bernemann01(Taschenbuch, Ubooks Verlag, 118 Seiten, 9,95 Euro)
Aussichtslos, finster, morbid und schonungslos – das wären so die Schlagworte mit denen sich das Erstlingswerk von Dirk Bernemann beschreiben ließe. Das Buch liefert szenisch und episodenhaft in 13 Kapiteln intime Einblicke in kaputte Lebenswelten und menschliche Abgründe. 13 mal spritzendes Blut, platzende Schädel und zermatschte Gedärme. Jedes Kapitel hat seine eigene Hauptperson, die von ihrem Schicksal erzählt. Sprachlich jeweils an die Psyche angepasst. Und die Szenen beschreiben die Gefühlswelt kurz vor der Eskalation. Der Clou ist, dass sich die 13 ganz unterschiedlichen Schicksale quasi die Klinke in die Hand geben, sich sozusagen kettenreaktionsmäßig bedingen. Ein Staffellauf der kranken Gehirne, wobei der Stab von Kapitel zu Kapitel weiter gegeben wird. Wer wissen will, was ein durchgeknallter Multidrogist, der im Wahn –äußerst brutal – seine Freundin umbringt, ein skrupelloser und selbstgerechter Bulle mit Allmachtsvorstellungen, ein herrischer, vom Verlauf seines Lebens enttäuschter Endfünfziger, ein skrupelloser und wortkarger Auftragskiller, eine frisch verliebte, von ihrem Job angeekelte Nutte, die den Ausstieg sucht, ein Straßenbahnfahrer, der eine Selbstmörderin überfährt und danach sein Heil in Gott und Alkohol sucht, eine kollabierende Technotusse, die in der Notaufnahme landet, ein linksorientierter Sanitäter beim Großeinsatz nach einem Attentat auf die Chemiefabrik, die arbeitslose Musikerin und ihre nicht gerade alltäglichen Erlebnisse beim ersten Gig der Band, den Kontaktanzeigenbeantworter, den Obdachlosen, der die Stiefel einen Horde Hools kennen lernt, den perspektivlosen, aber verliebte Jugendlichen, der seine Freunde mit dem Auto in den Tod rast und die verzweifelte Mutter, die den Tod ihres Sohnes nicht verkraften kann, gemeinsam haben, der sollte unbedingt „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ lesen. Zart besaitet sollte man dazu aber nicht sein. Eher hart gesotten. Der Titel des Buches scheint zunächst etwas kryptisch zu sein, erklärt sich aber bald von selbst. Das letzte Viertel des Bandes wird von Gedichten Dirk Bernemanns eingenommen. Die sind zwar etwas weniger brutal, aber genau so morbid und kryptisch wie im „Roman“ äußert Bernemann seine tiefe Aversion gegen die Gesellschaft. Kurze, oft nur aus wenigen Worten bestehende Verse sind hier sein Stil. Gesellschafts- und Medienkritik, Sehnsucht nach Geborgenheit. Immer wieder tauchen Themen wie „Küssen“ und „Selbstmord“ auf. Ein einziger Aufruf zum Widerstand gegen den Mainstream und gegen das Diktat der Mehrheit. Okay, die Gedichte sind für mich jetzt nicht unbedingt gewinnbringend, schon allein aus dem Grund, dass ich mit Gedichten relativ wenig anfangen kann, aber egal, sie sind halt ein Teil des Buches. Absolut lesenswert halte ich aber die ersten 90 Seiten, denn die gehen jetzt mal so richtig in die Fresse rein. Dass ich mit meiner Meinung nicht allein dastehe, beweist der Umstand, dass „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“ inzwischen schon in der siebten Auflage erschienen ist. Sollte in keinem Haushalt des Schreckens fehlen. Nachfolgende Bücher von Dirk Bernemann werden in den nächsten Ausgaben an dieser Stelle besprochen. Verlasst Euch drauf. Obnoxious



Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen