(Hardcover, Ox-Verlag, 178 Seiten, 29,80 Euro)
Boah ey, was für ein unglaublich geiles Buch ist das den eigentlich? Ganz großes Lob an den Szene-Fotografen Christoph Lambert, der irgendwann in den 80er Jahren mal angefangen seine Konzert-Besuche auf Fotos festzuhalten. Letztendlich dabei herausgekommen ist das Buch „We Call It Punk – When Energy Meets Attitude“. Präsentiert werden Live-Fotos von 77 Bands zwischen den Jahren 1989 und 2008.

Das besondere daran ist, dass alle Bands oder zumindest eines der Bandmitglieder jeweils einen Kommentar zu den Fotos geschrieben hat. Das sind dann nicht nur schlichte und verwässerte Erinnerungen von alten Männern (und wenigen alten Frauen), sondern tiefe Einblicke in die damalige Zeit und die alten Punkrock- und Hardcore-Ideale, die es heutzutage leider oftmals nur noch bis zur Schaufensterauslage bei H&M schaffen. Die beigefügten Erzählungen sind oft sehr persönlich und bewegend, wobei die Texte und Fotos oftmals regelrecht zu kommunizieren scheinen. Beim Betrachten und Lesen kann man dabei so richtig schön in alten Erinnerungen schweifen. Und dabei ist es gar nicht mal so wichtig, dass man tatsächlich bei einem der abfotografierten Konzerte dabei war (wie unwahrscheinlich ist das denn überhaupt?), die Band überhaupt mal live gesehen hat oder sie zumindest kennt.

Nein, das richtig Geile an dem Buch ist, dass es durch die leibhaftigen Fotografien so dermaßen lebt, dass es einfach scheißegal ist. Denn wenn man sich einmal mit dem Punk-Virus infiziert hat, dann kann man aus den Bildern so richtig schön lesen, sich in sie hinein versetzen und den Spirit, der dadurch vermittelt wird, am eigenen Leib spüren. Gänsehaut im Quadrat ist angesagt. Unweigerlich kommt man ins Schwelgen alter Erinnerungen, was wie gesagt nicht konkret mit den hier zu sehenden Bands zu tun haben muss, sondern einfach an den Impressionen und unvergesslichen Momenten, die jetzt verdammt noch mal nur ein Punk- oder Hardcore-Konzert in den heruntergekommensten Läden der Republik, liegt.

Jeder von uns kennt das Gefühl, auf einem Konzert zu sein und zu spüren wie dieser eine ganz bestimmte und kurze Moment einer mehr oder weniger großen Masse an Leuten für immer im Gedächtnis bleiben wird. Das verbindet, auch wenn der Typ der gerade zufällig neben Dir steht, ein riesengroßes Arschloch ist, dem Du außerdem in Deinem Leben kein zweites Mal begegnen wirst. Aber dieser eine Moment… Meine Güte! Mehr davon! Christoph Lampert ist es in seiner langen Laufbahn als DIY-Konzert-Fotograf gelungen, ganz viele von diesen Momenten einzufangen. Schon allein dafür lohnt sich die Anschaffung dieses Buches. Denn es ist die Basis und die Erinnerungsstütze, die wir in etlichen Jahren mal vor den verrotzten Enkeln auf dem Schoß liegen haben, wenn wir ihnen von der guten alten Zeit erzählen. „Wow,“ werden die Enkel sagen, „war das wirklich so geil damals?“ Und im Brustton der Überzeugung werden wir antworten: „Ja, so geil war das damals! Aber eigentlich war das noch viel geiler, weil Ihr seht ja jetzt nur die Bilder, aber ich war wirklich dabei!

Es war zwar auch damals nicht alles Gold was glänzte, aber wenn man es sich recht überlegt, war es schon ein gutes Gefühl dabei gewesen zu sein.“ Und die Enkel sagen dann „Scheiße“ und bringen sich heimlich um. Weil sie nicht dabei gewesen sind. Aber da können wir ja auch nichts dafür. Kurz gesagt: Bilder, in die man eintauchen und sich in Details verlieren kann. Bilder, die vor Energie und Attitude geradezu sprühen. Ganz so wie es der Untertitel vermittelt. Die beigesteuerten Texte der Bands sind so ein bisschen Querbeet. Mal nehmen sie Bezug auf genau dieses Konzert. Mal sind sie allgemeiner gehalten. Mal sind sie Anekdote, mal Tralala. Mal länger, mal kürzer. Größtenteils auf Englisch, ganz selten auf Deutsch. Und als ob das alles nicht genug wäre, erscheint das Buch in Hochglanz und größer als DIN A 4. Also echt schick! Die Fotos sind schwarzweiß und in Farbe, analog und digital. Auch hier spiegelt sich die persönliche Entwicklung des Fotografen wider.

Ach, ich bin ganz hin und weg. Und jetzt für alle Vollpfosten, die das Buch immer noch nicht unbedingt kaufen wollen, ein kleiner Auszug von den gefeatureten Bands: Spermbirds (bei denen es der Zufall will, dass sie auf einem Konzert fotografiert wurden, von dem ich auf dem Hafenstraßen-Sampler „10 Meter ohne Kopf“ ein Lied in meiner Plattensammlung habe – so schließt sich der Kreis), Gorilla Biscuits, EA 80, Bad Religion, Boxhamsters, Life But How To Live It, Gogol Bordello, Chumbawamba, Mighty Mighty Bosstones, Rich Kids On LSD, Nirvana, Samiam, Turbostaat, Walter Elf, Youth Of Today und und und. Zu allem Überfluss gibt’s dann auch noch eine mintfarbene, transparente 7“ mit Live-Songs von vier vertretenen Bands. Meine Güte, was will man eigentlich mehr? Unbedingte und uneingeschränkte Kaufempfehlung. Wer das Buch nicht hat, hat sein Leben verwirkt! Ich hol mir jetzt einen runter!!! Obnoxious



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