keine-zukunft-war-gestern(Hardcover, Archiv der Jugendkulturen, 365 Seiten, 28 Euro)
Oh Kacke, ich hatte so einen gewitzten Einstieg in die Besprechung zu diesem Buch, aber da habe ich mich letztens doch mal wieder selbst ins Knie gefickt. Und das kam so: Zur Vorbereitung von „Keine Zukunft war gestern“ verschickte das Archiv für Jugendkulturen vor ganz langer Zeit eine Email mit einem Fragenkatalog an Menschen, von denen sie wohl dachten, sie könnten was zum Thema beitragen. Logisch, dass ich dabei war und mich als selbstverliebter Wichtigtuer gleich daran machte die Fragen zu beantworten, schließlich will man keine Möglichkeit verpassen, selbst in so einem tollen Buch Erwähnung zu finden. Und genau diese Mail hatte ich bis vor kurzem noch archiviert. Da hätte man echt was draus machen können, so als Intro für dieses Review. Da ich die Mail aber vor einiger Zeit dann doch gelöscht hatte, fehlt mir jetzt eine gute Einleitung. Scheiße! Also vergesst die Einleitung und kommen wir gleich zum Buch: groß, dick und ziemlich schwer. Aber das war ja zu erwarten, denn „Punk in Deutschland“ – wie es im Untertitel heißt – lässt sich nun mal nicht auf 80 Seiten zusammenfassen, zumindest nicht wenn man dem Thema einigermaßen gerecht werden will. Die Frage ist nur: Wie schafft man das? Schwierig, schwierig! Aber die Herausgeber sind ja alle selbst schon ewig der Punk-Szene verbunden und das heißt, dass sie nicht die Dümmsten sind. Gerüchteweise haben einige von ihnen sogar studiert. Erfolgreich! Also ich meine mit Abschluss!! Und genau deshalb sind sie auch so schlau und haben sich was ganz Tolles einfallen lassen. Sie haben das Buch nämlich in vier Teile gegliedert. Den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil und den vierten Teil. Der erste Teil ist so was wie eine Chronologie von „Punk in Deutschland“ von 1976 bis 200?. Dabei werden immer ein paar wenige Jahre zusammengefasst und irgendjemand gibt so was wie einen historischen Überblick für die Zeit. Aber nur kurz, denn dann kommt der Clou: Szeneaktivisten der betreffende Zeit, also teilweise inzwischen steinalte, halbverweste Zombies, aber auch noch ganz junges Gemüse, erinnern sich an früher und reflektieren Punk aus ihrer ganz subjektiven Sichtweise. Das macht die Sache erfischend erfrischend und ist echt super gemacht. Unterstrichen wird das alles noch durch die vorbildliche Illustration – die übrigens auch durch die folgenden Teile des Buches führt. Fotos, Flyer, Fanzines, Presseberichte, Plattencover, Buttons, Konzertkarten. Den ganzen alten Scheiß eben. Allein schon für diesen ersten Teil gehören den Herausgebern die Füße geküsst! Im zweiten Teil folgen dem zeitlichen Überblick konkrete Aufsätze von alten Szenehasen (z.B. Micha Will, Meia, Yvy Pop oder Jan Sobe), die sich mit Themen wie Punk als Lebensentwurf, Punk in der DDR, Punketten, Hardcore in Deutschland oder Punk in den 90ern beschäftigen. Hier ist die Bebilderung naturgemäß zwar etwas spärlicher, aber die schwarzen Punkte auf dem weißen Papier ergeben bei fachgerechter Verarbeitung auch schon einen brauchbaren Teil für die Abendunterhaltung. Im dritten Teil werden dann per Interview exemplarisch sechs Menschen vorgestellt, die irgendwann mal etwas mit Punk zu tun hatten oder noch haben. Erfreulicherweise sind das aber (vielleicht mit einer Ausnahme) nicht unbedingt diejenigen die sowieso immer in der ersten Reihe standen. Gut so! Der vierte und letzte Teil von „Keine Zukunft war gestern“ dokumentiert dann die Ergebnisse der Umfrage, die die Autoren unter den 144 üblichen Verdächtigen gemacht haben. Zum Beispiel kann man hier erfahren, welche der Szene-TED für die wichtigste deutsche/internationale Band respektive Platte hält. Die Ergebnisse waren dann für mich aber doch schon etwas überraschend, zumindest teilweise. Fast ohne Ausnahme erscheinen jeweils nur Bands unter den zehn Erstplazierten, die in den 70ern oder 80ern ihre aktivste Phase hatten. Komisch! Aber da wurden wahrscheinlich echt nur die Jahrgänge bis 1969 befragt. Aber immerhin gibt es zu den gewählten zehn Lieblingen auch noch Infos von den Autorinnen. Danach noch ein kurzes Punk-Kalendarium mit den wichtigsten Daten, das aber natürlich in seiner Kürze nicht vollständig sein kann. Scheißegal, denn auch so erfüllt „Keine Zukunft war gestern“ alle Kriterien um in den Punk-Himmel – Abteilung Literatur zu kommen. Und zwar ziemlich weit oben. Hut ab und Glückwunsch an die Herausgeber. Der Rest sollte sich das Buch an die erste Stelle auf den Geburtstags-Wunschzettel schreiben, kaufen oder klauen. Hauptsache lesen!!! Obnoxious



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