Stay home? Read a book

| Januar 10th, 2009

ANNE HAHN & FRANK WILLMANN – Satan, kannst du mir noch mal verzeihen
(Taschenbuch, Ventil Verlag, 175 Seiten, 11,90 Euro)
Keine Angst, es handelt sich bei „Satan, kannst du mir noch mal verzeihen“ nicht um einen spätpubertären Knochenlutscher-Jugendroman. Ganz im Gegenteil und schlaue Füchse wissen es bereits, denn der Titel ist die erste Zeile aus dem Song „Satan“ von… Schleimkeim. 100 Punkte und ein Bällchen Eis für alle, die es gewusst haben. Denen, die es nicht gewusst haben, hilft vielleicht noch der Untertitel „Otze Ehrlich, Schleim-Keim und der ganze Rest“ auf die Sprünge. Aber ums kurz zu machen: Hier handelt es sich um einen Annäherungsversuch an das Leben von Otze, dem Sänger und Allzweck-Musiker der legendären DDR-Punkband Schleim-Keim.
Wenn man Schleim-Keim als Legende ansieht, dann ist Otze die Lichtgestalt des Tätärä-Punk um die sich unzählige Mythen ranken. Anne Hahn und Frank Willmann versuchen mit ihrem Buch etwas Licht ins das Dunkel um die Person Otze zu bringen. Im Brockhaus ist über ihn ja nicht viel mehr zu lesen als, dass er 1999 seinen Vater umgebracht hat und 2005 selbst unter rätselhaften Umständen gestorben ist. Wer mehr über Otze wissen will, dem ist mit diesem Buch hervorragend geholfen, denn „Satan,…“ gibt viele facettenreiche Einblicke in die Hintergründe und das Drehbuch zu Herrn Ehrlich Lebenslauf. Und es ist kontrovers. Also nicht so durch die rosa Brille: „Boah ey, Otze, was für ein geiler Typ!“, sondern durchaus fundiert. Nach einer kurzen Einleitung, kommen erstmal in einigermaßen chronologischer Reihenfolge 16 Wegbegleiter zu Wort, die einiges über unseren Protagonisten zu erzählen wissen (und das ist nicht immer nur Positives), so dass sich mit der Zeit aus Fragmenten ein mögliches Gesamtbild von Otze ergibt. Im folgenden Kapitel „Legende und Wahrheit“ versucht Mitautorin Anne Hahn Otzes Biografie noch weiter zu konkretisieren, in dem sie nackte Tatsachen in Form von Dokumenten und ähnlichem präsentiert. Das ist harter Tobak und verdeutlicht was für eine ambivalente Person gewesen sein muss. Man bekommt Eindrücke von seinem musikalischen Schaffen mit Schleimkeim, seinem familiären Background, seiner Wildheit, seiner Unberechenbarkeit, seinem Verhältnis zur DDR, seiner Vorliebe für Alkohol und seiner steilen Drogenkarriere nach der Wende. Die Gründe zur Tötung seines Vaters mittels eines sauberen Axthiebes und die Umstände seines eigenen Todes in der Klapse bleiben spekulativ, sind aber auch zweitrangig. Abschließend werden noch zwei Interviews mit Otze dokumentiert. Das erste aus dem Jahr 1995 ist sehr aufschlussreich. Aus dem zweiten, seinem letzten Interview, das er 1998 gab, kann man im Nachhinein herauslesen, wie es damals schon um ihn stand. Otze Ehrlich: ein super Kerl, ein Punkrocker vor dem Herrn, ein Arschloch, ein verwahrloster Junkie! „Satan, kannst, Du mir noch mal verzeihen“: Ein sehr spannendes Buch über Otze, über Schleim-Keim und über Punkrock in der DDR. Inklusive Fotos und Abbildungen. Sehr empfehlenswert! Obnoxious

BERTIE MARSHALL – Berlin Bromley
(Taschenbuch, Ventil Verlag, 171 Seiten, 11,90 Euro)
„Berlin Bromley“ ist die atemberaubende Autobiographie von Bertie Marshall: 1975 ist Bertie 15 Jahre alt. Er entstammt einem zerrütteten, miefigen Elternhaus in Londoner Stadtteil Bromley und entdeckt sein Faible für alles Androgyne. In der Schule ist er wegen seines Outfits ein Außenseiter. Er lernt neue Freunde kennen und die Sex Pistols. David Bowie (sein zweites Faible) wohnt in der Nachbarschaft. Er lebt mittels geklauter Bücher in einer Phantasiewelt und sucht seine Persönlichkeit. In selbstsicheren Momenten inszeniert er sich selbst. Er verliebt sich in einen Kerl und macht die Bekanntschaft von Siouxie Sioux. Die nimmt ihn mit in Vivienne Westwoods und Malcolm McLarens Laden SEX, wo er Jordan kennen lernt. Bestärkt durch neue Klamotten und das tuntige Make-Up wechselt Bertie endgültig seine Persönlichkeit, nennt sich fortan Berlin Bromley und ist süchtig nach Glamour… Wie es weiter geht, müsst Ihr schon selbst nachlesen! Kaum zu glauben, was der Junge in der folgenden Zeit alles erlebt. Bertie Marshall nimmt in „Berlin Bromley“ kein Blatt vor den Mund. Stattdessen geht er ganz unverblümt in die Offensive. Er beschreibt seine Suche nach dem eigenen Ich, seinen Identitätswechsel vom schüchternen Jungen zum exzentrischen Selbstdarsteller, sein schwules Coming-Out in der Londoner Punk-Subkultur. „Berlin Bromley“ gibt einen unglaublich intimen Einblick in das damalige Lebensgefühl und in die Geschehnisse in der Szene. Das Interessante daran ist nicht zuletzt, dass man das nicht aus der geschönten Biographie irgendeines „Stars“ oder aus zusammengeklaubten Interviewfetzen erfährt, sondern von einem wahrhaftigen Menschen, der eher am Rand der Bewegung stand, aber alles wie ein Schwamm in sich aufgesogen hat. Ich habe selten etwas mit so viel Authentizität gelesen. Erfrischend ist auch die Geschwindigkeit mit der hier die Geschehnisse präsentiert werden, denn Marshall schreibt in kurzen, szenischen, prägnanten Episoden seine Geschichte. Im Vergleich zu Tony Parsons’ Roman „Als wir unsterblich waren“(das ich in der letzten Punkrock!-Ausgabe vorgestellt habe) spielt „Berlin Bromley“ in einer ganz anderen Liga, nämlich in der Champions League. Okay, es handelt sich hier um Realität vs. Fiktion und man sollte Arschbacken nicht mit Kuchenbacken vergleichen, aber allein die stilistischen Mittel und die Lebendigkeit des Buches heben es meilenweit in den Himmel. Dieses Buch ist schon beinahe ein Vermächtnis! Das Vorwort hat übrigens Boy George, die Obertunte vom Culture Club, geschrieben. Und der gibt unumwunden zu, dass er Bertie alias Berlin damals angehimmelt hat. Übrigens: Beim Culture Club saß Boy Georges damaliger Freund Jon Moss am Schlagzeug und der spielte früher auch schon mal kurz bei The Clash und dann bei The Damned. Die Welt ist kleiner als man denkt. Okay, noch mal zurück zum Buch: File under „Gay Punk“. Kauft dieses Buch oder klaut es. So hat es Bertie Marshall ja früher auch gemacht. Aber das Wichtigste: Lest es! Ihr werdet es auf keinen Fall bereuen!!! Obnoxious

LEGS MCNEIL & GILIAN MCCAIN – Please Kill Me
(Hardcover, Hannibal Verlag, 509 Seiten, 25,90 Euro)
Wow, was für ein Schinken! Und gut abgehangen ist er auch. Okay, ich gebe zu, dass „Please Kill Me“ nicht ganz neu ist, aber es ist die Mutter aller relevanten Dokumentation über die Punk-History dieses Universums ist. „England’s Dreaming“ von Jon Savage, die hier abgekupferten „Verschwende Deine Jugend“ von Jürgen Teipel und John Robbs „Punkrock“ stehen im tiefen Schatten von „Please Kill Me“. Was Teipel und Robb Jahre später über die jungen Jahre von Punk für Deutschland und Großbritannien abgeliefert haben, fußt auf der feinen Vorarbeit von Legs McNeil und Gillian McCain über die Entstehung von Punk in den USA. Im Original erschien „Please Kill Me“ bereits 1996, die deutschsprachige Erstauflage 2004. Scheißegal! Das Buch basiert auf tausenden Interviews mit den Protagonisten der Frühphase des US-Punkrock. Als da beispielsweise wären: Dee Dee und Joey Ramone, Wayne Kramer, Patti Smith, Richard Hell, Jerry Nolan, Iggy Pop, Handsome Dick Manitoba, Arturo Vega, Debbie Harry, Lou Reed und vielen andere mehr. Hm, ich schreibe ja ungerne von Klappentexten und ähnlichen Waschzetteln ab, aber hier muss es mal sein, denn besser kann man es eigentlich nicht ausdrücken: „In chronologischer Reihenfolge fügt sich nahtlos Zitat an Zitat, als säßen die Interviewten in einer großen Runde beisammen, um sich mit dem Erzählen abzuwechseln. Der Leser taucht ein in die verrückte Welt des Rock’n’Roll mit all ihren Freuden und auch Schattenseiten.“ Na gut, ich verbessere mich, natürlich ließe sich das auch schwungvoller artikulieren, aber Ihr wisst was ich meine… Und auch der Satz: „Please Kill Me ist ein amüsantes und informatives Lesevergnügen, das zudem wieder enorm Lust macht, die alten Platten aufzulegen“ kann mich mal kreuzweise, aber es ist jetzt halt einfach mal so, dass ich seit geraumer Zeit wieder enorme Lust verspüre, den ganzen abgenudelten alten Scheiß aufzulegen und mir als Soundtrack zu diesem Buch durch die Gehörgänge blasen zu lassen. Danke Markus Weckesser, für die treffenden Worte. Was sich ansonsten zwischen den meilenweit entfernten Buchrücken verbirgt sei an dieser Stelle nicht verraten, denn der umfassende Inhalt des Buches lässt sich nicht in kurze Worte fassen. Vielleicht noch kurz zu den Autoren: Gillian McCain ist vernachlässigbar, aber Legs McNeil sollte jedem Punkrocker ein Begriff sein, ist er doch einer der Mitherausgeber des ersten Punkrock-Fanzines ever. Bands, die damals noch ganz diffus durch die Gegend waberten und sich allesamt einfach vom gängigen Mainstream abhoben, fasste Legs McNeil mit seinen Kollegen einfach unter dem tollen Namen Punk zusammen und war damit namensgebend für ein Gefühl, das uns heute noch in tiefster Seele berührt. Legs und Konsorten sei Dank. Auch dafür, dass wir hier voyeuristisch geil eine ganze Menge über Sex, Drugs & Alcohol used anno dunnemols in Amiland erfahren dürfen. „Please Kill Me“ gehört in jeden Ernst zu nehmenden Punkrock-Haushalt und ist ein unversiegbarer Quell cooler Sprüche. Noch dazu in sehr ansehnlicher Aufmachung: den schicken Schutzumschlag mal abgenommen, verbirgt sich Schottland dahinter. Innen drin befinden sich auch noch ein paar aussagekräftige Fotographien. Und noch ein kleiner Tipp: Lest das Buch (remember: Hardcover, über 500 Seiten) niemals im Bett, wenn Ihr müde seid. Das gibt nur Schrammen im Gesicht und blaue Augen. Glaubt es mir… Obnoxious

SABINE MÜLLER & MAX NUSCHELER – Kopfhörer – Kritik der ungehörten Platten
(Taschenbuch, Salon Alter Hammer, 184 Seiten, 11,90)
Nachdem Tom Tonks „Raketen in Dosen“ bei dem kleinen, aber feinen Verlag Salon Alter Hammer erschienen ist, war ich auch auf diese Verlagsveröffentlichung sehr neugierig. Der Untertitel zeigt ja schon in welche Richtung die Reise geht. Die Idee der Herausgeber war es, Schriftschaffende um die Besprechung einer Platte seiner Wahl zu bitten, und zwar einer Platte, die der Rezensent gar nicht gehört hat. Das ist cool, das hab ich auch schon gemacht und meistens lag ich, im Nachhinein betrachtet, damit gar nicht mal so falsch. Über 40 Leute haben sich auf das Experiment eingelassen. Herausgekommen ist ein breit gefächertes Panoptikum an Plattenreviews. Breit gefächert bezieht sich einerseits auf die Auswahl verschiedenartigster Stilrichtungen und Erscheinungsjahre. Andererseits auf die daraus entstandenen Rezensionen. Zugegeben wahrscheinlich bin ich mit falschen Erwartungen ans Werk gegangen und war nur auf Tonksche Ergüsse oder Besprechungen im Stile von Punk-Fanzine-Reviews voller wilden Erfindungen, derben Zoten und anderen Kraftausdrücken vorbereitet. Aber es geht auch anders. Ich sage nur Pop-Diskurs. Oh weh, da stellen sich mir die Nackenhaare hoch. Oder solche Beispiele, wo sich die Autoren gar nicht erst bemühten so etwas wie Authentizität vortäuschen zu wollen. Das ist nicht Sinn der Sache, sondern langweilig. Hier fehlt einfach die Inbrunst der festen Überzeugung für ein ernstzunehmendes Fake. Und wenn ich mir die beiden Besprechungen der Herausgeber anschaue – ich gehe mal davon aus, dass hieraus auch eine Erwartungshaltung an die anderen Schreiber abzuleiten ist – dann könnte ich mir gut vorstellen, dass sie mit dem ein oder anderen Artikel auch nicht so glücklich waren. Aber drauf geschissen. Denn das Schreiben über Musik ist ja immer subjektiv, egal, ob der Kritiker die Platte gehört hat oder nicht. Und so finden sich in den verschiedenen Reviews neben den schon erwähnten pop-diskursiven Ausschweifungen natürlich gern gepflegte Vorurteile, persönliche Episoden oder frei Erfundenes. Drei ganz Verwegene erfinden sogar noch die Platte die sie unangehört besprechen! Wow. Was aber mit „Kopfhörer“ mehr als deutlich wird (und das gilt für Plattenbesprechungen sowohl im Feuilleton der Faz, als auch in der Bravo oder im Punkrock!-Zine: Das „ursprüngliche Genre „Review“ [wird] ad absurdum geführt“ (Zitat aus dem Vorwort des Buches). Will sagen: Mann kann sich bei Besprechungen sowieso nie sicher sein, ob die Platte auch wirklich angehört wurde oder der Autor nur irgendwelchen Mist erfunden hat. Hier im Buch gefallen mir die Reviews am besten, die dann auch gar nicht erst auf die besprochene Platte eingehen. Oder die – ich sag jetzt mal – fanzinemäßigen Reviews und natürlich die Verrisse. Ums mal an Namen fest zu machen: Sehr unterhaltsam finde ich die Lügereien von Jörkk Mechenbier, Kai Berner, Harald „Sack“ Ziegler, Ralph Buchbender, Sabine Müller, Klaus N. Frick, Wiglaf Droste, Joachim Gaertner, Johannes Ullmaier, Jan Off, Michael Zuckle, Autobot, Sonja Eismann, Dietrich zur Nedden, Tom Tonk, Max Nuscheler, Alex Gräbeldinger, Marvin Chlada, Jonny Bauer und Hilko Drude. So, das sind jetzt ja schon gar nicht mal wenige. Ein paar andere abgelieferte Teile halte ich allerdings für unlesbar. Kann aber auch sein, dass das bloß eine Masche sein soll… Egal, „Kopfhörer“ eignet sich hervorragend zum Schmökern, als Gute-Nacht-Geschichten-Band oder als Scheißhaus-Lektüre. Als letztes stellt sich jetzt nur noch die Frage: Habe ich das Buch eigentlich gelesen bevor ich es gerade eben besprochen habe? Ja. Nein. Vielleicht, nach den Ferien. Falls es aber irgendwann eine Fortsetzung von „Kopfhörer“ geben sollte, melde ich jetzt schon mal Ansprüche an. Ich werde dann „Bleach“ von Nirvana oder „Dynasty“ von Kiss besprechen… Obnoxious

DOLF HERMANNSTÄDTER – Got Me?
(Taschenbuch, Mox & Maritz, 307 Seiten, 15,80 Euro)
„Got Me? – Hardcore-Punk als Lebensentwurf“ beinhaltet die gesammelten Kolumnen, die Dolf in den Jahren 1986 bis 2007 im Trust-Fanzine veröffentlicht hat. Und zwar alle! Zum guten Einstieg gibt es einen feines Vorwort vom aktuellen Trust-Gaspedal Jan Röhlk und ein Interview, das Ian MacKaye (Fugazi) in umgekehrten Rollen mit Dolf geführt hat. Zu den Kolumnen: Das Trust bekommt ja immer wieder vorgeworfen, dass es dröge und langweilig ist, was oft genug auch an Dolfs Kolumnen festgemacht wird. Stimmt das? Okay, man muss schon zugeben, dass wenn man die Kolumnen so geballt als Buch vorgesetzt bekommt: Da wiederholt sich schon einiges. Das Problem ist aber auch: Das Trust gibt es in Fanzine-Zeitrechnungen schon seit Ewigkeiten. Und Dolf ist ein Mensch, der seinen Idealen scheinbar auch sehr treu ist und da seit der Trust-Geburt mittlerweile geschätzte 12 Punkrock-Generation das Raumschiff bestiegen und wieder verlassen haben, ist es schon verständlich, dass sich einige Themen wie ein roter Faden durch die Jahre ziehen und immer wieder zur Sprache kommen. Als unverbesserlicher Hardcoreler und Trust-Leser muss man dann halt damit rechnen, dass man Themen wie die böse Musik-Industrie, Vegetarismus oder Szenegepflogenheiten immer wieder aufgetischt kriegt. Damit muss man als alter Hase dann leben, gähnen und weiterblättern. In einem Buch ist das oft ermüdend, weil dann ein paar Seiten später die gleiche Problematik weiter schon wieder bemüht wird. Klar, Dolf wollte mit seinen Kolumnen schon immer zum Nachdenken und zu Diskussionen anregen und Fragen aufwerfen. Das alles geschieht oft schon fast philosophisch. Er will, dass sich die Szene weiter entwickelt und die Welt verbessert. Was mich aber wirklich nervt ist, dass diese Probleme und Themen häufig nur angerissen und dann offen gelassen werden, manchmal sogar ohne selbst wirklich Stellung zu beziehen. Und der Leser fühlt sich dann ein bisschen allein gelassen. Das mag zwar als Gedankenanstoß von Dolf durchaus so gewollt sein, aber ist in der Fülle doch ziemlich unbefriedigend. Und die ständige Frage, ob die Leser überhaupt verstehen oder wissen, was er meint, bzw überhaupt noch lesen. Das erscheint resignierend und voller Selbstzweifel. Andererseits bekommt man so den Eindruck vermittelt, als ob Dolf der Einzige wäre, der auch mal nachdenkt, Sachen versteht oder als ob er seine Leser ständig überfordert. Der dritte Punkt ist, dass Dolf anscheinend nie Zeit hat, ständig zu gehetzt ist, um etwas auszuformulieren. Oder ist das auch nur ein Stilmittel. Mich nervt es jedenfalls, wenn ich das in einem Buch auf allen paar Seiten lesen muss. Ist jetzt dieses Buch genau so langweilig wie das Trust? Oder sogar noch langweiliger? Ich würde sagen, das kommt auf die jeweilige Trust-Ausgabe an. Trotz allen Kritikpunkten gibt es sehr viele gute Denkansätze in „Got Me?“. Wobei ich die langen Kolumnen am interessantesten finde, da die Thesen hier fundiert belegt werden und man dann sogar mal ins Überlegen kommt, auch wenn man erstens an dem Thema gar nicht interessiert ist oder zweitens sowieso anderer Meinung ist als Hardliner-Dolf. Meine Lieblingskolumne ist übrigens die aus #109 (ist das eigentlich eine richtige Kolumne?). Die kann man sich, wie viele andere übrigens auch, auf der Trust-Homepage als Appetithäppchen schon mal durchlesen. Und dann selbst entscheiden… Ach ja, die Interpunktion ist leider unter aller Sau. Obnoxious

NEAL POLLACK – Never Mind The Pollacks
(Hardcover, Hannibal Verlag, 351 Seiten, 17,90 Euro)
Ganz klar, bei so einem Buchtitel kann es sich hauptsächlich nur um Sex & Drugs & Rock’n’Roll drehen. Aber wer zum Teufel sind die Pollacks? Okay, kompliziert, aber ich versuche es zu erklären: Es gibt nur einen Pollack: Neal Pollack. Der ist real, so richtig, also er lebt wirklich. Und dann gibt es noch den fiktiven Neal Pollack, eine Kunstfigur, die Hauptperson in „Never Mind The Pollacks“. Aber erzählt wird die Story von der ebenfalls fiktiven Person Paul St. Pierre. Also der amerikanische Musikkritiker St. Piere schreibt eine Biographie über den amerikanischen Musikkritiker Pollack. Puh, geschafft. Also, Neal Pollack ist in „Never Mind The Pollacks“ die(!) Lichtgestalt im Musikbusiness. Er kennt sie alle: Sam Phillips, Elvis Presley, Jerry Lee Lewis (ist sogar eine Zeitlang sein Stiefvater), Bob Dylan, Joan Baez (wird seine Geliebte), die Rolling Stones, Lou Reed, Iggy Pop, Bruce Springsteen, Patti Smith (die nächste Geliebte), die Ramones, Malcolm McLaren, Henry Rollins, Kurt Cobain… Nur um ein paar zu nennen. Aber nicht er ist es, der den vermeintlichen Stars die Stiefel leckt. Vielmehr wissen die Musikanten, dass sie ohne Neal Pollack gar nichts wären. Sie verehren und vergöttern ihn, denn Neal hat einfach den Durchblick. Seit seiner frühen Kindheit ist er auf der Suche nach dem Ursprung, nach den Propheten des Rock’n’Roll. Und das schlägt sich natürlich auf seine Aura nieder. Er ist der große Lenker, der hinter allem steht und so fühlt er sich auch zu recht hintergangen und entwürdigt, wenn sich die von ihm bekannt gemachten Bands von ihm trennen. Aber das hat auch seinen Grund, denn Neal stürzt die meisten Bands und Interpreten, mit denen er es zu tun hat, durch seine pure Anwesenheit ins Verderben. Denn Neal Pollack ist natürlich auch ein ganz großes Arschloch. Ein ganz fieser Charakter, der vor nichts und niemandem wirklich Achtung hat. Gut so? Ja. Verdient es so ein Typ, dass ein Buch über ihn geschrieben wird? Ja, aber hallo, alle großen Rocklegenden sind eigentlich nur kleine Momentaufnahmen seines Lebens. Er war aber jetzt mal überall dabei, was sich irgendwie prägend auf die Rockhistorie ausgewirkt hat und dabei nimmt er natürlich auch nur die allerwichtigsten Rollen der Musikgeschichte ein. Das Buch ist folglich auch gespickt mit Situationen und Szenen aus der Welt des Rock’n’Roll, die der reale Neal Pollack zitiert und so verfremdet, dass sie seinem Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes ins Gesicht geschrieben stehen. Der Clou an dem Buch ist aber, dass Neal Pollack (also der Schriftsteller) damit die Geschichte des Rock’n’Roll seit Anfang der 50er, seit ein gewisser Elvis Presley zum ersten Mal in einem Studio gewesen ist, bis in die 90er erzählt. Und weil das alles Humbug ist, kann es sich bei „Never Mind The Pollacks“ natürlich nur um eine Satire handeln. Coole Scheiße! Was Neal Pollack alles erlebt und widerfährt ist oft so haarsträubend, dass man teilweise aus dem Schenkelklopfen gar nicht mehr herauskommt. Hm, die Rahmenhandlung, die das Schicksal des Biographen Paul St. Pierre verdeutlicht, finde ich zwar nicht so prall, aber was in „Never Mind The Pollacks“ als Musikgeschichte verdattelt wird, ist ganz groß. Ach ja, sowohl Neal Pollack als auch Pauk St. Pierre verwahrlosen im Laufe der Zeit total und verrecken schließlich auf unangenehme Art. Wie ihre Geschichte miteinander verwoben ist? Und wer das größere Arschloch ist? Selber lesen! Obnoxious

CHRISTOPHER DAWES – Rat Scabies und der heilige Gral
(Taschenbuch, J. Seeling Verlag, 304 Seiten, 14,80 Euro)
Verschwörungstheorien hin oder her, wer ein Faible für Indiana Jones hat wird diesen Roman in kürzester Zeit gefressen haben. Worauf allerdings direkt hingewiesen sein sollte: Alles, was in diesem Buch steht stimmt! Die uralte Gralssucher-Legende kennt man vielleicht noch. Bloß den französichen Ort Rennes-Le-Chateau eher nicht mehr und den Pfarrer Bérenger Saunière sicher nur wenige. Wirklich interessant, was es an kruden Sachen gibt, die man über das Internet erfährt! Ob das natürlich für jedes kleine Detail stimmt, wage ich zu bezweifeln, doch die Geschichte des Buches scheint sich in der Tat so abgespielt zu haben. Denn im Gegensatz zu „normalen“ Romanen gibt es den Protagonisten Rat Scabies tatsächlich. Er ist der Drummer von The Damned! Eine weitere bemerkenswerte Komponente ist, dass der Autor und Musikjournalist Dawes die zweite Hauptrolle der ungewöhnlichen Geschichte spielt. Scabies und Dawes lernen sich recht schnell kennen, nachdem Letzterer in das Haus gegenüber der Musiklegende einzieht. Schnell lernt der Schreiber sein Jugendidol und dessen ungewöhnliches Hobby kennen: Die Suche nach dem heiligen Gral. Dabei kommen aber keine Geister, Wunderwaffen oder Außerirdische zum Einsatz. Die Geschichte bleibt größtenteils bodenständig und wenn auch nicht der Gral selbst gefunden wird, so kommen die beiden etwas anderem Elementaren auf die Spur. Sympathisch für Hobby-Leser ist der typische Fanzine-Schreibstil, der sehr locker, lustig und bildlich für viele laute Lacher sorgt. Ein Buch, das mit vielen wahren Einzelheiten aufwartet, aber trotzdem einen enormen Unterhaltungsgrad hat! Bocky

ARTURO BASSICK – Fat Bloke. Thin Book
(Taschenbuch, Bassick Publications, 114 Seiten, 7,50 £)
Im netten Plauderton erzählt Arturo Bassick von den Lurkers – mittlerweile auch festes Bandmitglied von 999 – seine Geschichte. Seine Kindheit (Working Class, arm aber glücklich) und Jugend (The Who, Glamrock, etc.) im Londoner Stadtteil Fulham, der aufkeimende Punkrock in London, die Lurkers, die zu Unrecht fast vergessenen Blueberry Hellbellies und die Pferdeliebhaberei. Gespickt ist das alles mit kleinen Anekdoten über Begebenheiten mit The Business, Splodgenessabounds oder Cock Sparrer, vielen Fotos und alten Zeitungsausschnitten. Das kleine Büchlein ist zwar nicht unentbehrlich, aber charmant und kurzweilig. HH
[Anm. Obnoxious: „Fat Bloke. Thin Book“ gibt’s übrigens nicht über den normalen Buchhandel. Man kann es, glaube ich, nur direkt bei Arturo Bassick bestellen. Zu den 7,50 £ kommt dann noch 1 £ für Porto und Verpackung. Hier die Adresse: Bassick Publications, 25 Shepard Terrace, Haltwhistle NE499LS, United Kingdom]

ROB JOHNSTONE (Hrsg.) – Von den Sex Pistols bis zu PiL – Johnny Rottens Geschichte(n)
(Taschenbuch, I.P. Verlag, 240 Seiten, 18,90 Euro)
Das Buch beginnt mit der bekannten Geschichte; London, Mitte der 70er, McLaren und Westwood, Kings Road, Sex Pistols, etc. Langweilig, dachte ich und schon entschuldigt sich der Herausgeber und Autor der Einleitung dafür und begründet es aber mit der Ansicht, dass man diese Geschichte, im Vorwort jedenfalls, nochmals erzählen könnte, quasi als „Crashkurs für die Raver“. Akzeptiert! Dann widmen sich diverse Autoren dem facettenreichen Wirken John Lydons. Unterwegs mit den Pistols durch die Gassen Londons, als Zaungast und Mitreisender mit den Pistols auf Amilandtour, Lydons weitere musikalische Aktivitäten – von PiL über Afrika Bambaataa bis hin zu der Kooperation mit Leftfield. Man geht auf Lydons heutigen Status als TV-Liebling der britischen Nation ein, auf Sinn und Zweck der Pistols-Reunionen und Prototypen der Pistols (mit Skandal zum Erfolg). Ein Artikel beschäftigt sich sogar musikwissenschaftlich mit der Wirkung Lydons Stimme und Gesangskünste. Das Buch ist wirklich interessant, obwohl ich anfangs skeptisch war. So in der Art: „Och nö, nicht schon wieder die ollen geläufigen Kamellen.“ Aber es kommt ganz anders. Gut, sehr gut. Als Autoren fungieren u.a. Greil Marcus, Judy Nylon oder Legs McNeil. HH

HOLLOW SKAI – Punk
(Hardcover, Archiv der Jugendkulturen, 271 Seiten, 28,00 Euro)
Der Name Hollow Skai waberte schon seit Jahren immer mal wieder irgendwie durch mein Gehirn. Ein fundiertes Halbwissen hat mir dabei nicht weiter geholfen. Das Ganzwissen um sein Buch, das nirgends auffindbar war, ebenso wenig. Und so strampelte ich Ewigkeiten auf derselben Stelle. Seine Homepage war auch nicht wirklich hilfreich, eher abschreckend. Jetzt endlich hat das Archiv für Jugendkulturen „Punk – Versuch der künstlerischen Realisierung einer neuen Lebenshaltung“ wieder zugänglich gemacht. Endlich konnte meine Neugier gestillt werden. Also schnell mal zu Rezensionszwecken bestellt. Das Augenbrauenhochziehen hinsichtlich der Veröffentlichung in der Abteilung „Wissenschaftlich Reihe“ hat sich dann aber auch teilweise bestätigt, denn bei „Punk“ handelt es sich um die Magisterarbeit des werten Herrn aus dem Jahre 1980. Wie so viele bebrillte Punkrocker nach ihm wollte Hollow Skai wahrscheinlich wenigstens ein Mal während seines Studiums Spaß haben und hat aus diesem Grund seinen Lebensinhalt zum Thema seiner Magisterarbeit gemacht. Aber im Gegensatz zu anderen Fuzzis ist er nicht mit der gebotenen Ernsthaftigkeit an die Sache heran getreten, sondern hat der Wissenschaft eine ganz große Nase gedreht. Respekt! Klar hält er zumindest ansatzweise die gegebenen formalen Vorgaben ein, aber was er in seiner Arbeit geleistet hat, ist aller Ehren wert. Was für Außenstehende (Professoren) durchaus Ernst zu nehmen erscheint, denn inhaltlich ist „Punk“ durchaus fundiert und plausibel geschrieben, ist für Insider die „Verarschung total“ (wie es Normahl vor Jahrhunderten mal ausdrückten), denn Hollow Skai hat sich erlaubt an den Haaren herbei gezogene Gimmicks einzubauen. So zitiert er beispielsweise sich selbst (aus seinem No Fun-Zine) oder Freunde (denen er die Worte einfach in den Mund gelegt hat), allein aus dem Grund, dass er sie in seiner Literaturliste nennen kann. Oder dass er sowohl Objekt als auch Subjekt, also sowohl Autor als auch Thema der Arbeit ist, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Die ganze wissenschaftliche Chose wird damit ad absurdum geführt. Andererseits ist das Buch durch die verschwurbelte Gelehrtensprache auch nicht ganz einfach zu lesen, sondern erfordert schon die Kenntnis universitärer Umgangsformen. Hat Hollow Skai, übrigens der Gründer des ehrwürdigen No Fun-Labels, damit schon in ganz frühen Jahren den Punkrock in Deutschland verraten? Nein, er hat ihm vielmehr ein Denkmal gesetzt, dem hoffentlich so viele Menschen ratlos gegenüber stehen, wie sie es einst vor der Berliner Mauer getan haben. Die für eine Magisterarbeit relativ hohe Seitenzahl relativiert sich übrigens durch die Tatsache, dass in dem Buch einerseits der reine Text (ohne eventuell leserfreundlich machende „Overdubs“) als auch die originalgetreue Reproduktion mit sehr stylischem Punk-Layout der Magisterarbeit abgedruckt ist. Punkrocker lesen natürlich das fast schon comichafte Original, Studenten den Klartext. Inhaltlich geht es in den einzelnen Kapiteln z.B. um die Entstehung und Bedeutung von Punk, um die Ideologie, die dahinter steckt, um Punk-Fanzines, um die Zusammenhänge von Langeweile und Destruktion im Punk, um Geschlechterrollen, um Punkmode und deren Hintergründe und so weiter. Als Bonus gibt es am Ende des Buches noch einige kurze „Bonustracks“, die Hollow Skai über die späteren Jahre hinweg im Bezug auf Punk veröffentlicht hat. Das alles inklusive vieler Fotos, Collagen und anderem Kram. Im Ergebnis kann dieses Buch bei ausreichender geistiger Reife viel Freude bereiten und sollte es auch tun. Obnoxious

JOHN NIVEN – Kill Your Friends
(Taschenbuch, Heyne, 380 Seiten, 12,00 Euro)
Ein Roman über eines der großen Feindbilder von Punk: Die Musikindustrie. Schließlich führte das Gebaren der Musikkonzerne, ihre von Kaufleuten und Managern gesteuerte strikte kapitalistische Marktgeilheit, zu DIY und den ersten Independent-Labels. „Kill Your Friends“ spielt irgendwann Ende der 90er Jahre in London zwischen dem Brit-Pop/„Cool Britannia“-Hype und der beginnenden Jammerlappenphase der Unterhaltungsbranche. Autor Niven schildert ein Jahr aus der Sicht von Steven Stelfox, einem jungen A&R-Manager einer Mainstream-Firma. Dessen Gedanken und Aktionen kreisen beständig um Karriere, Erfolg und Sex. Alle Kollegen sind verachtenswerte Feinde und verbauen den Weg zum großen Geld. Frauen sind prinzipiell Schlampen oder zu alt. Musik Mittel zum Zweck. Egal ob Punkrock oder Drum’n’Bass. Caste irgendwen zu irgendwas zusammen: Scheißegal, sind eh nur dumme Schnepfen! Gibt es bereits eine Band oder einen Produzenten: Benutze diese dumpfen, idealisierten oder drogenverseuchten Freaks! Alles ist käuflich! Fans sind eh nur gehirnamputierte Idioten! Die Charts der Maßstab aller Dinge! Und die Welt ein praller Porno! Stelfox selbst ist ständig auf Alk und Koks, immer auf der Suche nach der nächsten Nummer. Das endet meistens in einer Mischung aus Splatter, Orgie und hasserfüllten rassistischen und/oder sexistischen Ausbrüchen. Und wenn nicht: dann müssen eben neue Klamotten her. Niven hat hier einen Trash-Roman abgeliefert, den man schnell lesen und in seiner satirischen Art grinsend grimmig genießen kann. Gerne begleitet man den Protagonisten so durch den internationalen Medienzirkus. Zudem liefert er alle Klischees einer zynischen, untergehenden Industrie. Ein guter Ansatz, wenn man Holly Johnson (Frankie Goes To Hollywood) folgt, nach dem Klischees doch nur komprimierte Wahrheiten sind. Nervig und auch etwas öde sind auf Dauer nur die Blut- und Sexpassagen. Da hat Niven doch zu sehr bei Bret Easton Ellis („American Psycho“, „Glamorama“) vorbeigeschaut. Aber egal. Mal wieder einen Text so richtig schwarzweiß über das Böse zu lesen ist amüsant. Macht nicht schlauer, aber jüngere Leute vielleicht genauer. Lesen und ab in die Tonne. Oder einfach weiterschenken. Chan Fier



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