reynolds(Hardcover, Hannibal Verlag, 576 Seiten, 29,90 Euro)
Postpunk – was ist das? Der abgewetzte Typ, der mir täglich die Mahnungen in den Briefkasten wirft? Oder der abgerissene Jungpunk, der am Stadtbrunnen den Passanten ein „Haste mal ’ne Marke für mich“ ins Gesicht rülpst? Oder die Endzwanzigerin mit dem Lippenpiercing und dem Arschgeweih, die mein Postbankkonto sicher im Blick hat? Simon Reynolds weiß es besser. Für ihn, den hauptberuflichen Pop-Journalisten, der neben seinen Büchern u.a. auch für die New York Times, The Guardian und Rolling Stone schreibt, ist Postpunk die musikalische Epoche nach Punk von 1978 bis 1984. Als geborener Londoner befasst er sich in seinem Buch aber größtenteils mit der britischen Sektion des Postpunks. Von P.I.L., Wire, Buzzcocks, The Slits über Scritti Politti, The Fall, Joy Division, The Human League, Gang Of Four bis hin zu U 2, Frankie Goes To Hollywood und ABC ist alles Postpunk. Aber was verbindet diese Bands außer ihrer Geschichte nach dem schnellen Ende von Punkrock. Dem Punkrock, der angetreten ist, die Welt zu revolutionieren und doch auf halber Strecke verreckt ist und eine Armada an orientierungslosen, halbwüchsigen Quantensprünglern hinter sich gelassen hat? Nach Johnny Rottens berühmten Worten: “Ever get the feeling, you’ve been cheated?” Postpunk sind all die Bands, die angetreten sind, um es besser zu machen, um alles was sich Punkrock vorgenommen hat, seinem Ende zuzuführen. Oder eben einfach alles hinzuschmeißen und neu anzufangen. Jetzt mal tatsächlich die alten Grenzen einzureißen oder sich über diese hinwegzusetzen. Und das in alle möglichen Richtungen. Keine Angst vor Synthesizern und Discoklängen zu haben. Sich tatsächlich selbst zu organisieren, selbst Labels zu Gründen, Fanzines zu machen und Konzerte zu organisieren und Netzwerke zu bilden. Einige sind daran gescheitert, mussten sich doch dem Mainstream unterordnen und sind damit an ihren Idealen gescheitert. Einen Aufhänger des Buches stellt dann auch tatsächlich Johnny Rotten/Lydon dar, der nach den Sex Pistols Public Image Ltd gründete, um zu vollenden, was mit den Sex Pistols (ups, jetzt hätte ich beinahe Toten Hosen geschrieben) so spektakulär in (jetzt doch) die Hosen ging. Aber das kann bei fast 600 Seiten ja nicht alles sein. Simon Reynolds befragte während den unglaublich engmaschigen Recherchen zu seinem Buch 128 Protagonisten von damals und stellt deren Aussagen gegenüber. Dazu kommt das noch unglaublichere Fachwissen, das Reynolds zu haben scheint. Im Endeffekt entfaltet sich vor dem Leser das Allerneueste Testament. Das Testament zu einer Religion zu der es meines Wissens bisher nur fragmentarische Leserollen auf Pergament gab. Umso erstaunlicher ist die Fleißarbeit die Reynolds hier abgeliefert hat. Was hier zu lesen ist, hat jetzt mal wirklich Hand und Fuß. Ein großer Genuss ist dabei auch die Sprache in der sich Simon Reynolds auszudrücken weiß. Ein besonderer Hinweis geht an dieser Stelle jetzt endlich mal an die verdiente Übersetzerin Conny Lösch, die in diesem Buch mal wieder ihr Ausnahmekönnen unter Beweis stellt. Conny Lösch steht für Qualität, das hat sie nicht nur hier, sondern schon in vielen anderen Publikationen anschaulich bewiesen. Wer irgendwann ein Buch in die Hand bekannt, in dem die Dame als Übersetzerin verzeichnet ist, kann das Buch ohne zu überlegen kaufen. Das steht in Stein gemeißelt. Zurück zu „Schmeiß alles hin und fang neu an“: Für alle, die den Tod von Sid Vicious nicht für das Ende der Welt halten, ist dieser Schinken ein monumentales Nachschlagewerk, das allen kritischen Kritikern Stand halten kann. Wer das nicht glauben will, kann von mir aus, kacken gehen und auch weiterhin in der Bild-Zeitung blättern. Macht die Augen auf! Punkrock ist zwar nicht tot, aber er lebt nur in unserer kleinen Szene so ein bisschen vor sich hin. Weltweit gesehen war die Szene vielleicht sogar noch nie größer. Aber ohne Postpunk wäre das nicht möglich gewesen. Nicht nur in dieser Hinsicht ist dieses Buch in allen Belangen absolut lesenswert, denn Reynolds hat es wirklich drauf, das alles und noch viel mehr auch auf unterhaltsame und in jeder Hinsicht fundierte Weise unter Beweis zu stellen. Glaubt mir oder fickt Euch. Obnoxious



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