Guerilla: Das Interview

| August 2nd, 2009

Aus, Ende, Schluss. Wenn diese Ausgabe erschienen sein wird, dann ist das Abschlusskonzert von Guerilla rund 1 Woche her und das war es. Obwohl ganz so stimmt das auch nicht. Denn während wir das Gespräch hier machten, war die Band noch einmal im Studio, um ihre letzte Scheibe aufzunehmen. Um das Vermächtnis wird es aber hier in keiner Frage gehen. Interessanter für mich zu wissen war zum einen natürlich die Geschichte, wieso die Band immer vermummt auftrat und zum anderen was die Band aussagen wollte. Weil schaute ich mir die Shows der Band an, fragte ich mich stets, warum das so martialisch aufgeführt wurde. Zudem war mir klar, dass da mehr dahinter steckt, als nur fett und kämpferisch zu feiern. Das hatte eine Aussage, die mir jedoch nicht so hundertprozentig einleuchtete. Heraus kamen recht theoretische Antworten, die absichtlich abstrakt gehalten wurden und auffordern weiter zu streben. Nach wem oder was, lest ihr besser selbst.

Hinter euren Sturmmasken, die ihr auf der Bühne tragt gibt es eine wahre Geschichte, die sich zu eurem Glück auflöste. Da ich immer nur Gerüchte hörte klärt mich mal auf und ist es mittlerweile erlaubt eure wahren Identitäten zu verraten?

Nachdem ein Nazifest von der Antifa angegriffen wurde, entwickelten die Ermittlungsbehörden das Konstrukt, dass Guerilla bei einer in der Nähe stattfindenden Show zu dem Angriff aufgerufen und ihn auch in erster Reihe durchgeführt haben soll. Nach aufwändigen Ermittlungen wurden dann einige vermeintliche Guerilla-Mitgliedern sehr heftig belastet und angeklagt. Um die Personenstruktur zu verschleiern und unsere Identitäten und die anderer Personen zu schützen, haben wir ab diesem Zeitpunkt vermummt gespielt. Die Hassis haben dann im Zusammenspiel mit dem Namen Guerilla den Style der Band maßgeblich geprägt und so wurde aus einer Notwendigkeit ein stilistisches Mittel, das Vor- und Nachteile mit sich brachte und das intern auch immer wieder zur Diskussion stand. Guerilla ist somit ein Konzept, die einzelnen Charaktere der Bandmitglieder spielen in diesem Rahmen keine Rolle. Somit kann eigentlich jedeR Guerilla sein.

Das Ende der Antwort hört sich eher wie Promoschreiben an, als eine Antwort. Findest du nicht?

Nein, gar nicht. GUERILLA ist eben keine Rockband mit Einleitung, Hauptteil und Zugabenblock. Und im Gegensatz zu politisch motivierten Bands wie Anti-Flag, die sich komplett dem Mainstream hingegeben haben und sowohl jegliche Wut als auch das Ziel aus den Augen verloren haben, ist GUERILLA bis heute glaubwürdig und authentisch geblieben. Das liegt mit Sicherheit auch an dem Non-Member-Konzept.

Öffentlich habt ihr bekannt gegeben „Wir sind nicht weg aber raus“. Heißt das nun ihr streckt eure Waffen oder ihr geht in den bewaffneten Untergrund?

Das heißt, dass wir weiterhin politisch aktiv sein werden, aber nicht mehr als Band und auch nicht mehr unter dem Namen Guerilla.

Was habt ihr mit der Band erreicht?

Wir haben gezeigt, dass man sehr wohl politisch und gleichzeitig stylisch sein kann und dass der Soundtrack für die Strasse auch tanzbar ist.

Was habt ihr mit der Band nicht erreicht?

Mit etwas mehr Arbeit hätten wir das Ding viel größer aufziehen können, das Potential war da. Außerdem mussten wir feststellen, dass das Konzept „Band als politische Gruppe“ nur bedingt funktioniert.

Hätte das so in Richtung Crass gehen sollen und was heißt das genau „nur bedingt funktioniert“? Ist das etwas, was du noch einmal probieren würdest?

Wir haben versucht über das Medium Musik politisch zu wirken, jedoch sollte die Musik nie reines Mittel zum Zweck sein. Diese beiden Ansprüche beschränken sich gegenseitig, daher müssen eigentlich immer gewisse Abstriche (textlich und/oder musikalisch) gemacht werden. Wie soll man sich in einem Punk- oder Hardcoresong umfassend zu einem Thema äußern? Zudem ist es relativ schwer der ganzen Sache ein  (wahrnehmbares) selbstreflexives/selbstkritisches Moment zu verpassen und auch zu transportieren.

Ein weiteres großes Problem ist die mangelnde Aktualität der Statements, die man versucht über die Songs zu transportieren. Erstens holt einen oft das Tagesgeschehen ein, zudem hat man ja vielleicht zu dem Zeitpunkt an dem die Songs die Leute erreichen aufgrund einer veränderten Situation selbst schon einen anderen Standpunkt eingenommen.

Es hat sich dann auch sehr schnell herausgestellt, dass eigentlich sehr wenig Interesse an kritischer Auseinandersetzung mit uns bestand – davon hätte ich mir rückblickend viel mehr gewünscht. Das hätte uns die Möglichkeit gegeben uns klarer zu positionieren und uns (jenseits von Lyrics und Ansagen auf Konzerten) etwas ausführlicher zu äußern.

Gab es anfangs einen Wunsch, was man mit der Band erreichen wollte? Oder wurde da irgendwann mal einer formuliert?

Bands wie GUERILLA sind wichtig für die Punkrock / Hardcore Szene, weil sie im Gegensatz zu anderen Gruppen die nichts als dummen Bullshit verbreiten können auf der richtigen Seite stehen. Vor allem junge Kids sind so leicht beeinflussbar und ich hab keinen Bock, dass die irgendwelche homophobe, rassistische, antisemitische, sexistische, etc… Scheiße als cool einstufen nur weil irgend so eine dummgesoffene Gruppe auf der Bühne das predigt. GUERILLA ist bzw. war einer der Gegenpole zu den eben erwähnten Drecksbands.

Eure Liveshows waren immer, nennen wir es mal sportlich. Macht ihr Kampfsport und wie steht ihr zu Gewalt gegenüber Neo-Nazis?

Ja, Kampfsport spielt bei uns eine Rolle, sowohl als Sport als auch zur Selbstverteidigung.

Aktive Gewalt gegen Nazis kann legitim sein, sofern sie diesen Kriterien folgt:

– sollte niemals zum Selbstzweck verkommen

– sich ständig die Frage der Verhältnismäßigkeit stellt

– ein Mittel unter vielen anderen Möglichkeiten aktiv zu sein bleibt

– einem ständigen Prozess der Reflektion und Kritik unterzogen ist

Hat die Band etwas in der Art von „Gewaltromantik“?

Nein. Es ist zwar sicherlich so, dass wir teilweise einen erlebnisorientierten Style transportieren und das hat in einem bestimmten Rahmen auch seine Berechtigung. Praxis darf allerdings nicht von der Theorie getrennt werden. Das haben wir immer betont. Eine „Romantisierung“ von Gewalt ist kontraproduktiv, nicht gerade fortschrittlich und somit nicht in unserem Interesse.

Als es darum ging ein Cover für die Virus Macht zu gestalten, standen ja auch solch klassische und klischeehafte Riotbilder zur Diskussion, die auch sicherlich verkaufsfördernd gewesen wären. Wir waren uns aber eigentlich alle schnell einig, dass dies nicht der Guerilla Style werden sollte. Und nur weil die Shows sehr dynamisch sind, sollte mensch das nicht gleichsetzen mit Gewaltverherrlichung. Guerilla war halt nun mal keine Loungemusik-Band. Solche Liveshows haben schon tausende andere Bands vor uns präsentiert … und dabei reine Pro-Peace Texte gesungen wie z.b. Youth Of Today mit Ausnahme vielleicht von We Just Might. Was das Publikum aber mit hineininterpretiert ist natürlich eine andere Sache.

Thema Antifa: Seid ihr selbst alle organisiert, bzw. findet ihr das überhaupt notwendig?

Organisierung ist bei manchen Konzepten gegen Rechts sehr sinnvoll und auch notwendig, bei anderen wiederum nicht. Das Ganze ist also stark abhängig von der Art der Tätigkeit. Wir machen alle Antifa-Arbeit, teilweise organisiert, teilweise nicht.

Was haltet ihr von solchen Kampagnen wie Good Night White Pride oder Let’s Fight White Pride?

Solche Kampagnen sind sicherlich sinnvoll. Sie entfalten ihre Wirkung zwar nur in bestimmten subkulturellen Kreisen, erreichen dadurch jedoch relativ einfach junge Leute, fordern eine klare Positionierung heraus und stellen Antifaschismus als das dar, was es schlicht und einfach ist: eine Selbstverständlichkeit.

Vor einigen Wochen wurde in Passau der Polizeichef Mannichl niedergestochen. Daraufhin hieß es, dies sei eine neue Qualität rechter Gewalt. Seht ihr das auch so?

Passau in irgendeiner Form realistisch zu bewerten, ist zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich nicht möglich. Dazu ist einfach über die Hintergründe viel zu viel im Unklaren. Der Verfassungsschutz zählt für das Jahr 2007 980 Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund. Dieser Wert spricht leider für sich. Die realistischen Zahlen dürften auf Grund der Dunkelziffer und einer konservativen Zählweise zudem noch weit höher liegen.

Mal angenommen es ist so, wie vermutet, wird trotzdem nichts wirklich Bewegendes seitens der Politik und des Staates passieren. Nur jetzt wo ein akutes Medieninteresse besteht, sind alle furchtbar entsetzt über die ach so „neue“ Dimension von Neonazi-Terror. Vor allem bei den bayrischen Politikern ist es absurd so was vorzuheucheln. Wer immer noch nicht mitbekommen hat wie es z.B. in Gräfenberg abgeht der muss wirklich mit Scheuklappen durch Bayern laufen.

Anfang Dezember letzten Jahres hat es in Griechenland ordentlich geknallt, weil dort ein Jugendlicher von Polizisten erschossen wurde. Könnte so etwas auch in Schland passieren? Wenn ja warum; Falls nein, warum nicht?

Die Reaktionen hier würden sicherlich anders und bestimmt weniger heftig ausfallen. In Griechenland wurden (wohl hauptsächlich von organisierten AnarchistInnen und Autonomen) Strukturen aufgebaut, die ein solches Handeln erst ermöglichen (Beispiel: Campus-Besetzungen). Die Art der politischen Organisierung hier unterscheidet sich davon maßgeblich; was auch Unterschiede in der Praxis bedingt.

Die soziale Situation in Griechenland ist auch eine etwas andere. Widersprüche treten schärfer hervor; besonders viele junge Menschen sind ohne Perspektive. Es wäre daher wohl eine zu verkürzte Einschätzung, diese Revolte nur als unmittelbare Reaktion auf den Mord an Alexis zu betrachten.

Klar, war das nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Frage zielte darauf ab, ob du dir vorstellen kannst, dass es bei uns auch bald soweit sein wird?

Nein. Im Moment und in naher Zukunft wohl auch nicht. Wie schon erwähnt, die soziale Situation ist eine Andere und Adenauer & Co. haben doch von Anfang an diesen Staat so aufgebaut, dass die Masse immer still bleiben wird, weil sie immer gerade genug zum Leben haben… und auch noch Angst haben müssen, das Bisschen zu verlieren. Und wie man sieht, funktioniert es ganz gut.

Letztlich die Frage nach eurer musikalischen Zukunft. Was geht bei wem?

Wir werden definitiv was Neues an den Start bringen, was und mit wem wird sich zeigen. Es ist auf jeden Fall einiges geplant, sicher ist dabei nur, dass es sich soundtechnisch deutlich von Guerilla unterscheiden wird.

Aha, kannst du etwas konkreter werden? Ich meine, kann das auch in die Elektro-Richtung gehen?

Das kann alles sein. Die Leute die bei G mitgewirkt haben, sind musikalisch offen für alles, wenn auch die Roots immer im Punk liegen werden und das werdet ihr auch bei den kommenden Projekten hören. Egal ob Elektro, HipHop, Indiepop, whatever. Einige haben ja auch schon andere Projekte am laufen und andere werden Neue starten. Destination. Unknown.

Gibt es schließende Worte einer großartigen Band, die sich verabschiedet?

Life Deluxe For All!

Viele der Antworten lassen nach dem ersten lesen darauf schließen, dass die Bandmitglieder unglaubliche PC-Dogmatiker sind und nicht mal in den Keller gehen zum Lachen, weil sie gar nicht lachen. Aber setzt sich das Gesagte etwas und liest man es gar ein zweites Mal, dann weiß man schon, dass das, was hier steht richtig ist. Oder bezweifelt auch nur einer unserer Leser, die zwei Grundaussagen – Antifaschismus ist eine Selbstverständlichkeit, Life Deluxe For All – der Band? Falls ja, dann hast du definitiv das falsche Heft in der Hand!

Bocky




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