heebeejeebees480(Taschenbuch, Ventil Verlag, 299 Seiten, 17,90 Euro)
Als ich das Buch mit einem Live-Foto von Joey Ramone auf dem Cover auf der Ventil-Homepage entdeckte und den Untertitel „Die jüdischen Wurzeln des Punk“ las, war ich sofort mehr als neugierig. In einer Art Übersprungreaktion forderte ich es noch im selben Moment und ohne ein zweites Mal zu überlegen zur Besprechung an. Aber kaum drei Sekunden nachdem ich den Senden-Button im Email-Programm gedrückt hatte, wurde ich skeptisch. Was soll das denn jetzt für eine Scheiße sein? „Die jüdischen Wurzeln des Punk“? Wo gibt’s denn so was? Tut so was wirklich Not? Ist Punk nicht eine Weltanschauung, die sich von Anfang an über althergebrachte Grenzen und Gehirnschranken hinwegsetzen wollte? Was hat Punkrock denn bitte schön mit den religiösen Wurzeln zu tun? Will man sich nicht von dem ganzen klerikalen Quatsch emanzipieren und distanzieren? Wozu braucht es also bitte ein 300 Seiten dickes Buch zum Thema? Um eingerissene Mauern wieder aufzubauen? Um sich wichtig zu machen? Ratlos schluckte ich nachts um halb drei die letzten Schlucke Bier einer Punkrock!-Nachtschicht in mich hinein und irrte Richtung Bett. Dummerweise wurde das Buch auch noch wenige Tage später frei Haus geliefert. Jetzt hatte ich den Salat! Was machen damit? Ich schlich um den Brocken herum wie ein räudiger Geier, der darauf wartet, dass seine Beute endlich verreckt und er sie endlich fressen kann. So lange sie aber noch lebt, traut er sich dann doch lieber nicht dran. Sie könnte sich ja wehren. Trotzdem wurde ich immer mutiger, nahm das Buch in ganz beherzten Momenten zur Hand und blätterte darin. Aha, Fotos sind also auch welche drin. Viele bekannte Gesichter. Ist ja interessant, war der auch ein Jude? Überlegt. Gut. Danach im Inhaltsverzeichnis die Kapitelüberschriften gelesen und nur um mal einige zu nennen: „Eine jüdisch-amerikanische Band – Die hebräischen Grundlagen der Ramones“. Bitte was? „Hotsy-Totsy Nazi Schatzis – Nazi-Symbole und die Endlösung der Endlösung“. Weia, was soll das denn? „ Write Yiddish, Cast British – Wie England den jüdischen Punk stahl“. Also doch wieder die Tommys? Ich war schwer beeindruckt, schnell weg mit dem Schinken! Tage später: Das Vorwort gelesen. Überschrift: „Die jüdischen Punks, die Kabbalisten des Rock“, geschrieben von einem Literaturwissenschaftler, der gleichzeitig Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz ist. Ganz hartes Brot zu lesen. Buch ganz unten im Stapel versteckt. Großer Respekt! Trotzdem irgendwann festgestellt: Ich muss dieses Buch lesen. Ich habe es zum Besprechen angefordert, dann wird es auch gelesen! Das ging dann aber auch ganz gut. Um es noch mal zu verdeutlichen: In „Die Heebie-Jeebies im CBGB’s“ geht es um die ganzen Jungs und Mädels die in den 70ern New York Punkrock-mäßig zum Brodeln gebracht haben. Das Buch konzentriert sich also auf den Big Apple und setzt sich mit den bekannten Protagonisten auseinander, die als erste Generation nach dem Holocaust in Amerika sein Dasein bewältigen musste. Klar mussten aus solchen zwangsweise Punkrocker werden… oder vielleicht ja doch nicht. Jedenfalls liegt Steven Lee Beeber sehr viel daran es immer wieder zu betonen, welch großen Einfluss die ganzen Juden-Punks auf die Szene in New York hatten. Und genau das nervt ein bisschen an dem Buch. Die jüdischen Legosteine sind die „Superhelden“ die wissen, wo der Bartel den Moscht holt. Aber da fragt man sich schon: Und was ist mit den anderen? Haben die nur abgeschrieben? Wenn man diesen Kloß erstmal geschluckt hat, kann man das Buch aber durchaus als gewinnbringende Informationsquelle verbuchen. Viele Zitate, Anekdoten, Innenansichten, für deren Vermittlung man woanders lange für anstehen muss. So, ich geh jetzt in die Synagoge! P.S.: Kann mal jemand ein Buch über die Punks, deren Eltern Buchbinder waren, schreiben? Obnoxious



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