anarchoshnitzel(Taschenbuch, Rowohlt Verlag, 349 Seiten, 8,95 Euro)
Als „AnarchoShnitzel schrieen sie“ 2006 auf den Büchermarkt geworfen wurde, habe ich es mir verkniffen, das Buch zu lesen. Zu groß war die Sorge, es mit einem Roman zu tun zu haben, der auf den damaligen Zug der beinahe schon inflationären Punkveröffentlichungen aufspringen wollte. Jetzt hab ich’s aber doch gelesen. Die Neugier war zu groß, was der ehemalige Chefredakteur der Titanic zum Thema beizusteuern hat. Und ich muss zugegeben: Ich wurde positiv überrascht. Nicht dass einem jetzt hier der ultimative Hardcore-Punk-Roman ins Gehirn gebrezelt wird. Eher ganz im Gegenteil. Die Protagonisten sind abgehalfterte alte Säcke die vor über 20 Jahren mal Mitglieder der Punkband Gruppe Senf waren und jetzt zu einen Re-Union für’s Fernsehen wieder zusammen getrommelt werden sollen. Dass es sich dabei um völlig abgedrehte Typen handelt, dürfte klar sein, und dass dabei kein Stein auf dem anderen bleibt auch. Die Reise ins Ungewisse beginnt in der süddeutschen Pampa (unweit meines Heimatortes) und führt die Chaoten auf der Suche nach der vermissten Sängerin directement in die Hölle, nämlich in die Ex-Ostzone und von dort … ach, drauf geschissen. Lest doch selbst. „AnarchoShnitzel schrieen sie“ driftet nach einer anfänglich relativ nachvollziehbaren Idee immer weiter in das Absurde ab, wobei aber auch jedes Klischee bedient und auch völlig überreizt wird. Gnadenlos! Hat mich während des Lesens teilweise sehr stark an Rocko Schamonis „Risiko des Ruhms“ oder die „Autobigophonie“ von Francoise Cactus erinnert. Zwar nicht inhaltlich, aber die beiden Bücher sind ebenfalls von so einer bescheuerten Absurdität, dass man es kaum aushält und wegen fortwährender Hanebücheleien kurz davor ist das Buch resigniert aus dem Fenster zu scheuern. Geht aber nicht, weil man von dem Schmöker andererseits fasziniert ist und unbedingt wissen möchte, mit welchem infernalischen Showdown der Autor es noch Schaffen möchte, das Schiff in den sicheren Hafen zu bringen. Kurz gesagt: Das Buch ist ruckzuck durchgelesen. Ob man will, oder nicht. Anfängliche Zweifel bezüglich der Szenenähe sind übrigens schnell aus dem Weg geräumt, ist es doch immer wieder überraschend wie Oliver Maria Schmitt (ehemals) real existierende Punkbands und Lieder in seine Geschichte einbaut und zielsicher in Zusammenhänge bringt, Songzitate einbaut und längst vergessen geglaubte Anekdoten verwurstet. Solche Informationen kann man eigentlich nicht recherchieren, außer in jahrzehntelanger Arbeit oder man braucht einen szenekundigen Ghostrider. Beides halte ich hier für ausgeschlossen. Ich gehe eher davon aus, dass Oliver Maria Schmitt selbst mal Punkrocker war und zumindest in seinem Herzen immer noch ist. Ansonsten könnte er so ein Buch nicht geschrieben haben. Trotzdem dürfte klar sein, dass sich einige Punks nach der Lektüre so ziemlich auf den Schlips getreten fühlen könnten. Solchen Fachidioten, die zum Lachen in den Keller gehen und nicht über den geringsten Funken Selbstironie verfügen, ist aber sowieso nicht zu helfen. Von daher geht meine Leseempfehlung vor allem an alle gestandenen Punkrocker, die über so viel Lebenserfahrung verfügen, dass sie sich auch mal über sich selbst und ihre Vergangenheit bekringeln können. Solche Menschen werden mit dem Buch und einem wärmenden Blick zurück nämlich einige lustige Stunden durchleben können. Allen anderen sei mit auf den Weg gegeben: Trotzdem lesen und trotzdem amüsieren, denn „AnarchoShnitzel schrieen sie“ ist vom Fachmann für Könner – was wiederum als titanischer Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen ist. Daumen hoch! Obnoxious



Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen