(Taschenbuch, Iron Pages, 248 Seiten, 19,90 Euro)

Jeff Turner, der Sänger von den Cockney Rejects, zieht vom Leder. Vom eigenen Leder. Er, der als Jeff Geggus geboren wurde und sich irgendwann den Namen Stinky Turner gab, veröffentlicht hier unter dem Hybrid-Namen Jeff Turner seine Autobiographie. Und irgendwie hat man auch den Eindruck, dass es sich um so eine Art Befreiungsschlag handelt, sozusagen um mit sich selbst mal ins Reine zu kommen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Jedenfalls fasst Stinky Jeff Geggus Turner auf knapp 250 Seiten sein bisheriges Leben zusammen. Angefangen bei seinen griechischen Vorfahren, seiner Kindheit und Jugend im Ost-Londoner Stadtteil Custom House, wo umringt von Klein-, Mittel- und Großkriminellen noch das Gesetz der Straße gilt.
Wir erfahren einiges über seine kurze Karriere als viel versprechender Nachwuchs-Boxer und über seine Punk-Sozialisation. Und wir erfahren ganz viel über den Aufstieg und Fall seiner Band Cockney Rejects, über die Hooligans von damals und ganz besonders über die berüchtigte Inter City Firm (West Ham-Hooligans), deren Mitglieder einen ansehnlichen Teil des Rejects-Gefolges ausmachte und der Band damit eine ziemliche Schlagkraft verlieh.
Jeff Turner lässt in seinen Erinnerungen recht tief blicken und nimmt kein Blatt vor den Mund. Bei allem schmückenden Beiwerk liegt aber das Hauptaugenmerk natürlich bei den Cockney Rejects. Die Rejects brauchten kaum eine Handvoll Konzerte und ein lausiges Demo, um das Bridge House, das Mekka der aufkommenden Oi!-Szene, hinter sich zu haben und die Bosse der Majorlabels mit den dicken Verträgen Schlange stehen zu sehen.
Jeff Turner war damals gerade mal 14, 15 Jahre alt und hatte noch kein Haar am Sack. Sie benahmen sich in den Studios wie die Vandalen, machten alles kaputt und stahlen wie die Raben. Außerdem gab es jede Menge Hauereien und Jeff Turner bezeichnet die Monate März bis Mai 1980 als die beste Zeit seines Lebens. Die Band war in den Charts und freute sich auf eine großartige Karriere und West Ham war ballsportlich ziemlich erfolgreich. Aber irgendwie kam es ganz schnell anders und die Rejects standen sich dabei meist selbst auch meterbreit im Weg. Außerdem brachte das West Ham-Geseiere und die Nähe zur ICF außerhalb des East Ends eher Unannehmlichkeiten mit sich. Massenschlägereien zwischen Band plus mitreisender Gefolgschaft und einheimischem Publikum waren auf Tour an der Tagesordnung. Die Hoffnung war irgendwann den Durchbruch zu schaffen und auch in den USA an die große Kohle zu kommen. Sie waren sich dazu auch nicht zu schade dem guten alten Punkrock unvermittelt Adieu zu sagen und in Sachen Hard Rock versuchte man die Schäfchen ins trockene zu bringen.
Nicht nur das war ein Schuss in den Ofen. Alte Fans wurden vergrault, neue nicht gefunden. Die Band war auf dem Holzweg und Jeff musste irgendwann von Sozialhilfe leben. Er zog sich zurück und kiffte bis zum Umfallen. Trotzdem schafften sie es irgendwie nach Amerika – der Traum entpuppte sich allerdings als Albtraum. Und damit waren die Rejects auch erstmal am Arsch. Seit ein paar Jahren touren die Jungs wieder – nur so zum Spaß angeblich und um auf großen Festivals auf der ganzen Welt die Kohle zu scheffeln. Das gibt Jeff Turner gerne zu, dass er das genießt. Ausschlaggebend für das erneute Interesse an der Band war übrigens ein Song der Band, den Levi’s in einem Werbespot verwendete. Was soll man davon halten? Zum Schluss blickt Jeff Turner noch mal auf das musikalische Schaffen der Band zurück und vergleicht die Rejects mit Bands, die zu einem späteren Zeitpunkt unter scheinbar besseren Voraussetzungen Erfolg hatten. Was bleibt? Jeff Turner entpuppt sich nicht gerade als der sympathische Typ mit dem man gerne mal acht Bier saufen möchte. Teilweise hat er schon ziemlich fragwürdige Vorstellungen. Er ist ein unpolitischer Arsch, dessen erstes Tattoo ein Union Jack war, der den Faschos und den Linken gleichermaßen die Fresse polieren möchte und er ist homophob bis zum Anschlag. Aber er ist authentisch. Er ist, was er ist. Und er schreibt auch so. Unvermittelt und frei von der Leber weg. Man muss diesen Scheiß-Typ nicht mögen, aber das Buch ist auf jeden Fall lesenswert, denn es gibt einen feinen und ungeschönten Einblick in die zerrissene Jugend eines Punkrockers Anfang der 80er Jahre in England. Schonungslos und mit offenem Messer in der Tasche. Obnoxious



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