aufdauer(Hardcover, Edition Tiamat, 263 Seiten, 16,00 Euro)
Auf das Buch aufmerksam wurde ich auf der Homepage der Satirezeitschrift Titanic. Da ich die Texte von Fanny Müller in der Titanic und auf der Wahrheits-Seite der Taz früher des Öfteren gerne mal gelesen habe und stets auf ihre treffsicheren Spitzfindigkeiten vertrauen konnte, konnte ich es mir nicht verkneifen „Auf die Dauer seh ich keine Zukunft“ beim Verlag anzufordern. Nicht zuletzt deshalb, weil laut Info: „Fanny Müller lebt, isst und arbeitet im Hamburger Schanzenviertel, zwischen Alten-, Obdachlosenheimen und Punks, eine Gegend mit einer Menge Realitätsgehalt. Von dort begibt sie sich auf ihre Streifzüge durch das Viertel. Sie schreibt alles auf, und durch sie gewinnt der Alltag erst wieder einen gewissen Glanz, den man in ihren Kolumnen über Jahre hinweg schätzte.“ Das machte mich noch neugieriger. Also her mit dem Buch! Buch angekommen, ich schnell gelesen und gemerkt: Untertitel trifft zu. Der ist nämlich „Tagebuch einer Frau aus gewöhnlichem Hause“. Stimmt, ein Tagebuch, beginnend im Oktober 2004 und endend im Dezember 2007. Eine Zeit in der Fanny Müller mittels mit Nachbarinnen und Nichten schwatzen, um die Häuser ziehen, mit befreundeten Literaten lästern, diskutieren und trauern, eine Datsche in der Ostzone kaufen, Lesungen und etlichem anderen Kram die Zeit tot schlug. Nicht zu vergessen das Tagebuchschreiben. Ich muss gestehen, ich habe nicht zuletzt wegen der Internet-Info etwas vollkommen anderes erwartet, als das was ich jetzt in der Hand hatte. Von Punks und Obdachlosenheimen kaum eine Spur und der Flair des Schanzenviertels kommt nur marginal durch die Besuche im benachbarten Café oder beim Einkauf in der Bäckerei zum Ausdruck. Stattdessen erhalten wir Einblicke in das Seelenleben einer mit Verlaub mittlerweile auch schon älteren Dame, die sich über Gott und die Welt Gedanken macht, aber vor allem sehr persönlich ihre alltäglichen Freuden und Sorgen niederschreibt. Mal geht’s um Arschbacken, mal geht’s um Kuchen backen. Mal um Politik, mal um das Seelenheil der Nachbarn: Nichts und niemand ist vor Fanny Müllers spitzer Zunge und Feder sicher. Vom Arzt über den Bäcker bis Guido Westerwelle bekommen alle ihr Fett weg. Fanny Müller schaut dem Volk auf’s Maul, um hintergründig über alltägliche Unzulänglichkeiten zu berichten. Das ist nicht immer lustig, sondern auch mal bitterernst. Und vor allem sehr persönlich. Sie ist sich nicht zu schade, sehr intime Sachen preis zu geben. Sie kommentiert die Tagespolitik und das was andere dafür halten. Oder um Fanny Müller mal zu zitieren: „Außerdem stelle ich keine Fragen zur Lage der Nation, sondern hebe nur hier und da mal den Finger, um auf gewisse Schwächen hinzuweisen. Ich glaube übrigens nicht, dass ich dadurch auch nur einen Fatz ändere, aber lassen kann man’s ja auch nicht.“ Das trifft wohl zu 100% zu. „Auf die Dauer seh ich keine Zukunft“ ist definitiv kein Buch das auf der Top 250-Liste für den belesenen Punkrocker steht. Seine inhaltliche Nähe zu Punkrock tendiert nämlich gegen Null. Aber trotzdem wird klar, dass Fanny Müller auf der richtigen Seite steht und dass ihr Herz am rechten Fleck schlägt. Hmm, irgendwie befinde ich mich in einer Sackgasse: Ich hab das Buch gerne und aufmerksam gelesen, aber für Punkrock!-Konsumenten kann ich es eigentlich nicht weiterempfehlen, weil eigentlich zu irrelevant. Vielleicht kann ich meinen Arsch retten, indem ich sage: Vergesst das Buch, kauft es und schenkt es Euren Eltern oder Patentanten zum Geburtstag. Und das ist ernst gemeint, denn dann hat jeder was davon. Obnoxious



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