche sie hier mal schriftlich auszuformulieren:

Was ist ein Fanzine?
Die meisten Punk-Fanzines gab es in den 1990er Jahren. Das Internet war noch nicht so weit und die Kopiergeräte sind für jeden preiswert, schnell und unkompliziert geworden. So war es kein Problem, samstags vormittags, sich drei Stunden in einen Kopieshop einzunisten, um 50 Hefte zusammen zu tackern. Diese noch warmen Ausgaben vertickte oder tauschte man dann abends auf dem anstehenden Punkkonzert. Die Einnahmen versoff man dann meist vor Ort wieder.
Die meisten Punk-Fanzines waren in DIN A5 weil die Kopierer damals bei größeren Formaten im Duplexdruck streikten. Außerdem wurde noch mit Kleber und Schere layoutet. Die Texte mit Schreibmaschine oder teilweise schon in Word auf DIN A4 ausgedruckt und dann zurechtgeschnippelt. Das sah dann kleiner kopiert besser aus.

Große Fanzines unterschieden sich dadurch, dass sie nicht kopiert, sondern gedruckt wurden. Das war zu dieser Zeit deutlich teurer als heute und bedurfte einer hohen Auflage. Publikationen wie das TRUST oder das ZAP, hatten eine Druck-Auflage bis zu 10.000 Stück. Das bedurfte einer gewissen Professionalität. Es mussten Anzeigen-Kunden gefunden werden und vor allem viele Leser.
Bei so einer Auflage reichte es nicht im Handverkauf Konzertbesucher zu belästigen. Die meisten Hefte gingen per Post an die Abonnenten. Es wurde auch viel über Mailorder und Plattenläden verkauft. So läuft es auch heute noch bei Plasticbomb und Konsorten. Nur dass es heute kaum noch Plattenläden gibt.

Der Bahnhofsbuchhandel
Bestimmt habt ihr euch auch schon mal gefragt, wer soll denn das alles bitte lesen was da in so einer Bahnhofsbuchhandlung angeboten wird. Da gibt es die abgefahrensten Magazine wie „Meine Schuld oder die „Wuchtbrummen“. Genauso auch im Musikheftbereich: Es gibt unzählige Zeitschriften für jeden Geschmack. Große Vertriebe kümmern sich um die Bestückung dieser Zeitschriftenläden und bestimmen auch wie viel davon überall ausgelegt wird und auch an welcher Stelle.
Plasticbomb, Wahrschauer, OX, Trust und Co haben den Schritt zum Bahnhofskiosk schon lange getan. Hier kann jeder bequem am nächsten Bahnhof jederzeit sein Magazin kaufen. Ein Vorteil für den Konsument. Ich muss das Heft nicht erst mühsam bestellen und dann noch drauf warten. Diesen Vorteil können jetzt auch die Leserinnen des Punkrock-Fanzines ab Juni genießen.
Aber dieser Luxus, der Bequemlichkeit hat auch Schattenseiten. Bisher wurde die Druckauflage anhand der Abnehmer bestimmt. Die Mailorder-Versände nehmen soundso viel Hefte, die Abonnenten so viel, dann noch ein paar Hefte für den Handverkauf. Meist war eine Ausgabe nach einer gewissen Zeit verkauft. Also alle gedruckten Exemplare beim Leser.
Die Vertriebe, die im Auftrag des Zeitschriftenherausgebers, das Heft am Kiosk vertreten, bestimmen die Auflage. Schließlich ist es ihre Aufgabe, dass nicht zu viel Hefte produziert werden, aber trotzdem jeder Kiosk reichlich bestückt wird.

Ein Obsthändler verkauft von seiner Ware am Stand nur einen Bruchteil. Wenn du die Wahl hast einen Apfel zu kaufen und die siehst zwei Obstkisten, eine ist voll und die Auswahl erscheint dir groß und neben dran ist eine Obstkiste und da liegen nur noch zwei Äpfel drin. In welche greifst du rein und nimmst dir den Apfel? Natürlich in die mit der möglichst großen Auswahl. Deshalb müssen immer mehr Produkte angeboten, als dann wirklich verkauft werden können.

Ich habe lange Jahre in einem Zeitschriftenverlag gearbeitet und vor kurzem noch in einer Druckerei. Es ist für den Laien unvorstellbar, wieviel Papier auf dem Müll landet, das niemals der Endkunde zu sehen bekommt. Wenn eine Zeitschrift mit einer Auflage von 80.000 Heften gedruckt wird, dann ist der Verkauf von 35.000 Stück sehr gut. Man überlegt dann sogar schon die Auflage zu steigern. Zudem werden in der Druckerei meist mehr Papier verbraucht, da beim andrucken immer wieder Fehler passieren und dann mal schnell eine Palette Fehldrucke im Müll landen. Das ist wirtschaftlich in die Druckkosten mit einkalkuliert und im Alltag normal.
Diese Rechnung verhält sich im Übrigen bei allen Erzegnissen wie Brot, Eier, Isomatten, Schallplatten und CDs genauso.

Die Frage lautet nun wieso Hefte wie das Plasticbomb und jetzt bald auch das Punkrock-Fanzine sich diesen Mechanismen des Marktes unterwerfen.
In einem Interview erfuhr ich, dass an dem Heftverkauf über dem Bahnhofsbuchhandel direkt kein Geld zu machen ist. Der Vertrieb und der Einzelhändler müssen ja schließlich bezahlt werden. Die Druckerei hat mehr zu tun und kostet dementsprechend. Also bleibt dem Herausgeber nur die Einnahmen durch die Werbung im Heft. Die sind durch die erhöhte Druckauflage natürlich teurer. Während man noch bei seiner kleinen Auflage von 500 Stück sorglos mit der Seitengestaltung umgegangen ist, denkt man bei einer Auflage von 10.000 darüber nach, ob der Artikel wirklich so lange, das Bild so groß und die Schrift nicht noch kleiner machen könnte. Bestes Beispiel ist das OX. Mehr Text pro Seite findet man nur noch im Telefonbuch.

Anzeigenkunden
Die Werbung im Heft wird zur wichtigsten Einnahmequelle. Das Plastikbomb ist selbst sein bester Werbekunde. Es hat sich im laufe der Jahre einen ordentlichen Mailorder aufgebaut. Dieser finanziert inzwischen das eigentliche Heft.
Das Punkrock-Fanzine ist auf Musiklabels angewiesen. Diese haben aber nur einen gewissen Etat zur Verfügung und verteilen diesen gleichmäßig an alle Publikationen. Ein Preissprung eines Presse-Erzeugnisses ist da meist nicht eingeplant.

Das böse Internet
Ende der Neunziger erschienen immer weniger Fanzines. Das sah man an der Seitenzahl der Fanzine-Review-Seiten in den großen Punk-Heften deutlich. Manche kleine DIN A5 Hefte wie das N-Punkt hielten sich noch eine Weile. Aber mehr aus Liebe zur guten alten Zeit als aus praktischen Gründen. Die meisten Fanziner fingen an das Internet zu entdecken und die ersten Websites entstanden. Die wollte aber keiner sehen. Das Lesen am Monitor war doch eher für kurze Texte und schnell war man abgelenkt und zockte lieber noch mal ne Runde Doom.
So schnell wie man ne Website zusammenbasteln konnte, so schnell war sie auch wieder veraltet. Große Ankündigungen von ehemaligen Heftbetreiber alles nur noch online zu veröffentlichen, waren schnell vorbei.
Manche Schreiberlinge wie Chris Scholz, die damals die Fanzine-Szene mit ihren kopierten Heften aufmischten, schrieben in ihren neuen Blogs ein paar Artikel, verloren aber schnell das Interesse. Es gab einfach zu wenig Feedback in diesem großen unüberschaubaren Netz.

Heute gibt es einige hervorragende Online-Fanzines wie das Bierschinken. Hier kann man meist schon am nächsten Tag die Fotos des Konzertes und die lustigen Texte dazu bestaunen. Es gibt Plattenkritiken über die sich die Labels freuen, weil sie schnell verfügbar sind und sie es für ihre Pressetexte einfach rauskopieren können.

Punker, die in den Neunzigern auch ein kopiertes DIN A5 Fanzine mit der Auflage 50-100 Stück rausgebracht hätten, schreiben heute ihren Senf bei Twitter oder Facebook rein. Von dem geistigen Anspruch hat sich da nichts geändert. Da auch die Fanzines gespickt waren mit Rechtschreibfehlern und kopierten Zeitungsartikeln aus der Tagespresse mit eigenen Kommentar darunter. Meistens konnte man von den lustigen Fotos in den billig kopierten Heften nichts mehr erkennen.
Bands schickten Demo-Kassetten, gebrannte CDs und Labels Platten an die Fanziner. Das war immer eine große Motivation ein neues Heft rauszubringen. Schließlich war man ja irgendwie verpflichtet die Musik zu besprechen und die Band zu bewerten. Teilweise gab es Hefte, die deswegen mehr Reviews im Heft hatte als Artikel. Das kam bei den meisten Lesern nicht so gut an. Auch die Auswahl der Werbeanzeigen wurde von den Lesern kritisch beäugt.

Und da sind wir wieder im Hier und Jetzt: Eine Band hat heute durch das Internet mehr Möglichkeiten für ihre Musik zu werben. Früher war die einzige Möglichkeit Printprodukte mit Anzeigen zu versorgen. Heute kann die Band durch soziale Internetplattformen preiswert und schnell ihr Zielpublikum erreichen. Was früher Plattenreviews waren, sind heute „Gefällt mir“ Klicks und die Kommentare dazu. Und mal ganz ehrlich: nieveauvoller waren die Plattenrezesionen in den Fanzines auch nicht.
Was früher die Fanziner waren, sind heute für die Bands die Kommentatoren ihrer Website (von mir aus auch auf Facebook). Hier können die Bands auch schnell und direkt Auftrittstermine und neue Songs posten.
Die Seiten mit Konzertterminen in Prints wie das Plasticbomb dienen nur noch als Füller für die Werbeanzeigen, die sonst nirgends mehr reingepasst haben. Wenn jemand wissen will wo eine Band spielt, verlässt er sich nicht mehr auf ein Printprodukt, sondern schaut sicherheitshalber auf der Website nach.

Wohin geht die Reise?
Printprodukte waren von der Herstellung nie preiswerter als heute. Dank Computertechnik kann mit wenig Arbeitskraft und wenig Materialkosten schnell Papier bedruckt werden. Gerne blättert man darin und freut sich.
Aber ist dafür wirklich noch eine Nachfrage? Okay, ich hab seit gefühlten 20 Jahren die Titanic im Abo und werde auch weiterhin nicht auf die Printausgabe verzichten wollen, aber viele Artikel lese ich im Heft gar nicht mehr, weil ich sie schon auf der Website gelesen habe. Es ist halt schon ein Unterschied, ob was nur auf dem Bildschirm existiert oder halt ständig irgendwo in der Wohnung rumliegt und ins Auge sticht.
Bestes Beispiel ist eine Weihnachtskarte von Roland van Oystern. Das Ding liegt immer noch in greifbarer Nähe im Regal und wird da bis zur nächsten Komplettsanierung weiter rumgammeln. Als E-Mail-Postkarte wäre sie schon längst im Daten-Nirwana verschwunden.



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