http://www.pogoradio.de/wp-content/uploads/2010/09/Ich-Bin-Schizophren-Und-Es-Geht-Mir-Allen-Gut.jpg 200w" sizes="(max-width: 120px) 100vw, 120px" />(Taschenbuch, U Books, 222 Seiten, 9,95 Euro)
Dirk Bernemann mal anders. Während er in seinen ersten Büchern, die hier von mir besprochen wurden, mit einem Panoptikum von Gewalt und Blutorgien geglänzt hat, geht es diesmal relativ „friedlich“ zu. Was aber nicht heißt, dass alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, denn Bernemann lotet in „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ psychische Untiefen aus. Seine eigenen (daher der Titel) und die von irgendwelchen anderen schrägen Leuten. Wenn es um ihn selbst geht, wird ganz deutlich, dass sich Bernemann nicht gerne in eine Schublade stecken lassen will – was ja auch gar nicht geht –, denn er ist vielseitig. Oder auch schizophren. So wie wir alle. Seine Kurzgeschichten sind Bestandsaufnahmen aus vielen verschiedenen Leben und Teilpersönlichkeiten. Heute geht’s mir so und morgen geht’s mir so. Heute bin ich König und morgen bin ich Arschloch. Das Buch ist so eine Art Selbst-Psychoanalyse, in dem Bernemann eigene Grenzen sucht, findet und überschreitet. Er findet die Gesellschaft scheiße, weiß aber nichts daran ändern zu können. Er hat Selbstzweifel und ist mit sich selbst unzufrieden. Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit kotzen ihn aber auch an. In einer Mischung aus Realität und Fiktion wirft Bernemann einen Blick auf das Leben. Sein Leben. Das Leben in Zwängen, die man sprengen will, aber nicht weiß wie und sich auch nicht traut, das zu tun. Oder zumindest knapp aber deutlich daran vorbei schrammt. Aus Bequemlichkeit kein Aufbegehren. Keine Hoffnung auf Besserung. In einer Gesellschaft, in der Individualität nicht erwünscht ist. Klingt erstmal düster, aber Bernemann beschreibt das alles mit einem Wortwitz für den man ihn küssen möchte. Nebenher bietet das Buch auch noch Bernemanns Bestandsaufnahme seines bisherigen Schaffens. Einen kryptischen Lyrik-Teil, der mich langweilt – ihn vielleicht inzwischen auch –, aber der bei so einer Zwischenabrechnung auch nicht fehlen sollte – wenn man so was wie Lyrik mal verbrochen hat. Er sucht in „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ eben nach seinen literarischen Wurzeln. Das macht das Buch sehr persönlich und eröffnet ungeahnte Innenansichten in den Menschen Bernemann. Fast schon einen Seelenstriptease hält man hier in den Händen. Besonders witzig find ich die kurzweiligen Anekdoten von seinen Lesereisen. Da ergeben sich doch einige tiefe Einblicke in das geschundene Leben eines Schriftstellers. Dabei lässt er kaum ein gutes Wort an den Kreaturen, die ihm auf seinen Reisen durch Deutschland so begegnen. Obwohl: Das stimmt eigentlich so auch nicht. Dann und wann gibt es schon mal positive Worte über Menschen, die ihm über den Weg laufen. Aber mal ganz abgesehen davon liefert Bernemann mit seinen Short Storys mal wieder Unterhaltung bester Kajüte. Aufgepeppt mit ein paar passenden Fotos. Sogar die Worte „Punk“, „Punker“ und „Punkrock“ kommen in den Texten dann und wann einmal vor. Meistens lässt Bernemann aber kein gutes Haar daran. Daran sollte der potentielle Leser sich aber nicht abschrecken lassen, denn eigentlich lässt er an nichts ein gutes Haar. Was gestandenen Nietenjackenträgern anfangs vielleicht etwas aufstoßen könnte, sollte auch als Chance gesehen werden, ab und zu mal ein bisschen selbstreflexiv in den Spiegel zu schauen, denn das hat noch niemandem geschadet. Kurzum: „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ ist mit seinen vortrefflichen Kurzgeschichten eine willkommene Scheißhauslektüre, die man sich für relativ wenig Geld gerne mal anschaffen tun machen sollte. Mittelfinger hoch! Obnoxious



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