gay-edge-liberation„Das ist ja total schwul.“ Diese Aussage in Zusammenhang damit, dass eine Person eine Sache oder eine Situation scheiße findet hat bestimmt jeder schon gehört. Anfangs fand ich den Satz etwas befremdlich und sah sicher total bescheuert aus, weil ich nicht immer gleich wusste worauf die Leute rauswollen, die dieses Wort für eine negative Beschreibung nutzten. Jetzt ist es so, dass ich die Personen eher darauf anspreche und frage, was denn an einer Sache oder Situation schwul sein kann. Daraufhin ernte ich nun die doofen Blicken. Aus den Gesichtern kann man richtig herauslesen, dass sie zuerst denken ich stehe auf dem Schlauch und dann bemerken, dass ich die Wortwahl für komplett falsch halte. Klar, bin ich beileibe kein Moralapostel und mache mit Sicherheit einen Haufen Bemerkungen, für die ich zu Recht viel Kopfschütteln ernte. Aber es will mir nicht in den Kopf wieso schwul mit etwas Schlechtem gleichgesetzt wird. Denn mit homosexuellen Personen habe ich größtenteils positive Erfahrungen gemacht. Gleich, ob das Frauen oder Männer sind. Viele Leute in meinem Bekanntenkreis und engeren Freundeskreis sind homosexuell. Na und!?

Einen weiteren Aspekt, den ich nicht nachvollziehen kann, ist, dass es tatsächlich Leute gibt, die Angst vor Homosexualität haben. Damit meine ich aber nicht irgendjemanden, der jenseits jeglicher Zivilisation lebt. Damit meine ich Personen, die angeblich klar denken können. Ich hab doch auch keine Angst mit der Rolltreppe zu fahren oder ne Jacke mit nem Reißverschluss zu haben. Genau, es ist einfach was Alltägliches. Viel mehr sollten sich Personen, die eine latente Homophobie in sich tragen mal fragen, was bei ihnen irgendwie schief läuft oder schief gelaufen ist.

Darüber noch mehr Gedanken gemacht hat sich Benni, der vor rund zwei Jahren die Gay Edge Liberation gründete. Er will damit keinen Kreuzzug für die Homosexualität führen. Er will damit sensibilisieren und nen Denkanstoß geben.

Von einigen Bekannten hörte ich, dass sie bei ihrem Outing ihrer Familie gegenüber teilweise richtigen Ärger bekamen. Einer wurde sogar rausgeschmissen und konnte erst einige Monate später wieder heim kommen. Wie war das bei dir?

Also das Outing meiner Familie gegenüber ist noch gar nicht mal so lange her.  Meine Freunde wissen das schon seit langem aber vor meiner Familie war das schon immer etwas schwierig. Ich habe  gemerkt, dass ich das offizielle Outen  einfach nicht mag. Ich meine, wer erklärt sich denn schon gerne bezüglich seiner Sexualität? Das müssen Heteros ja auch nicht! Also  habe ich meistens einfach Andeutungen gemacht, die die meisten Personen erstmal verwirrt haben und entweder sie kamen dann auf mich zu und haben mich direkt gefragt oder haben andere Freunde gefragt, ob ich denn schwul sei. Bei meiner Familie bzw. meiner Mutter und meinen Geschwistern habe ich das einfach so gemacht, dass ich meinen Freund immer zu den Besuchen bei meiner Mutter mitgebracht habe, bis sie dann irgendwann meinte ich solle doch meinen Freund mit auf eine Familienfeier bringen. So war das dann raus. Ganz ohne Stress und Streit. Der Vorteil war denke ich aber auch, dass ich nicht mehr daheim gewohnt habe und zu meinem Vater kaum noch Kontakt habe. Er hätte bestimmt anders reagiert und einen Aufstand gemacht.


Was ist so die unmöglichste Frage, die man dir im Bezug auf Homosexualität stellen kann?

Definitiv diese: „Wie hast du denn eigentlich gemerkt, dass du schwul bist?“ Zunächst habe ich mir immer Gedanken gemacht wie ich diese Frage denn am Besten beantworten kann, damit man das nachvollziehen kann, aber es gibt nur eine einzige Antwort auf diese Frage und das ist die Gegenfrage, wie man es denn merkt dass man hetero ist!? Genau! Man ist es einfach! Oder hast du dich dazu irgendwann mal entschieden hetero zu sein?

Nein natürlich machte ich mir darüber auch nie Gedanken. Fühlst du dich oft genervt oder eher diskriminiert. Hängt wohl von der Situation ab, oder?

Diskriminiert fühle ich mich dadurch nicht, genervt trifft es schon eher. Aber nicht die Frage an sich nervt, sondern die Anzahl wie oft ich diese schon zu hören bekommen habe!


Du bewegst dich in der HC-Szene schon lange bevor du GEL gegründet hast. Wurdest du da bzgl. Deiner Homosexualität schon einmal diskriminiert oder gar bedroht?

Bisher ist mir in dieser Richtung noch nichts passiert, aber ich bin auf Konzerten ja auch nur ein Mensch wie jede/r andere. Klar wissen da  einige, dass ich schwul bin aber das sind dann schon eher die Menschen, die ich gut kenne, denn ich hab das ja nicht auf der Stirn stehen. Aber auch seitdem ich mit meinem Freund zusammen bin sind wir auf Konzerten eher verhalten und wirken eher als Freunde als ein Paar, da wir uns dort nicht vor allen küssen. Dennoch habe ich auf Konzerten schon mal „Scheiß Schwuchtel“ zu hören bekommen, wo ich mir nicht wirklich sicher bin ob das auf mich bezogen war oder nicht. Aber das ist auch ganz egal denn solche Aussagen haben dort nichts verloren und auch sonst nirgends. Das gilt genauso wie etwas als „schwul“ zu degradieren!

Weil dein Freund und du auf solchen Veranstaltungen nicht knutschen könnt ohne angegafft zu werden, wäre das für dich ein Grund im Stile einer Frauen-/Lesbendisco, eine Männer-/Schwulendisco gutzuheißen?

Natürlich gehe ich auch ab und an mal auf eine Schwulenparty und finde es auch echt angenehm dort die Beziehung mit meinem Freund ausleben zu können ganz ohne dumme Blicke, aber eigentlich sollte das auch auf jeder anderen Party möglich sein! Wenn man sich immer nur solche Partys aussucht, wo man nicht angegafft wird, wird sich auch nie was ändern denn manchmal muss man die Leute auch mal damit konfrontieren und dadurch auf provozieren, auch wenn das nicht immer ganz leicht ist.


Vor rund 2 Jahren hast du alleine mit GEL begonnen. Machst du das immer noch alleine?

Ja, das mache ich noch immer alleine, bzw. lass mich natürlich immer wieder gerne von Freunden und Bekannten in Sachen Grafiken und Projekten unterstützen, da ich mich gerade in Sachen Grafiken erstellen ganz und gar nicht auskenne.

Besteht denn Interesse daran mit anderen Leuten zusammen zu arbeiten?

Klar besteht da ein großes Interesse mit anderen Leuten und Projekten zusammenzuarbeiten, denn nur wenn man sich auch gegenseitig unterstützt kann man was erreichen. Es ist oftmals auch einfach viel leichter und kommt viel mehr rum, wenn mehrere Personen zusammen was starten.

Aus deinem Engagement heraus ist ein Sampler entstanden, der mittlerweile ausverkauft ist. Wird es eine zweite Auflage geben?

Genau, der „Rotten Schwuchtel Sampler“. Die Zweitauflage ist gerade in Arbeit. Diesmal übernimmt das komplett René vom Grandioso Versand. Die Erstauflage entstand in Zusammenarbeit zwischen Meineid Buttons und g.e.l. und war auch ein Haufen Arbeit, das alles als Package anzubieten. Die Zweitauflage wird „nur“ noch aus dem Tape an sich bestehen und nicht mehr inkl. Sticker, Button, Patch, CD-R usw.. Da aber nach 100 verkauften Tapes noch immer Nachfrage besteht, was ich zu Beginn wirklich nicht gedacht hätte, wird die Zweitauflage in Kürze erhältlich sein!

Wie war denn das Feedback darauf?

Das Feedback war durchweg positiv! Es gibt sogar ein paar Reviews, wie z.B. in der Plastic Bomb #64, wo der Sampler als einer der Besten, der ihnen  je zum Besprechen zugeschickt wurde beschrieben wird. Uns ist es einfach irgendwie gelungen haufenweise super Bands auf einem Sampler unter einem guten Thema zusammenzubringen. Ich denke das hat meinem Projekt auch geholfen ernster genommen zu werden, da sich gerade am Anfang viel negativ darüber ausgelassen wurde.

Inwiefern, werd‘ mal konkreter.

Naja, wie schon erwähnt gab es haufenweise Hassmails und eine rießen  Diskussion auf dem poisonfree Forum, wo jedes Wort auf die Goldwage gelegt wurde und alles nur in den Dreck gezogen wurde. Beispielsweise wurde mir vorgeworfen, dass ich den rosa Winkel auf Logos verwende, der bekannterweise in Konzentrationslagern verwendet wurde um die gefangenen  Homosexuellen zu kennzeichnen. Jedoch wandelte sich dieses ursprünglich negativ belastete Zeichen, in ein Zeichen der Schwulenbewegung und symbolisiert  heute das Selbstbewusstsein der Homosexuellen. Einige der Forennutzer wollten es einfach nicht akzeptieren, dass sich die Bedeutung eines ehemals negativ belasteten Symbol in das komplette Gegenteil wandeln kann, jedoch gibt es da noch haufenweise andere Symbole aus anderen Bereichen dessen Bedeutungen sich über die Jahre geändert hat.

Gibt es außerdem Aktionen oder Unternehmungen, die du gemacht hast, oder ist diesbezüglich etwas in geplant?

Es gab schon diverse Flyeraktionen, die zunächst einmal auf das bestehende Problem der Homophobie  aufmerksam machen sollten. Zudem habe ich letztes Jahr versucht am Internationalen Tag gegen Homophobie  (17. Mai!) eine Aktion zu starten, die sich im Endeffekt nur auf einen Flyer mit Infos zu diesem Tag und einem tollen Banner  beschränkt hat, was aber für sehr viele Leute durchaus informativ war, da sie nicht wussten dass es einen solchen Tag überhaupt gibt und was dahinter steckt. Geplant ist aber auf jeden Fall auf diversen Konzerten einen Infostand zu machen und vielleicht auch anti homophobe Veranstaltungen und Konzerte zu organisieren. Bisher habe ich nur bei ein paar Veranstaltungen mitwirken können.

Hattest du schon einmal Ärger wegen GEL bekommen?

Klar gab es schon haufenweise Hassmails, dumme Diskussionen und Kommentare wie, dass Schwuchteln nichts im Hardcore/Punk verloren haben und dass die Aktion absolut unnötig wäre. Die Reaktionen vieler Personen haben mich aber definitiv darin bestätigt, dass da durchaus noch einiges an Aufklärungsarbeit getan werden muss um die Homophobie aus den Köpfen der Menschen zu verbannen.

Du hast mal in einem Interview gesagt „Meiner Ansicht nach gehört zu Hardcore Respekt, Toleranz, Antifaschismus, Freundschaft, Zusammenhalt usw.“. Ist das alles? Weil die ersten drei Eigenschaften gehören wohl zum normalen Verständnis. Na und die letzten beiden Eigenschaften kannst du auf extrem vieles übertragen. Auch auf weniger gute wie bspw. Bundeswehr, Hooligans, Neo-Nazis.

Klar ist das nicht alles! Zunächst ist Hardcore an sich ja auch eher eine persönliche Definitionssache. Der/die eine legt beispielsweise einen größeren Wert auf bestimmte Dinge als der andere. Für manche zählt Straight Edge zwangsläufig dazu, für manche nicht. Die Hardcore Szene soll einfach einen subkulturellen Raum darstellen, in dem sich Menschen zusammenfinden, die sich der Gesellschaft gegenüber kritisch äußern und etwas verändern möchten, nicht einfach alles unreflektiert hinnehmen . Außerdem getrieben durch den DIY- Gedanken sich selbst zu verwirklichen und sich so darzustellen wie man ist, nicht so wie anderen wollen dass man ist aber niemals sein wird.

Die bekannteste Veranstaltung, die hauptsächlich etwas mit Homosexualität zu tun hat, ist der Christopher Street Day. Erklär uns doch bitte mal, woher der Name kommt, wie der CSD entstand, wie er sich entwickelte und wie du heute dazu stehst. Auf heute bezogen kommt er mir eher vor wie ein Kasperletheater und ist von seinen Grundsätzen so weit weg, wie bspw. die Love-Parade, oder?

Der Christopher Street Day war ursprünglich eine Demonstration und Gedenkparade an den ersten bekannt gewordenen Aufstand von Homosexuellen am 28.06.1969 in der Christopher Street  in New York.  Damals gab es haufenweise Polizeirazzien in Homo-Bars und die Gäste wurden regelrecht schikaniert, bis zu dem genannten Tag, als sich die Homosexuellen dagegen auflehnten und sich mehrtägige Straßenschlachten lieferten. Anschließend wurde jedes Jahr ein Straßenumzug in New York veranstaltet  und 1979 auch erstmals in Deutschland. Mittlerweile ist aus dem CSD ein reines Schaulaufen entstanden und erinnert eher an einen Karnevalsumzug als an eine Demonstration und hat bis auf den Namen auch noch kaum Bezug zu dem Ursprung. In einigen  Ländern jedoch muss die Parade auch heute noch von der Polizei geschützt werden, um von Homophobie getriebene  Angriffe zu vermeiden. Allgemein gesehen ist der CSD heute jedoch keine politische Veranstaltung mehr, sondern dient eher dazu in eine andere Stadt zu fahren, neue Leute kennenzulernen, sich selbst zu feiern und seinen sexuellen Fetisch zu präsentieren.

Einige Hardcore-Klassiker-Bands sprachen sich offen gegen Homosexualität aus – Bad Brains – oder ängstigten sich davor – Agnostic Front. Was glaubst du, bringt jemanden zu solch einer Aussage und gibt es noch mehr bekannte Bands/Persönlichkeiten, die sich als Hirnprinzen outen?

Also die Bad Brains sprechen sich aufgrund ihrer Religion bzw. ihres Rastafari-Glaubens gegen die Homosexualität aus, was für mich jedoch nicht als Entschuldigung dient oder dienen kann. Genau wie einfach zu viele Menschen die Bad Brains abfeiern, die diese homophobe Einstellung gar nicht teilen, aber die Musik eben toll finden. Für mich einfach unverständlich wie man Bands aufgrund der Mukke supporten kann und teilweise die Texte dabei einfach außer Acht läßt, nur weil die Bands so gehypt werden. Da kann das ja alles gar nicht so schlimm sein. Was Agnostic Front und andere, vor allem Beatdown/Mosh Bands dazu bringt Schwule zu hassen oder vor Homosexualität zu ängstigen – naja gute Frage! Homophobie ist oft bedingt durch die eigene Unsicherheit über die eigene Sexualität oder der Angst davor zu weiblich zu wirken, was dann wieder dieses prollige/überspitzt Männlich wirkende verursacht.

Mittlerweile gibt es Bands, die offen gegen Homophobie angehen oder sich einen Spaß daraus machen Schwulenfeinde aufs Korn zu nehmen – Black Fag, Gayrilla Biscuits und Youth Of Togay. Die sind aber alle aus den US and A, gibt’s solche Combos eigentlich auch bei uns?

Leider gibt es solche Bands bei uns nicht, also zumindest keine Queercore Bands. Jedoch gibt es haufenweise Bands, die sich mit dem Thema Homosexualität/Homophobie textlich auseinandersetzen und ich habe auch das Gefühl, dass es immer mehr werden was mich sehr freut! Einige dieser Bands sind auf dem Rotten Schwuchtel Sampler zu finden!

Hardcore an sich ist heute ziemlich körperbetont, hat viel mit Muskeln und Macho-Gehabe zu tun. Außerdem, wie erwähnt gibt es genügend intolerantes Pack. War deshalb mal bei dir ein Punkt erreicht dieser Szene den Rücken zu kehren? Falls nein, warum nicht?

Leider taucht echt immer mehr Macho-Gehabe im Hardcore auf, was es definitiv nicht sollte!

Ich habe niemals darüber auch nur nachgedacht dieser Szene den Rücken zu kehren, da ich die Musik und diese ganze Subkultur an sich sehr gerne mag. Nur komme ich nicht mit bestimmten, nicht überall vorhandenen Aspekten klar. Und gegen diese gehe ich vor! Im Grunde genommen ist es eine Szene aber man kann definitiv sagen, dass der Oldschoolbereich gegenüber dem Mosh/Bollo-Bereich wesentlich offener ist und Homosexualität eher akzeptiert.

Diesem Artikel viel hinzuzufügen gibt es nicht. Außer vielleicht, dass es demnächst auch Shirts mit dem GEL-Logo geben wird. Damit soll dann wieder etwas Kohle in Bennis Kasse gespült werden, mit der wiederum weitere Sachen finanziert werden sollen wodurch die Gay Edge Liberation bekannter gemacht werden soll. Übrigens freut sich der tapfere Einzelkämpfer natürlich auch immer, wenn sein Logo auf Flyer, Plakaten oder sonstwo erscheint. In diesem Sinne und damit ich endlich mal wieder Antidote erwähnen/zitieren darf: Fuck Homophobia!

Bocky

www.myspace.com/gayedgeliberation



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