lemmy-mit-janiss-garza(Taschenbuch, Heyne Verlag, 320 Seiten, 8,95 Euro)
Motörhead! Ian Fraser Kilmister aka Lemmy hat seine Autobiographie geschrieben. Das heißt, eigentlich hat er sie nicht selbst geschrieben. Jannis Garza hat sie geschrieben und trotzdem ist es eine Autobiographie, also von Lemmy selbst erzählt. Hmm, ich stelle mir das so vor: Jannis Garza, geht zu Lemmy und fragt ihn, ob er nicht endlich seine Autobiographie schreiben möchte. Lemmy ist das schon mehrere hundertmal gefragt worden, hatte aber bisher keinen Bock darauf. Also stellt Frau Garza eine Flasche Bourbon auf den Tisch, legt noch ein Kilo Speed dazu und bläst Lemmy einen. Lemmy sagt, dass er einverstanden ist, ihr seine Geschichte zu erzählen, wenn die Musikjournalistin zu den wöchentlichen Treffen jeweils wieder Bourbon, Speed und Zunge mitbringt. Damit ist wiederum sie einverstanden und ab sofort treffen sich die beiden regelmäßig in Lemmys Hausbar auf ein Stelldichein und Lemmy plaudert aus dem Nähkästchen, natürlich gegen Vorauszahlung. Das geht einige Zeit gut und Lemmy erzählt, erzählt und erzählt. Bis ihm die Dame zu fad wird, die anfangs haarkleinen Berichterstattungen immer bruchstückhafter werden und Lemmy einfach nur noch die Zeit abreißt. Kann aber auch sein, dass den beiden irgendwann der Drucktermin ganz tief im Nacken saß und deshalb die zweite Hälfte der Motörhead-Geschichte im Zeitraffer abgenudelt wurde. Das ist schade, aber vielleicht auch gut, weil das Buch ansonsten vielleicht doch irgendwann zum Todläufer geworden wäre. Kommen wir endlich zum Inhalt: Wer eine Motörhead-Biographie erwartet, liegt falsch, denn dann wäre es ja keine Autobiographie von Lemmy. Also fängt „White Line Fever“ nicht erst im Jahr 1975 an, sondern bereits 1945, an Heiligabend – Lemmys Geburtstag. Es geht weiter mit ausführlichen Kindheitserinnerungen, die geprägt sind durch den frühen und plötzlichen Abschied seines Vaters, der es vorzog sein Glück außerhalb der kleinen Familie zu suchen, den unsteten Männerbekanntschaften seiner Mutter, dem neuen Familienunglück mit dem Stiefvater, den vielen Umzügen, seinem schulischen Werdegang, der frühen Liebe zu Pferden und Mädels, der Entdeckung der Sexualität und der Erkenntnis, dass man Sexualität viel besser entdecken kann, wenn man Gitarre spielen kann. Dann treibt er sich rum, nimmt irgendwelche Drogen, fickt bei seinem Wandermusikantendasein alles was bei drei nicht auf dem Baum ist (und glaubt man seinen Ausführungen, können oder wollen britische Mädchen nicht besonders gut klettern), geht nach Manchester, lebt dort mit 17 anderen verwahrlosten Musikern und ihren täglich wechselnden Sexualpartnerinnen in heruntergekommenen Einzimmerwohnungen und nimmt noch mehr Drogen. Vorzugsweise Speed – ob daher der spätere Speed Metal seinen Namen hat, habe ich aber nicht recherchiert. Ständig spielt er in irgendwelchen Bands, z.B. den Rockin’ Vicars und dann natürlich irgendwann bei Hawkwind. Alles sehr exzessiv. Schließlich geht’s los mit Motörhead, yeah, wo er der uneingeschränkte Chef im Ring ist. Es folgen ganz viele Aufzählungen von Namen: Bandmitglieder – der raus, der rein – Produzenten, Songs, Alben, Chartplatzierungen. Und natürlich die Erlebnisse auf den scheinbar nie endenden Touren von Motörhead. Lemmy lästert was das Zeug hält. Nichts und niemand ist vor ihm sicher. Anekdote reiht sich an Anekdote – bis zum Umfallen. Umgefallen wird hier vor allem wegen Drogen und/oder Alkohol oder am liebsten, weil man sich wohlwollend von irgendwelchen Groupies flachlegen lässt. Und so weiter und so fort. Die Geschichte endet 2002. Politisch nicht immer korrekt – hey, wer erwartet das von einem Typen wie Lemmy? –, aber stets sehr unterhaltsam und mit vielen Lachern zur Auflockerung. Ein Buch das sich sehr flüssig liest, auch wenn man an einigen Stellen ins Grübeln kommt, ob entweder Janiss Garza oder der Übersetzer etwas überfordert waren. Drauf geschissen: Buch kaufen, Motörhead auflegen und die Zeit totschlagen. Geht mit „White Line Fever“ ganz hervorragend – wen man nicht alles so Ernst nimmt, was Lemmy hier vom Stapel lässt. Für mich war es jedenfalls die Entspannung pur… Ach ja, anders als im Clash-Buch löblicherweise mit Discographie und Register plus Fotos. Sehr gut. Obnoxious



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