Erstmals sah ich den Vierer aus Amsterdam auf ihrer Rundreise mit Antidote und Monster Squad in der Karlsruher Alten Hackerei. Ihr Debütalbum „17 Until We Die“ drehte bis dahin nicht wirklich viele Runden bei mir zuhause, weil es noch gar nicht so lange am Start war. Nach dem Abend änderte sich das abrupt, weil ich, wie mittlerweile viele andere auch, schlagartig von der Band in ihren Bann gezogen wurde. Verdamme Axt ist das eine scheißegeile Truppe. Enthusiasmus und Authentizität sind die beiden Attribute, die mir sofort in den Kopf schießen, wenn ich an die Gang denke. Die fackeln auf der Bühne eine Show ab, die ich bis dato nur selten gesehen hatte. Allen voran Douwe, der Sänger, versprüht extrem viel Energie und wirkt meist als ob er gleich aus seiner Haut fahren würde. Einzig eine ganze Palette Fratzengulasch scheint ihn von seinem Druck halbwegs zu befreien. Es ist schwer solche Szenen auf der Bühne zu beschreiben. Deshalb hört nicht nur die furiose Scheibe, sondern seht euch unbedingt ein Konzert der Band an und werdet Fan! 

Hey, ihr seid total jung, habt aber schon einen sehr ausgereiften Sound. Wie kommt’s, weil Oed ein Musikstudent ist und die ganze Musik schreibt?

Nun, so einfach ist es nicht. Wir machen seit über 6 Jahren zusammen Musik und Proben wirklich jede Woche. Diesen, wie du es nennst, ausgereiften Sound, haben wir nicht, weil Oed Musik studiert. Viel mehr war die Konsequenz eine andere. Oed ist ständig dabei an sich und der Band zu arbeiten und deswegen begann er Musik zu studieren. Aber klar ist, seit dem er auf der Uni ist, probt er mehr und frickelt am Sound herum. Für uns bedeutet dies, dass er ständig ankommt und verlangt von uns Dinge zu spielen, die wir vorher gar nicht konnten. So entwickeln sich auch die anderen Bandmitglieder ständig weiter.

Das hört sich natürlich an, als ob ihr wirklich viel und hart an der Band arbeitet. Aber was genau ist es, was euch antreibt, oder habt ihr gar ein Ziel mit der Band?

Als erstes geht es uns ganz klar darum miteinander einen Haufen Spaß zu haben. Das ist so geil Mucke zu machen und in verschiedene Länder mit deinen besten Freuden zu reisen. Schon jetzt waren wir mit der Band in 8 unterschiedlichen Ländern, alleine das ist es schon wert diese Band zu machen. Aber wir verfolgen schon noch etwas mehr mit dieser Band. Kannst du dich an den Beginn von dem Film „Another State Of Mind“ erinnern (und ob, für mich ein Punkrock Standardwerk! Anmk. Bocky)? Es gibt eine große Punkszene, die Konzerte sind gut besucht und es herrscht eine unglaubliche Energie, die sowohl von der Band, als auch vom Publikum ausgeht. Es wäre großartig so etwas noch einmal herzustellen. In Amsterdam und anderswo haut das manchmal schon wieder hin. Im „De Baarmoeder“ (das Squat, in dem die Jungs wohnten, Anmk. Bocky) hatten wir so eine Show und wir hörten schon von mehreren Konzerten, bei denen es immer öfter zu so einer Atmosphäre kommt. Dazu gibt es bei uns im Moment auch viele neue und vor allem gute Bands wie Bratpack, Citizens Patrol oder Frightening Fiction. Verglichen mit den 90ern wird Punkrock wieder besser.

Gewapend Beton kam für mich aus dem Nichts und hatte mit Dirty Faces, Hate Records und Attack Records direkt namhafte Paten, die für großartige Bands und Qualität stehen. Wie hab ihr sie denn überzeugt?

Christian von Attack Records veröffentlichte bereits unsere Split mit den „Bakfietsboys“ (ein Antidote Nebenprojekt von Arne und Bart). Eigentlich wollte er dann gar nichts mehr mit dem Label machen, aber wir fragten ich  trotzdem. Er meinte nur, er würde es sich überlegen. Nachdem er ein Konzert von uns sah, war er überzeugt sich an der LP zu beteiligen. Außerdem schickten wir auch Promo-Sachen an Labels. Stachel von Hate Records schreibe uns, er fände unser professionelles Promo-Paket nicht so dolle. Glücklicherwiese hatten wir ihn vorher schon kennen gelernt, wussten aber nicht, wer er ist. Bald darauf machte er für uns ein Date in Mülheim aus. Dort machten wir Scherze über Käse, Deutsche und Oi!. Vollends überzeugt war auch er nach unserem Auftritt. Jeschke von Dirty Faces hörte von uns über Bart von Antidote und hatte schon nach dem Demo von uns Interesse gezeigt. Ärgerlich ist, dass ein Teil seines Vertriebes (Broken Silence) die CD nicht nimmt wegen des „Rita Jeugd“-Songs und des sarkastischen „Sieg Heil“, was darin vorkommt. Wie dem auch sei, so sind wir total froh mit diesen 3 Label zusammenzuarbeiten und sind gerade dabei noch ein amerikanisches Label zu finden.

Ihr dankt Bart und Arne von Antidote. Was habt ihr mit ihnen zu tun?

Bart hat auf seinem eingestellten Label „Pogopunx“ unsere Split mit veröffentlicht. Sie waren so etwas, wie Vorbilder für uns. Dazu kam, dass sie uns mochten und gut fanden, was wir machen. So gab es schon immer eine gute Verbindung zwischen den beiden Bands, da wir auch gemeinsame Ansichten bezüglich Punk, das Leben und Politik haben. Die gemeinsame Split-Lp verstärkte das natürlich. Zu der Zeit waren wir oft wegen dem Artwork bei Bart. Diese Treffen endeten oft im Suff und Witzen über Penisse, die auch ausgepackt wurden. Wie du dir vorstellen kannst entsteht da schon ne Art Freundschaft, haha. Doch nicht falsch verstehen, das „Penis-Ding“ hat nichts mit gemeinsamen Ansichten über Punk, das Leben und Politik zu tun, haha. Na und letzten Februar machten wir ne 10-tägige Tour mit ihnen und Monster Squad zusammen. Durch das ständige Aufeinandersitzen merkten wir schnell, dass Antidote ziemliche Luschen sind, haha.

Bis Anfang April wohntet ihr in einem besetzten Haus in Amsterdam. Erzählt doch mal, wie euer Abschiedfestival von dem Haus war und wo ihr jetzt wohnt.

Wir wohnten im „De Baarmoeder“ im Osten Amsterdams, wo wir viele Konzerte organisierten. Es ist natürlich schade, dass das Haus geräumt wurde, aber wir wohnen jetzt wieder mit den gleichen 8 Leuten in einem neuen besetzten Haus. Bloß können wir leider in dem neuen Haus keine Konzerte machen. Das Festival hieß „The Big Abortion“ und war einsame spitze. Als letztes Konzert, konnten wir uns nichts besseres wünschen. Samstags waren rund 400 Leute da und sonntags 250, es gab Distros, 17 Bands haben gespielt und wir haben circa 250 Kästen Bier verkauft (jedem Veranstalter fallen gerade in diesem Moment die Augen aus dem Kopf! Anmk. Bocky). Leider sagten Dean Dirg drei Tage vor dem Konzert ab, was dem Erfolg aber keinem Abbruch tat. Für uns war es die beste Show, die wir bisher hatten. Der Circle Pit war fast so groß, wie der ganze Konzertraum selbst. Außer uns spielten noch Varukers, Vitamin X, Malkovich, Brat Pack und noch viele andere mehr.

Sagt doch mal, wieso ihr ein Haus besetzt und nicht einfach eine Wohnung mietet.

In Deutschland ist es total einfach eine Wohnung zu mieten. Aber in Amsterdam ist so etwas extrem teuer. Das ist eher was für Reiche oder Yuppies. Außerdem muss man hier über 8 Jahre warten bis man überhaupt ein Haus oder eine Wohnung anmieten kann. Bei unseren Eltern zu wohnen, bis wir 28 Jahre sind hatten wir logischerweise auch nicht. Dann war es für uns auch wichtig mit der Besetzung eine Institution wie das „De Baarmoeder“ aufzubauen. Strikt auf DIY-Basis freie Kulturmöglichkeiten zu bieten, die unabhängig organisiert werden.

Das hört sich alles fein an und es ist es auch. Ist es aber nicht sauteuer sich ständig Räumen zu lassen? In Deutschland wäre das undenkbar, vor allem wegen der folgenden staatlichen  Repression und der Strafen, die solche Aktionen nach sich ziehen. Oder ist es in den Niederlanden eher wie in England, wo man quasi freies Geleit bekommt, sobald die Bobbies vor der Tür stehen?

Ach, das ist alles nicht so teuer. Solange niemand deinen Namen weiß, können sie logischerweise kein Geld von dir verlangen. Selbst wenn sie ich hätten würde ihnen das auch nicht viel bringen, weil wir nicht viel Kohle haben. Versuche mal einem nackten Mann in die Tasche zu greifen! Trotzdem ist eine Besetzung nicht gerade billig. Das Gute daran ist, du kannst all die DIY-Sachen machen, die du nicht einmal machen könntest, wenn du ein Haus legal kaufst. Beispielsweise kannst du in einem Squat problemlos Konzert veranstalten. Würdest du das gleiche Haus kaufen, musst du erst zig bürokratische Regeln erfüllen, damit das genehmigt würde. So sind Besetzungen, die einzigen Möglichkeiten eine wirkliche DIY-Szene aufzubauen.

Des Öfteren fällt bei euch der Ausdruck „Embryo-Punx“. Was hat es damit auf sich?

Als wir in diese ganze Punk-Geschichte reinrutschen, passierte das ebenfalls mit all unseren Freunden. Sprich in und um Amsterdam herum gab es eine komplett neue Punkgeneration. Und da die Älteren die „Generation“ vor uns die „Baby Punx“ nannten, war es für uns offensichtlich die „Embryo Punx“ zu sein. Mit dem Ruf im Rücken tauchten wir regelmäßig mit rund 25 Leuten auf Konzerten auf. Das war so der Beginn der „Embryo Punx“, ein geiles Zusammengehörigkeitsgefühl, woraus sich eine aktive Konzertgruppe entwickelte. Oft fragen uns heute Leute, ob wir denn mittlerweile nicht etwas zu alt seien für Embryos. Doch für uns hat das eher was mit dem Feeling zu tun und dem Spaß, den wir dabei haben.

Der Song „King Of Fools“ handelt von einem Typen, der eine sehr engstirnige Meinung von Punk hat, erwähnt aber nicht, was für euch Punkrock bedeutet. Na, wie ist das nun?

Für uns bedeutete das immer sich freimachen von dogmatischen Ideen und einem vorgeschriebenen Lebensweg und stattdessen seine eigenes Ding zu machen. Skeptisch gegenüber fast allem bleiben. Als wir hier in die Amsterdamer Szene hineinwuchsen, war das alles neu und aufregend und wir mochten das. Doch recht schnell verstanden wir, dass das, was wir unter Punk verstanden, es gar nicht gab. So wollten wir was erschaffen, was unseren Vorstellungen entsprach. Das ist schwer zu erklären, da natürlich jeder seine eigenen Ideen und Schwerpunkte hat. Das Wichtigste ist, wir wollen niemandem erklären, was Punkrock ist. Für uns hat das sehr viel mit Musik und der Attitüde zu tun. Hm, wie gesagt, es ist schwer zu erklären.

Ihr beschwert euch viel über die Politik eurer Regierung. Was macht ihr konkret gegen den Scheiß?

Als wir noch jünger waren (witzig die 20-Jährigen, Anmk. Bocky) waren wir tief in die Autonome Linke verstrickt. An Demos und anderen Aktionen beteiligen wir uns, aus verschiedenen Gründen,  nicht mehr so oft. Ein Grund ist, dass wir nicht mehr so viel Zeit haben. Wir studieren alle und konzentrieren uns stark auf die Band. Zudem stehen wir nicht hinter vielen Aktionen und deren Methoden der Durchführung. Wir glauben einfach nicht daran, dass wir die Welt groß verändern werden. Unser Song „Once I Believed“ drückt dieses Gefühl sehr gut aus. Das darf jetzt aber nicht falsch verstanden werden. Denn bloß weil wir nicht mehr an irgendwelchen Aktionen teilnehmen, bedeutet das nicht, wir hätten kein Interesse mehr daran. Natürlich Denken, Reden, Lesen, Schreiben, Lernen und Singen wir darüber.

Was sind denn für euch die falschen Methoden?

So wie wir das in Holland sehen macht die radikale linke Bewegung kleine unnötige Aktionen die der Bewegung schaden. Klar teilen wir linke Positionen wie Antifaschismus und sind auch für mehr Rechte für Immigranten uns stehen für Tiere ein. Doch beispielsweise zu versuchen die Fenster des Amsterdamer Bürgermeister einzuschmeißen, die davon abgesehen aus viel zu dickem Glas bestehen, damit die illegale Räumung von besetzten Häusern aufhört, ist wohl nicht der richtige Weg.

Abschließend eine Frage zu Fanzines. Was denkt ihr über die gedruckte und die digitale Variante?

Um ehrlich zu sein, haben Fanzines nie ein große Rolle für uns gespielt. Als Punk in unser Leben trat, gab es nicht mehr viele Leute, die ein Heft machten. So war unser Bezug nicht sonderlich bedeutend. Musik betreffend, also ob LP oder MP3, besitzt das gepresste Ding viel mehr Wert, als die digitale Datei. Man widmet etwas, was man Anfassen kann, viel mehr Aufmerksamkeit, als irgendwas flimmerndem auf einem Bildschirm. Aber die digitale Version hat natürlich auch ihre Vorteile, wie die einfachere und bessere Promotion. Wir leben in einer digitalen Ära und können somit nicht verleugnen, dass sich einige Dinge verändern. Trotzdem wäre es eine Schande, wenn Fanzines oder LP’s gänzlich aussterben würden.

http://www.myspace.com/embryopunx



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