(Taschenbuch, Edition Tiamat, 239 Seiten, 15 Euro)
Harry Rowohlt ist Gott. Ja, ich weiß: „No Gods, No Masters“. Aber Scheiße nochmal, er ist kein imaginärer Gott, keiner der irgendwelchen verblendeten Gehirnen entsprungen ist. Er ist ein realer Gott. Der reale Gott. Der reale Gott der Abschweifung. Man kennt ihn. Notfalls aus der Lindenstraße als Penner Harry. Besser von einer seiner Lesungen, die es leider inzwischen auf Grund gesundheitlicher Umstände nicht mehr so oft und nicht mehr in geliebtem Ausmaß, das heißt inklusive Saufen und Rauchen, gibt. Vielleicht kennt man ihn als gefragten Übersetzer guter Literatur, z.B. von Flann O’Brien (Klingelt’s beim Buchtitel?) oder als multipel einsetzbare Stimme von irgendwelchen Hörspielen oder -büchern. Möglichkeiten gibt’s genug und niemand hat auch nur den Hauch einer akzeptablen Ausrede, ihn nicht zu kennen. Was wir hier aber haben, ist Harry Rowohlt pur. Ungeschminkt. Harry Rowohlt ist hier kein Medium, sondern er ist das Thema. In „Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege“ (so der Untertitel des Buches) erzählt Harry Rowohlt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege. Tatsächlich. Von vorne bis hinten. Sofern es hinten gibt. Weil, er lebt ja noch. Von daher ist hinten zum Glück noch nicht erreicht. Und das hoffentlich noch lange nicht. Das Buch funktioniert so: Sotscheck fragt, Rowohlt antwortet. Aber Rowohlt wäre nicht Rowohlt, wenn er es bei einfachen Antworten belassen würde, sondern er schweift ab. Wie immer. Er kommt von Arschbacken auf Kuchen backen. Und das ist gut so. Literweise erfährt man hier Anekdoten aus seinem Leben. Anekdoten, bei denen er kein Blatt vor den Mund nimmt und frei von der Leber weg schwadroniert. Ohne Rücksicht auf Verluste in den eigenen Reihen, aber auch nicht in den Linien des Feindes. Als Prominenter muss man ganz schön froh sein, wenn man Harry Rowohlt nicht kennt. Ansonsten besteht nämlich große Gefahr, dass Rowohlt die Schwächen und Macken anderer in die Welt hinaus posaunt. Nicht prollig oder um sich auf Kosten der anderen in Szene zu setzen, sondern einfach so. Es passiert einfach. Rowohlt hat ein Elefantengedächtnis. Er merkt sich den kleinsten Furz, den irgendjemand mal gelassen hat. Und wenn es gerade passt, dann hat man halt Pech gehabt. Oder Glück, denn dann ist man zumindest Teil seiner großartigen Erzählungen. Ich jedenfalls hab mich schlapp gelacht beim Lesen des Buches. Ich habe es geradezu verschlungen. Was allerdings auch kein Wunder ist, denn das Buch ist sehr flüssig geschrieben. Das heißt, es ist ja eigentlich nicht mal geschrieben sondern gesprochen, denn es ist ja nur die Transkription der Gespräche von Sotscheck (dem kongenialen Frager, der ebenfalls keine Möglichkeit auslässt abzuschweifen) und Rowohlt. Man stelle sich vor: Die beiden setzen sich eine Woche lang jeden Tag mit ein paar Pullen Wein und Bier (von daher ist das Buch wirklich flüssig geschrieben – Und: man beachte nochmal den Buchtitel!) an einen Tisch in Irland und schwafeln los. Was soll dabei schon rauskommen als das Beste und Unterhaltsamste was ich in den letzten Jahren gelesen habe? Nichts. Es kann einfach nichts Besseres geben. Außer vielleicht doch: Wenn es die Gespräche der beiden als Hörbuch gebe, wenn man Rowohlt in seiner unnachahmlichen Art zu erzählen auch noch hören könnte – über sich selbst – das wäre das allergrößte Glück auf Erden. Darauf warte ich noch. Danach kann ich von mir aus sterben. Obnoxious



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