(Taschenbuch, Ventil Verlag, 171 Seiten, 11,90 Euro)
„Berlin Bromley“ ist die atemberaubende Autobiographie von Bertie Marshall: 1975 ist Bertie 15 Jahre alt. Er entstammt einem zerrütteten, miefigen Elternhaus in Londoner Stadtteil Bromley und entdeckt sein Faible für alles Androgyne. In der Schule ist er wegen seines Outfits ein Außenseiter. Er lernt neue Freunde kennen und die Sex Pistols. David Bowie (sein zweites Faible) wohnt in der Nachbarschaft. Er lebt mittels geklauter Bücher in einer Phantasiewelt und sucht seine Persönlichkeit. In selbstsicheren Momenten inszeniert er sich selbst. Er verliebt sich in einen Kerl und macht die Bekanntschaft von Siouxie Sioux. Die nimmt ihn mit in Vivienne Westwoods und Malcolm McLarens Laden SEX, wo er Jordan kennen lernt. Bestärkt durch neue Klamotten und das tuntige Make-Up wechselt Bertie endgültig seine Persönlichkeit, nennt sich fortan Berlin Bromley und ist süchtig nach Glamour… Wie es weiter geht, müsst Ihr schon selbst nachlesen! Kaum zu glauben, was der Junge in der folgenden Zeit alles erlebt. Bertie Marshall nimmt in „Berlin Bromley“ kein Blatt vor den Mund. Stattdessen geht er ganz unverblümt in die Offensive. Er beschreibt seine Suche nach dem eigenen Ich, seinen Identitätswechsel vom schüchternen Jungen zum exzentrischen Selbstdarsteller, sein schwules Coming-Out in der Londoner Punk-Subkultur. „Berlin Bromley“ gibt einen unglaublich intimen Einblick in das damalige Lebensgefühl und in die Geschehnisse in der Szene. Das Interessante daran ist nicht zuletzt, dass man das nicht aus der geschönten Biographie irgendeines „Stars“ oder aus zusammengeklaubten Interviewfetzen erfährt, sondern von einem wahrhaftigen Menschen, der eher am Rand der Bewegung stand, aber alles wie ein Schwamm in sich aufgesogen hat. Ich habe selten etwas mit so viel Authentizität gelesen. Erfrischend ist auch die Geschwindigkeit mit der hier die Geschehnisse präsentiert werden, denn Marshall schreibt in kurzen, szenischen, prägnanten Episoden seine Geschichte. Im Vergleich zu Tony Parsons’ Roman „Als wir unsterblich waren“(das ich in der letzten Punkrock!-Ausgabe vorgestellt habe) spielt „Berlin Bromley“ in einer ganz anderen Liga, nämlich in der Champions League. Okay, es handelt sich hier um Realität vs. Fiktion und man sollte Arschbacken nicht mit Kuchenbacken vergleichen, aber allein die stilistischen Mittel und die Lebendigkeit des Buches heben es meilenweit in den Himmel. Dieses Buch ist schon beinahe ein Vermächtnis! Das Vorwort hat übrigens Boy George, die Obertunte vom Culture Club, geschrieben. Und der gibt unumwunden zu, dass er Bertie alias Berlin damals angehimmelt hat. Übrigens: Beim Culture Club saß Boy Georges damaliger Freund Jon Moss am Schlagzeug und der spielte früher auch schon mal kurz bei The Clash und dann bei The Damned. Die Welt ist kleiner als man denkt. Okay, noch mal zurück zum Buch: File under „Gay Punk“. Kauft dieses Buch oder klaut es. So hat es Bertie Marshall ja früher auch gemacht. Aber das Wichtigste: Lest es! Ihr werdet es auf keinen Fall bereuen!!! Obnoxious
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