Auf den ersten Blick haben Guns’n’Roses und Social Distortion nur wenig mit den Bovver Boys gemeinsam. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass das so nicht stimmt. Das Wichtigste zuerst: Alle drei Bands waren noch nicht oft in Österreich. Außerdem lassen alle drei fast seit Jahrzehnten auf ein neues Album warten. Bei Guns’n’Roses hatte sogar ein Limonadenabfüller ein Gratiscola für die Fans ausgelobt, sollte je ein neues Album erscheinen … Jetzt heißt es spendieren …!

Leider ist bei den Bovver Boys noch kein Getränke-Hersteller in diese Bresche gesprungen und sponsert ein kühles Blondes zum Erscheinen ihres zweiten Albums „Tooled For Trouble“. Traurig, aber leider wahr. Gefragt ist hier der Einsatz der Band selbst oder wenigstens eines mutigen Labels … Die Bovver Boys haben mit Sunny Bastards und Contra Records gleich zwei davon, eines für CD und eines für Vinyl. Entweder man hat’s oder eben nicht. Da sollte sich jetzt der ein oder andere der beiden Labelbosse angesprochen fühlen und dieses „sportliche“ Ereignis (um nicht gleich von einem „Wunder“ zu sprechen), gebührend lobpreisen und bei den nächsten Konzerten fleißig Bierchen spenden …

Ganz ohne Bier hat sich Tom, der Schlagwerker der Band, zum Interview bereit gefunden. Lest also, warum die „langsamste Band der Welt“ („Everything langsamer than Anything else“, um Lemmy zu zitieren) noch immer bereit für Stress ist.

Also frisch auf, und losgelegt …! Ihr seid seit eurem Debüt bald zu einer der bekanntesten Oi!-Combos geworden. Durch eure Albumabstinenz und die längere Bandpause haben euch eventuell einige schon wieder vergessen. Stellt euch deshalb bitte doch einmal vor. Wer seid ihr, seit wann und warum?

Tom (T): Ja, wir sind schon faule Säcke, was das veröffentlichen von Tonträgern angeht. Zwei EPs, zwei CDs und einige Samplerbeiträge sind in 16 Jahren nicht viel. Dafür waren wir aber in den letzten Jahren live sehr viel unterwegs.

Gegründet haben Steve, Rainer und Tom (ich) die Band im Frühjahr 1992. `97 kam dann mit Egger ein zweiter Gittarist dazu und 2001 stieg dann Harti als fünfter Mann mit ein und Steve hat sich nur noch auf den Gesang konzentriert.

Ihr habt euch 1992 gegründet. Auf eurer myspace-Seite und auch in verschiedenen Interviews ist immer wieder zu lesen, dass es euch seit 13 Jahren gibt. Was stimmt denn jetzt? Bitte Klarheit …!

Ja, uns gibt es schon seid über 16 Jahren, aber 2002 kurz nach den Aufnahmen zur „Welcome To Borderland“-CD haben wir für zwei Jahre Pause gemacht.

Wie kommt es bei euch immer wieder zu den längeren Auszeiten? Was ist da bei euch los?

Na, das war bis jetzt die einzige Auszeit. Die Pause hatte mehrere Gründe, neben Familienzuwachs und unsere Involvierung in andere musikalische Projekte, so wie musikalischen Differenzen fehlte letztendlich auch die Motivation ohne Plattenlabel weiterzumachen. Ende 2004 haben wir uns dann nochmals für einen Auftritt zusammen getan. Die Resonanz darauf war so gut, dass uns gleich Anschlusskonzerte angeboten wurden und wenig später machten Sunny Bastards Records uns das Angebot, unsere Aufnahmen für „Welcome To Borderland“ zu veröffentlichen. Seitdem läuft es dann auch für uns wieder so richtig gut und die Motivation ist wieder da. Ich denke Sunny und Christian von SB Records haben schon einen großen Anteil daran, das es die Bovver Boys in dieser Form überhaupt noch gibt.

Vor allem durch Harti an der Gitarre und dem Kontrabass habt ihr euch seit der Bandgründung ein Stück weit in Richtung Punk’n’Roll, Rock’n’Roll entwickelt. Seht ihr euch noch als Streetpunkband? Wo seht ihr euch im Vergleich zu eurem Debütalbum „Bullets Over Borderland“?

Ja, Hartis Wurzeln in der Rockabilly und Psychobilly Szene der 80er haben sich schon auf unseren Sound ausgewirkt und wir sind um einiges Rock`n`Rolliger geworden als noch auf den beiden EPs. Obwohl wir schon immer mit Rock`n`Roll- und Country-Elementen in einigen Songs gearbeitet haben. Ein schönes Bespiel dafür ist unser Song „Downtown“, den wir schon für eine der EPs Mitte der `90er aufgenommen haben und jetzt für die aktuelle „Tooled For Trouble“-LP/CD neu eingespielt haben. Hartis Kontrabass-Einsatz gab es nur bei dem Song „Blood On The Strings“ auf der Debut-LP, der Song bot sich ja geradezu für so was an. Wir sehen uns aber immer noch als Punkrock- oder Oi!-Band, weil `77er-Punk und britischer `80er Jahre England-Oi! sind und bleiben unsere Wurzeln. Im Vergleich zur Debüt-CD haben wir uns schon musikalisch und vom Songwriting her verbessert. Es liegen ja auch sieben Jahre zwischen den Aufnahmen, aber unserem Stil sind wir treu geblieben.

Ihr seid alle noch in verschiedenen Bands aktiv. Harti ist bei den Phantom Rockers, Steve bei Urban Rejects, Egger und Tom bei den Teenage Astro Dictators, die mir persönlich nichts sagen. Was sind eure jeweiligen Hauptprojekte? Warum die unterschiedlichen Bands?

Wenn es die Zeit zulässt ist Harti immer noch bei einigen der Europashows der Phantom Rockers dabei. Mark Burke der Bandleader ist ja seid einigen Jahren nach Amerika gezogen und macht dort mit neuen Leuten weiter. Steve spielt bei Urban Rejects Gitarre und wir versuchen möglichst so oft es geht gemeinsam aufzutreten um das unter einen Hut zu bekommen. Teenage Astro Dictators war ein Horrorpunk-Projekt im Stile der Misfits, Ramones und Angry Samoans mit Beteiligung von Egger und Tom. Das liegt aber erstmal aus Zeitgründen auf Eis. Ja, es war ziemlich schwierig so viele Projekte unter einen Hut zu bringen, aber neben den Bovver Boys wollten wir auch immer musikalisch was anderes machen, was uns am Herzen lag. Auch Rainer hatte parallel mit den Quicksteps und Steppin` Out immer eine Skaband am Start. Jetzt stehen bei uns aber klar die Bovver Boys an erster Stelle.

Wie lassen sich die unterschiedlichen Bands mit dem Alltag unter einen Hut bringen?

Das war halt schwierig. Wenn Harti nicht konnte, hat Steve wieder zur Gitarre gegriffen oder wir haben halt versucht gemeinsame Auftritte zu bekommen. Jetzt mit den Urban Rejects klappt das auch ganz gut.

Euer Lied „Stupid Faces“ setzt sich mit der Maloche in normalen Jobs auseinander. Ihr habt alle, soweit ich weiß, „normale“ Jobs. Verdient ihr mit der Musik nicht genug oder ist das „Working Class“-Attitude? Könnt ihr etwas über die Geschichte dieses Liedes erzählen?

Nein, von der Musik können und wollen wir auch nicht leben. Das ist mit Familie dann doch zu unsicher und wäre ein zu großer Zeitaufwand. Harti hat einige Jahre davon neben dem Studium gelebt, war aber dann auch oft als Tourmanager, Musiker und Gitarrenlehrer schwerstens unterwegs und eingespannt. „Working Class“ ist bei uns keine Attitüde, sondern Realität, Musik ist nur unser Hobby.

In „Supid Faces“ geht es darum, wie man von bürgerlichen Leuten auf dem Weg zur Arbeit angestarrt wird, wenn man anders aussieht und einer Subkultur angehört.

Dann hab’ ich das wohl nicht ganz kapiert. Viele Arbeiter, Mitglieder der „Working Class“ wollen einfach ihren Job machen, Familie, TV und ansonsten in Ruhe gelassen werden. Wo steht ihr da? Euer neues Stück „Dreams Of Revolution“ ruft zur Revolution auf, falls ich das richtig verstanden habe, aber nur als schöner Traum. Warum denkt ihr, dass eine Revolution unwahrscheinlich ist? Wie sollte eine sinnvolle Revolution aussehen?

Ja, so ist es leider heutzutage. Das Klassenbewusstsein ist durch den Einfluss der Medien und die Umwälzung der Gesellschaft leider abhanden gekommen. Manche Leute schämen sich sogar dafür, wenn sie „nur“ in einen Handwerks oder Industrieberuf arbeiten. Für eine Revolution geht es aber den Menschen hier noch viel zu gut. „Dreams Of Revolution“ handelt aber von Leuten aus der Mittel- und Oberschicht, die vor dem Hintergrund eines reichen Elternhauses große Worte schwingen und sich als Weltverbesserer aufspielen und nach der Beendigung Ihres Studiums genauso werden wie Ihre meist kapitalistischen Eltern. Eine sinnvolle Revolution? Vielleicht sollte man erstmal versuchen, was nach seinen Möglichkeiten und im seinem Umfeld zu verbessern. Die Zeit der großen Umwälzungen scheint nach dem Niedergang des Kommunismus wohl endgültig vorbei zu sein.

Was haltet ihr davon, dass Christian Klar, Ex-RAF-Mitglied und mehrfacher Mörder vorzeitig aus der Haft entlassen wurde?

Warum sollte man Klar anders behandeln als andere Mörder auch? Damit würde man ihn nur zum Märtyrer machen.

Ein „Bovver Boy“ ist im Cockney-Slang entweder ein Skinhead oder ein aggressiver Trottel  – was nicht immer ein Widerspruch sein muss. Könnt ihr euch noch mit dem Bandnamen identifizieren. Mittlerweile seid ihr ja einige Jährchen älter geworden …

Ja, wir sind jetzt alle jenseits der 40. Bovver-Senioren wäre wohl angebracht, aber nach wie vor ist der Name treffend und weißt auf unsere Wurzeln in der Skinheadszene hin, obwohl nur noch drei Mitglieder der Band Skinheads sind.

Kommen wir zur Szenepolizei … Ein immer wieder beliebtes Thema. In „The Vans And Converse Army“ thematisiert ihr die Punkrockmode- und Gesinnungspolizei. Was heißt Punkrock heute für euch? Ist Punkrock noch individuell, was meint ihr?

In „Vans And Converse Army“ geht es darum, dass Punkrock für viele Leute nur noch zu einen Modestil von vielen geworden ist. Wir wünschen uns da doch mehr Attitüde, Wut und 77er-Purismus zurück. Manche Leute scheinen sich nur noch über Ihre Markenklamotten und Ihre My Space-Seite profilieren zu können. Für uns heißt Punkrock nach wie vor, selber aktiv zu werden und dem Mainstream und dem Konsumterror etwas Subkulturelles entgegenzustellen – sei es als Band, Veranstalter oder Fanziner.

Euer neues Album „Tooled For Trouble“ wurde schon lange erwartet. Wie sind die Reaktionen bisher? Wo seht ihr die Unterschiede zum Debüt-Album?

Die Reaktionen auf das neue Album waren mehr als vielversprechend. Die Kritiken in den alternativen Medien waren meist sehr gut. Wir hoffen aber, dass das Album nicht nur bei den Rezensenten gut ankommt, sondern auch bei unser normalen „Kundschaft“. Bis jetzt lief der Verkauf aber gut an und viele Leute fanden es besser als das erste Album.

Eure Musik ist wie gewohnt ready to Krawall. Woher kommt der Aggro bei euch?  Ganz jung seid ihr ja nicht mehr …

Auch mit über 40 haben wir immer noch genug Wut gegenüber Dingen und Ungerechtigkeiten, die in dieser Gesellschaft und direkt um uns herum passieren. Sicher sind viele Texte auch persönlicher geworden, aber musikalisch haben wir immer noch die Energie – wie am Anfang.

Lebt ihr in nur in der Musik oder auch anderweitig aus (als „erlebnisorientierte Fußballfans“ etc.)

Unsere „schlimmen“ Zeiten sind altersbedingt ja schon vorbei. Ab und an gibt es aber noch Situationen, die sich nur durch einen körperlichen Verweis klären lassen und da halten wir bestimmt nicht die linke und rechte Backe hin. „Erlebnisorientierter Fußball-Fan“ war keiner von uns. Rainer und Egger gehen zwar regelmäßig zu ihren Vereinen Alemania Aachen bzw. Borussia Mönchengladbach. Sie halten sich aber möglichst aus solchen Situationen raus. Harti und Stephan können mit Fußball überhaupt nichts anfangen, sind aber dafür seit Jahren begeisterte Rugbyspieler. Harti trainiert sogar beim Rugby-Club Aachen den Nachwuchs.

Man hört oft bei euch die alten britischen Streetpunk-Klassiker heraus. Welche Bands haben euch am meisten beeinflusst?

Das freut uns, dass man das hört. Wir sind halt Alle mit Bands wie Angelic Upstarts, Peter And The Testube Babies, Red Alert, Undertones, Buzzcocks, 4-Skins, Stiff Little Fingers und Ejected in den frühen 1980ern aufgewachsen. Das ist immer noch der Haupteinfluss auf den Sound unser Band. Uns gefallen aber auch neue Sachen wie U. S. Bombs, Swinging Utters und Generators.

Viele von euch haben Familie. Welcher der neuen Songs gefällt euren Kindern am Besten?

Ja, wir haben drei Familienväter am Bord. Steves Kinder waren letztens zum ersten mal mit bei einen Konzert und restlos begeistert, was der Papa und seine Freunde so machen. Harti ist mit seinen Sohn schon mal ab und an im Proberaum und haut auf die Trommeln und spielt die Melodie von „Bob, der Baumeister“ dazu. Meine Tochter ist mit einen halben Jahr noch zu jung für so was, aber bei den anderen Kids ist „Downtown“ der Renner.

Eure Texte sind zum Teil sehr sozialkritisch. Welche Bedeutung haben die Texte für euch? Glaubt ihr, dass ihr durch eure Songs etwas verändern könnt?

Uns sind die Texte schon sehr wichtig und wir hoffen, dem Einen oder Anderen schon einen Anstoß zum Nachdenken geben zu können. Mit erhobenen Zeigefinger wollen wir aber nicht `rumrennen. Ich denke mit den meisten angesprochenen Dingen und Situationen kann sich unser Publikum aber identifizieren, da es sicher Ähnliches erlebt hat.

Wie entstehen eure Songs? Abgesehen davon, dass ihr euch SEHR viel Zeit lasst, meine ich natürlich …

Steve schreibt bei uns alle Songs und Texte und im Proberaum machen wir dann zusammen das Arrangement. Meist hat dann einer von unseren Gitarrenleuten noch gute Ideen für Solos und Riffs und die Backing-Chöre kommen auch noch dazu. Ja, wir lassen uns viel Zeit, oft verwerfen wir auch wieder Sachen mit denen nicht alle zufrieden sind oder die live nicht funktioniert haben.

Das fehlt noch: Wann kommt ihr nach Österreich?

Wir haben im November zum ersten mal in Österreich gespielt und zwar in Linz im „Ann Und Pat“. Wir hoffen, dass in der Zukunft noch weitere Gigs – trotz der Entfernung von fast 900km – folgen werden.

Und was kommt jetzt?

Im Sommer stehen neben den üblichen Clubshows erstmal einige Festivals, wie das „Force Attack“ und „Total Oi!“ an. Im Herbst werden wir sicherlich wieder eine kleine Tour machen und hoffen dann auch wieder einige Songs aufzunehmen. Ansonsten möchte unser Vinyl-Label Contra Records, das Debüt-Album erstmalig als Vinyl auflegen. Mal sehen ob da Bedarf ist.

Wer sich über unser Schaffen informieren will, soll einen Blick auf unser My-space-Profil werfen. Dort erfahrt Ihr immer die aktuellen Projekte: www.myspace.com/bovverboys

Danke fürs Interview!

Igor Frost

http://www.myspace.com/bovverboys



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