Nick Hornby – Juliet, Naked

| Oktober 17th, 2010

(Hörbuch, Der Hörverlag, 6 CDs, 389 Minuten, 24,95 Euro)
Wer Nick Hornby kennt, weiß dass er sich gerne mal mit irgendwelchen Fan-Nerds auseinander setzt. Bei „High Fidelity“ ging’s um einen Typen, der seine Plattensammlung nahezu täglich neu ordnet und sich wundert, dass er seine Beziehung nicht auf Kette kriegt. Bei „Fever Pitch“ geht’s um Ähnliches, nur dass König Fußball dabei die Hauptrolle beim Protagonisten spielt. Bei „Juliet, Naked“ geht’s wieder um die Mucke. Zumindest oberflächlich. Aber eigentlich geht es zuerst um Duncan, der im englischen Provinzkaff Gooleness sein Unwesen treibt. Nicht wirklich, aber zumindest virtuell. Denn Duncan ist ein Nerd, der seit 25 Jahren auf den Spuren seines Musik-Helden Tucker Crowe wandelt. Der hat in den 80ern ein paar ganz nette Alben abgeliefert, auf denen Duncan irgendwie hängen geblieben ist. Crowe ist damals eines Tages spurlos verschwunden. Und seither ist eine eingeschworene Fan-Gemeinde, zu deren Wortführern Duncan gehört, auf der Suche nach ihm. Und seit es das Internet gibt, nimmt diese Suche und die damit verbundene Gerüchteküche immer obskurere Formen an. Wie gesagt, Duncan ist ein Nerd und so ganz nebenbei auch noch mit Annie verbandelt, die seit zig Jahren seinen Spleen ertragen muss. Aber eigentlich unbedingt ein Kind haben möchte. In dem Moment als von Tucker Crowe überraschenderweise ein neues/altes Album auf den Markt kommt, betritt sie mehr und mehr die Szene. Und mischt sich ein in die Welt von Duncan, indem sie eine eigene Besprechung des Albums ins Netz stellt. Und somit Duncan ziemlich provoziert. Was wiederum den verschollenen Tucker Crowe auf den Plan ruft, der sich endlich von jemandem verstanden fühlt und mit Annie Kontakt aufnimmt. Crowe entpuppt sich als normalsterblicher Mensch, der in seinem Leben auch schon eine ganze Menge Scheiße erlebt und fabriziert hat. Annie und Crowe kommen schließlich zusammen, Duncan fühlt sich im wahrsten Sinne des Wortes gefickt und will das alles gar nicht wahrhaben. Wie’s ausgeht sei hier mal nicht verraten. Kann auch gar, denn es handelt sich um ein offenes Ende. Was aber bleibt, ist der Eindruck, dass es sich in „Juliet, Naked“ (so heißt übrigens das neue Album von Tucker Crowe) nicht wirklich um einen der drei Protagonisten dreht, sondern um mich (oder Dich) selbst. Denn um was es eigentlich geht, sind persönliche Unzulänglichkeiten, das Gefangensein in einem selbst. In dem Moment in dem ich zum Beispiel diese Buchbesprechung schreibe (nachts, kurz vor 2 Uhr), wäre es doch viel angebrachter neben der Mutter meiner Kind im Bett zu liegen. Aber nein, der Kollege Obnoxious ist ja doof genug, sich stunden- und nächtelang irgendwelche CDs, Bücher und Fanzines anzutun, nur um sich darüber sei Urteil zu bilden und sich bei einer verschwindend kleinen Minderheit der Weltbevölkerung wichtig zu machen. Darum geht’s: Wie scheiße und belanglos ist das alles womit wir den Großteil unserer Lebenszeit tot schlagen? Ist es uns wichtig? Dann ist es wichtig. Aber ist es auch gut und wichtig für uns selbst? Ja? Nein? Vielleicht nach den Ferien? Weiß der Geier! Aber, und das lehrt einen das (Hör-)Buch, ob es will oder nicht, man sollte durchaus auch mal von seinem hohen Ross herunter kommen und sich überlegen, welche Auswirkungen das eigene Handeln auf andere Menschen haben kann. So, und das habe ich jetzt eben erst beim Schreiben dieser Zeilen entdeckt. „Juliet, Naked“, gelesen vom durchaus aus dem Fernsehen bekannten Schauspieler Helmut Zierl (die Fresse kennt man auf jeden Fall), ist zwar kein Schweinsgalopp durch die östliche Hemisphäre, nicht gerade mitreißend im Sinne von „Ich hol mir gleich einen runter“, aber trotzdem unsterblich, weil es zwischen den Zeilen hilft, sich auch mal über das eigene Tun Gedanken zu machen. Was ja eigentlich viel zu selten der Fall ist. Obnoxious



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