Interview mit The Rabble

| August 2nd, 2009

Vor ungefähr einem Jahr fiel mir beim Bandroster des Berliner Bookings MAD diese Combo aus Neuseeland auf. Na und da ich ne hohe Affinität zu Stylos habe, wollte ich auch wissen, wie sich das Trio von der anderen Seite des Erdballs anhört. Passend zu ihrem Outfit sind die Songs straight, ausgefeilt und technisch nahezu perfekt – Das Review zur neuen Scheibe findet ihr auch in dieser Ausgabe. Eine rundum feine Sache, die fast schon zu vollkommen ist, um noch Punk zu sein. Deshalb beschlossen die Neu-MADlerin Alex und ich, man sollte den Jungs mal auf den Zahn fühlen. Aber nicht nur deshalb, sondern vor allem auch, weil sie schlicht Spaß machen. Die Band ist übrigens Chazz Rabble – Vocals/Guitar: 22, Jamie Rabble – Bass/Vocals: 28 und Rupe Rabble – Vocals/Drumkit: 24. Mit letzterem schrieb ich dann auch hin und her.

Hi Rupe, ich hörte du und dein Bruder habt die Band aus reiner Langeweile gegründet. Wie kann ich mir das vorstellen? Wenn ich nämlich an Neuseeland denke dann stelle ich mir das immer sehr ruhig vor. Zudem hat eure Heimatstadt Orewa nicht einmal 10.000 Einwohner. Oder wächst man da genauso wie in jeder westindustriellen Stadt auf?

Die Gesellschaft in der westlichen Kultur hat eine ziemlich beschränkte Auffassung von dem, was Menschen brauchen. Das zu realisieren begann bei mir sehr früh und ich stellte fest, dass ich in die zurecht gestutzten Formen nicht passen würde. Mit Gleichaltrigen wurde mir so schnell langweilig und vor allem auch den Dingen, nach denen sie strebten. Ich wollte mehr als eine Wohnung und Steuern zahlen. Darum kämpfte ich immer schon mit meinem ganzen Herzen gegen die Vorstellung an nach der Schule direkt einen Job zu machen. Irgendwo auf dem Weg stolperte ich über Punk und mein Leben ist seitdem nicht mehr das, was es einmal war.

Mit der Band hast du mit circa 14 oder 15 Jahren begonnen. Wie kamt ihr in Neuseeland mit Punkrock in Verbindung. Gibt es bei euch eine intakte Szene?

Die Wurzeln haben wir von unseren Eltern gelernt. Deren Motto ist: „Born a rocker, die a rocker“. Chazz und ich hörten morgens auf dem Weg zur Schule immer Sex Pistols, Ramones, Stiff Little Fingers, Buzzcocks und den ganzen Kram. Ist es da ein Wunder, dass wir als Punkband endeten? Ich meine wie kann man zu Pop oder Dance Musik kommen, wenn den geilen Sound von ´77, ´82 oder Punkrock von heute hört? Da gibt es keine Chance und das ist der Grund, weshalb wir das machen, was wir machen.

Verstehe ich das richtig, deine Eltern sind Punks?

Ja, meine Eltern sind richtige Rocker. Sie haben die ganzen Konzerte 1977 in London mitgemacht. Dementsprechend viel haben wir von ihnen gelernt. Sie interessieren sich auch nach wie vor für Musik und unterstützen uns, wo sie können. Dafür und das sie uns von Kindesbeinen an zeigten, was richtige Musik ist, bin ich ihnen sehr dankbar.

Was muss denn der typische Punkrocker wissen, wenn er mal zu euch auf die Insel kommt?

Ehrlich gesagt gibt es nicht viel, womit man von einer eigenen florierenden Szene reden könnte. Es gibt keine speziellen Läden, Bars oder Clubs für die alternative Szene, dafür ist sie zu klein. Manchmal können wir in einer Bar spielen, aber unser Publikum ist schon sehr überschaubar. Zudem gibt es in ganz Neuseeland keinen einzigen Plattenladen, der auf Punk spezialisiert ist, oder in dem man die passenden Klamotten finden könnte. Wir müssen halt alles selbst machen. Unsere meisten Platten bestellen wir über das Internet und so werden wir auch auf Bands aufmerksam. Erst seit ein paar Jahren werden auch Bands aus Übersee auf unser Land aufmerksam. Ich denke es ist an uns diesen Zustand weiter voranzutreiben, damit man sehen kann, dass bei uns auch was passiert.

Ich hörte mal, dass seit dem Film „Herr der Ringe“ es einen regelrechten Touri-Boom bei euch gab. Ist das tatsächlich so und gehen euch die Leute auf den Sack?

Ehrlich gesagt ist mir noch nicht aufgefallen, dass es die Leute gibt. Dieses Land hat so viel mehr zu bieten als „Herr der Ringe“. Ich denke das finden auch jene Filmfans heraus, wenn sie hierher kommen und etwas herum reisen.

Hast du eine Meinung über Peter Jackson vor und nach „Herr der Ringe“?

Ich halte ihn für einen großartigen Filmemacher! Solltest du noch keinen seiner alten Filme kennen, dann schau dich mal nach folgenden Titeln um: Bad Taste, Braindead, Meet The Feebles, The Frighteners (Natürlich kenne ich sie alle und jeder ist ein unglaublicher Knaller für sich! Aber wer die Filme mal gesehen hat, fragt sich sicher auch, wie man solch einem Nerd 300 Milionen Dollar in die Hand drücken konnte ohne vorher zu wissen, was er aus dem Tolkien-Werk macht, Anmk. Bocky). Er hat Neuseeland als Filmland äußerst bekannt gemacht. Seither kommen ständig neue Produktionen hierher um von der Szenerie zu profitieren.

Zurück zu Band. Ihr wart über einen langen Zeitraum in England. Wie konntet ihr euch das leisten, habt ihr dort Freunde, bei denen ihr umsonst wohnen könnt?

Letztes Jahr waren wir in der Tat ganze 5 Monate am Stück in England und Europa unterwegs. Der Grund wieso es so lange war, ist, weil es uns schon sauviel Geld kostete nach England zu fliegen, weswegen wir dann auch möglichst lange bleiben wollten. Leben, wohnen und schlafen konnten wir dort bei Verwandten. Ihnen sind wir unglaublich dankbar dafür. Denn ohne sie hätte das nie geklappt. Na und auf Tour haben wir halt auch viel auf dem Boden irgendwelcher Zimmer verbracht.

Habt ihr euch schonmal überlegt nach Europa umzuziehen?

Den Gedanken haben wir eigentlich ständig im Hinterkopf. Es ist viel billiger zu touren, wenn du geografisch nicht völlig isoliert bist, wie wir es hier in Neuseeland sind. Es wäre wesentlich günstiger in die Staaten zu fliegen und wir könnten regelmäßig auf dem europäischen Festland unterwegs sein. Aber wir lieben auch unsere Heimat. Es ist ein wunderschönes Land, in das man zurückkommt, wenn man viel auf Tour war. Aber Geld spielt in unser aller Leben mittlerweile eine so große Rolle, dass auch wir nicht umhin kommen werden eine finanzielle Entscheidung zu treffen.

Ihr wart auch ein paar Tage in Deutschland. Worin bestehen für dich die Unterschiede zwischen Großbritannien und Deutschland?

Ich finde Großbritannien ist sehr patriotisch. Es gibt einen Haufen Leute, die stolz auf ihr Land sind und denen es egal ist, was auf der Welt so passiert. Deutschland neigt dazu viel politischer zu sein. Ich schätze das hat was mit der Vergangenheit und dem tyrannischen Krieg zu tun. Was Punkrock betrifft, so ist das Publikum in England meist älter, wohingegen das Publikum auf dem Kontinent deutlich jünger ist und es auch viele junge Bands gibt.

Worin bestehen für dich die Unterschiede zwischen Europa und deinem Heimatland?

Europa ist eindeutig viel krimineller als Neuseeland. Vor allem Großbritannien. Dort gehen die Kids mit Messern in die Schule und es gibt eine phänomenale Mordrate. Das war für uns ein großer Schock, wo man bei uns kaum mal in der Zeitung von Mord und Totschlag liest.

Wieder zur Band kommend bezieht ihr euch ganz stark auf DIY. Ist es denn wirklich DIY einen Manager zu haben?

Wir verbinden das mit dem ursprünglichen Punk-Gedanken. Schnapp dir ein Instrument, versuche 3 Akkorde herauszubekommen und starte einfach eine Band. Für uns bedeutet es, das zu machen, worauf wir Lust haben. Außerdem haben wir 100% die Kontrolle über unsere Musik, den Sound oder das Image der Band, was auch DIY für uns bedeutet. Vielleicht sind wir nicht 100% DIY in dem Sinne, wie es viele Anarchobands sehen. Aber hey, unser Manager ist mein Vater. Wir haben keinen Mann im Anzug, der uns sagt, worüber wir schreiben sollen, das entscheiden schon wir selbst. Ich bevorzuge es mich um meine Musik zu kümmern. Den geschäftlichen Teil, wie Booking und Promotion macht dann mein Vater. Wir als Band konzentrieren uns lieber auf die Musik. Wir folgen nicht irgendwelchen Klischees, so ist der DIY-Gedanke auch nicht ein Bündel von Restriktionen für uns, sondern eher eine Möglichkeit sich auszudrücken. Wovon wir glauben einen Gedanken zu vermitteln, wie es auch schon zig andere Gruppen vor uns taten.

Ihr nehmt in eurem eigenen „Number 8 Wire Recording Studio“ auf. Nehmen dort auch andere Bands auf?

Das Studio ist Chazz‘ Baby. Vor einigen Jahren begann er sich dafür zu interessieren und besorgte sich immer mehr Equipment dafür. Außer uns und unseren diversen Solodingern, nehmen dort unterschiedlichste Bands verschiedener Stile auf. Wen es interessiert schaut mal hier: myspace.com/number8wirestudio

Du machst nebenher noch all eure Graphiken und das Merchandise. Machst du auch Auftragsarbeiten, weil du ja klamottenmäßig was unter dem Namen „Idle Eyes“ rausbringst?

Stimmt, fürdie „No Clue, No Future“ und „This Is Our Lives“ und den Großteil des Merch habe ich die Designs gemacht. „Idle Eyes“ ist ein Kleider-Label und eine kleine Grafik-Firma, die ich neben der Band mache. Mir eine Auftrag erteilen kann man in der Tat. Grafiken und Bilder zu entwerfen macht mir schon immer Spaß und von dem ich hoffe es in Zukunft etwas voranbringen zu können. Meine Freundin Sarah hat auch viel mit Kunst und Malerei zu tun. Ich hoffe ich habe irgendwann in der Zukunft genug Geld, damit ich aus „Idle Eyes“ vielleicht eine wirklich Klamottenmarke starten kann.

Was glaubst du ist Punkrock, nur eine Mode, ein Musikstil oder eine Phase im Leben, aus der man herauswächst?

Kids probieren viel aus, um herauszufinden, was ihnen Spaß macht und wohin sie gehören. Punk passt dann alt nicht immer. Für mich wiederum ist es mein Leben. Hier mal ein Unseen-Zitat: Ich bin ein Punk und ich lernte, was es für mich bedeutet; es diktiert mir nicht, wie ich zu sein habe, sondern ich definiere das Wort für mich. Dieser Satz ergibt für mich den Sinn. Ich folge keiner Punkrock-Uniform. Ich versuche mit meinen eigene Unzulänglichkeiten umzugehen. Ich glaube wenn mehr Punks nach diesen Standards leben würden, anstatt ungeschriebene Gesetze zu verfestigen, dann wäre Punkrock attraktiver, weil die Leute so die Möglichkeit hätten den Begriff für sich selbst zu gestalten.

Eure neue Scheibe „The Battle’s Almost Over” wurde von Jim Siegel gemischt. Er arbeite bspw. auch für Dropkick Murphys oder Blood For Blood. Wie kommt ihr zu einem teuren Mann?

Den Kontakt stellte Mark Unseen her. Wir teilten Mark unser Budget mit und er kümmerte sich darum. Jim hinterließ auf dem Album ganz klar seine Marke und half uns wirklich dem Ganzen eine gewisse Form zu geben. Wir hoffen auch künftig mit ihm arbeiten zu können.

In euren Songs nutzt ihr irische und schottische Stile, warum ist da rein gar nichts von den Maoris zu hören? Ich schätze weil ihr keinen Bezug dazu habt, richtig?

Haha, meine Familie ist aus England, aber ich bin in Neuseeland geboren. Dementsprechend haben wir wirklich nicht viel mit der Kultur der Ureinwohner gemein. Trotzdem haben wir schon daran gedacht Elemente der Maori mit einzubauen. Vielleicht wird’s ja mal was.

Welchen Status haben Maoris heutzutage in ihrem Land, bzw. gibt es überhaupt noch richtige Ureinwohner?

Soweit ich informiert bin, gibt es schon lange keine traditionell lebenden Maoris mehr. Dafür leben unsere beiden Kulturen zusammen vereint und die Menschen sind sehr stolz auf ihre Vergangenheit.


Willst du was zur Kolonisation sagen?

Ich finde es doof, dass die englischen Siedler damals viele Vorteile der Maoris einfach missachteten. Auch der Vertrag von Waitangi war eine sagenhafte Ungerechtigkeit (Wie es eben so läuft, die Kolonialmacht besiedelt alles, rottet dabei die Ureinwohner fast aus und unterdrückt die Minderheit, die übrig bleibt, Anmk. Bocky). Doch wie schon erwähnt ist das lange her und die beiden Kulturen sind sehr solidarisch einander gegenüber. Da werden keine Grenzen gezogen und wir sehen uns alle einfach als Kiwis.

Was würdet ihr zu Leuten sagen, die behaupten The Rabble sind einfach ein weiterer Rancid-Klon?

Denen würde ich sagen, sie sollen sich die Alben mal vollständig anhören. Klar haben wir Einflüsse von Rancid, aber auch von anderen Bands, oder auch der Zeit von ´77 oder ´82 wie auch von heute. Wir leben von Originalität und versuchen ständig unseren eigenen Sound zu kreieren. So haben wir das gelernt. Unsere Musik ist vielleicht eine Hommage an Rancid und den amerikanischen Stil des Punkrocks, aber wir sind keine Coverband. Das ist schon unser ganz eigener Sound!


Zu folgender Aussage eurerseits bräuchte ich bitte eine Erklärung: The theme for the record is generally that freedom’s battle is almost over, but the war is just beginning.

Menschliche Ungerechtigkeit und Intoleranz ist allgegenwärtig. Die Tage der Sklaverei sind zwar schon lange vorbei. Aber trotzdem trifft man täglich Dinge wie Rassismus, Sexismus oder Schwulenfeindlichkeit in einem beträchtlichem Maß an.  Klar, dürfen Frauen heutzutage arbeiten gehen und wählen und es ist gut, dass immer mehr Kulturen beginnen sich untereinander zu verstehen. Doch als Spezies haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Wirkliche Demokratie wurde noch nicht erreicht und wird es auch nie erreichen, wenn wir nicht zueinander stehen werden. Deshalb „the battle is almost over, but the war has just begun…”

Ein schönes Schlusswort wie ich finde, dem man nicht mehr viel hinzufügen muss.

Außer vielleicht, dass man ihre Sichtweise von DIY ganz interessant finden kann. Ist ja schon etwas komisch, dass die Jungs sich vom Vater der Brüder Chazz und Rupe managen lässt. Mein erster Gedanke ging in Richtung Sportlereltern, die ihre Kinder zwanghaft auf Erfolg trimmen. Doch so schlimm kann deren Dad gar nicht sein, er hat ihnen schließlich Punkrock beigebracht und zudem scheint die Band das Herz am rechten Fleck zu haben.

Wie sich die Zeiten ändern sieht man bei den Neuseeländern aber nicht nur in der Generationenbeziehung, sondern auch daran, dass sie The Unseen zitieren. Vor einigen Jahren zitierte man da eher noch Jello Biafra (Sänger der Dead Kennedys), der sinngemäß eben genau das gleiche schon vor über 20 Jahren sagte. Ich Oberlehrerarsch, ich weiß.

Bocky

http://www.myspace.com/therabble


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