Obtrusive

| Januar 4th, 2009

Die Bierflasche kam schnurstracks auf mit zugeflogen, ich konnte mich gerade noch zur Seite drehen und rabimmel-rabammel-rabumm knallte sie zwei Meter hinter mir, neben einem anderen Kopf, an die Wand und zerschellte. Das ist meine erste Erinnerung an die Band aus Ravensburg. Zugetragen hatte sich das Schauspiel irgendwann mal in Gießen als die Schwaben dort Defiance aus den Staaten supporteten. Die Amis waren auch der Grund weshalb Stepke damals nicht mit mir redete, sondern lieber ne Flasche nach mir warf. Die beiden Bands wollten sich nämlich miteinander fotografieren lassen und Rüdi (Pogoradio) und ich standen auch im Bild rum. Der Aufforderung mal kurz auf die Seite zu gehen kamen wir nicht nach, fanden das Rockstar-Scheiße. Das konnte ich den Abend über auch nicht für mich behalten und zog damit Stepke die ganze Zeit auf. Das ihm nach einer gewissen Zeit der Kragen platzte war ja klar. Immerhin kam unsere Konversation bis dahin nicht weiter als „Geht mal aus dem Bild“, „Nö“ hinaus. Egal. Nicht ganz ein halbes Jahr danach machte ich ein keines Festival, auf dem ich die Band dabei haben wollte. Na und seitdem haben wir uns alle lieb.
Ihr macht so’n Stilmix aus Anarcho-HC und Riotpunk und seid meist tiptop gestylt. Neben euch gibt es da nur eine handvoll weitere Bands, die das machen. Trotzdem scheint es mir, dass dieser Stil, also musikalisch und vom Outfit her, immer mehr im Kommen ist. Sehe ich das richtig?
Stepke: Also ich würde uns da jetzt nicht zwingend in eine Schublade stecken, wir machen halt die Mucke, auf die wir Bock haben. Punkrock mit Hardcoreeinflüssen, HC-Punk…egal wie du’s nennst. Auf jeden Fall hast du Recht damit, dass es mittlerweile mehr von diesen Bands gibt. Früher gab es halt die Casualties und dann kam lang nix. Heutzutage sieht das schon anders aus und das ist auch sehr gut so.

Da haste wohl Recht! Ihr habt ja auch nen guten Draht zu’n Pestpocken und SS-Kaliert. Habt ne geile Split mit den Amis von Monster Squad, die auf dem Schweizer Label TSOR erschien, wo auch Krum Bums in Europa veröffentlichen. Das scheint ne runde Sache unter den Frisörpunks zu sein, oder?

Stepke: Kann man so sagen. In den letzten Jahren hat sich eine sehr gute Freundschaft zu der Pestpocken-Bande und zu SS-Kaliert entwickelt. Auch mit den Jungs von Monster Squad stehen wir in gutem Kontakt. Leider ist der Kontakt zu den Krum Bums ein bisschen eingeschlafen. Aber vielleicht ändert sich das ja auch wieder. An dieser Stelle möchte ich auch mal ein fettes Dankeschön an Mat T.S.O.R, Danny & Eve Maniac Attack und Benni von Razorblade Music/Booking loswerden. Danke für die Unterstützung!

Des Öfteren hört man diesbezüglich ziemlich abfällige Meinungen in Richtung Oberflächlichkeit und Äußerlichkeiten. Wie seht ihr das und werdet ihr auch dementsprechend angegiftet?
Stepke: Es gibt sicherlich Leute, die diese Meinung mit ihrem Verhalten auch bestätigen. Aber der Großteil weiß das Punkrock mehr ist als sich 1000 Nieten auf die Jacke zu machen, die Haare schön zu färben und tiptop gestylt das Haus zu verlassen. Wir wurden auch schon von anderen Punx angelabert, von wegen „Edelpunx“ und so’n Scheiß. In Hamburg musste ich mir auch schon dumme Sprüche anhören, aber wat soll’s. Drauf geschissen. Ich beurteile niemanden nach Äußerlichkeiten. Wichtig ist, was sich im Kopf abspielt.

Dieses Jahr habt ihr auf dem Punk & Disorderly gespielt obwohl ihr noch keinen echten Longplayer draußen habt. Wie konntet ihr MAD davon überzeugen die richtige Band für dieses Festival zu sein?
Stepke: MAD hatte uns letztes Jahr über Myspace gefragt ob wir spielen wollen, da eine Band ausgefallen war, das Ganze war aber alles zu kurzfristig und deshalb hab ich vorgeschlagen das auf 2008 zu verschieben, was dann ja auch geklappt hat.

Wie war das Festival für euch selbst?
Stepke: Die Show selber war ziemlich geil, wir hatten Spaß auf der Bühne und die Leute davor sind auch gut abgegangen, obwohl es noch relativ früh war. Ich hab mir auch gerne einige der anderen Bands angesehen. Ansonsten gab es schon ein paar Dinge die mir nicht so gut gefallen haben, zum Beispiel die Location und einige Leute aus dem Publikum.

Das will ich natürlich genauer wissen. Also mal Butter bei die Fische!

Stepke: Wie schon gesagt hat mir die Location nicht so zugesagt. Ich fand es in der
alten Location cooler. Hatte irgendwie mehr Stil. Das ist aber Geschmackssache. Viel schlimmer war, dass man viele patriotische Idioten gesehen hat, die mit Nationalfahnenpatches auf ihren Jacken herumliefen oder fragwürdige Bandaufnäher hatten. Den Vogel abgeschossen hat aber ne Crew aus Holland, die mit großer Nationalfahne vor der Bühne stand und bei einem Reagan Youth Cover den Hitlergruß gezeigt hat. Ob das bei denen noch unter Provokation lief wage ich zu bezweifeln. Bei der Crew hatte das sicherlich mehr Hintergrund. Leider sind alle Versuche den Jungs die Fahne abzunehmen gescheitert. Die Bands haben sich an den Idioten leider auch nicht sonderlich gestört. Was mich ein bisschen verwundert hat. Leider ziehen solche Großveranstaltungen immer auch ein paar Vollidioten an, die einem die ganze Party verderben können. Aber alles in allem war die Mehrheit der Leute super korrekt und wir hatten ja auch ne Menge Spaß. Leider erinnert man sich im Nachhinein aber eher an die negativen als an die positiven Ereignisse.

Ähm, wie bitte und was hat der Veranstalter gemacht? Beziehungsweise, wieso haut man solchen Pennern nicht einfach mal ordentlich aufs Maul, damit sie wissen, was Sache ist? Oder wäre man da eher Gefahr gelaufen selbst das Gesicht von der Security massiert zu bekommen?

Ich glaube die Veranstalter haben das gar nicht so richtig mitbekommen, sonst wäre da schon mehr passiert. Wie gesagt wurde ja versucht denen die Fahne abzunehmen, aber so wirklich viele Leute hat das ja auch nicht interessiert leider. Ich selbst habe zu dem Zeitpunkt keine Securities in der Nähe gesehen.

Hmpf!?

Ich war im April in Wien beim Rebellion-Festival, was die abgespeckte Variante des gleichnamigen englischen Festivals war. Also vergleichbar mit dem Punk & Disorderly in Berlin. Sprich ein paar alte englische Veteranen, die meist enttäuschen und nen Haufen kleinerer und oft besserer Bands. Sind solche Festivals nicht längst total langweilig und man sollte versuchen ausschließlich aktuelle Bands zu nem größeren Festival zusammenzubringen?
Ich finde man sollte eine gute Mischung zusammenstellen. Es gibt noch viele alte Bands die es auch heute noch richtig drauf haben und ne Hammershow abliefern. Zum Beispiel habe ich vor kurzem die Adolescents gesehen, oder Gorilla Biscuits. Hammer Konzerte! Wobei solche Bands auf den oben genannten Festivals ja leider nie am Start sind. Die englischen „Veteranen“, wie du sie nennst, bekommen meistens viel zu hohe Gagen für ne komplett beschissene Show. Ich weiß nicht warum man die jedes Jahr auf’s neue aus ihrer Gruft holt. Für das Geld könnte man einige, richtig gute, aktuelle große und kleine Bands holen. Oder kleinen Bands etwas mehr zukommen lassen. Wobei das
Konzept mit den alten Bands ja leider aufgeht. Hätten Cock Sparrer nicht auf dem Rebellion Festival gespielt wären sicher einige Hundert Leute weniger gekommen. Das gleiche mit den 4Skins auf dem Punk & Disorderly. Schade eigentlich!

Euer Name wird oft und gerne falsch geschrieben – dabei nehme ich mich natürlich nicht aus, remember „Never Surrender“-Festival. Nervt das?
Stepke: Haha, gut das du drauf zu sprechen kommst. Mich hat es früher tierisch genervt wenn unser Name auf Flyern und Plakaten falsch geschrieben war. Mittlerweile lach ich drüber, nur noch in seltenen Fällen reg ich mich kurz auf. Das Schlimmste an der Geschichte ist ja, dass die Veranstalter meistens unser Logo zugeschickt bekommen. Da kann man eigentlich nicht mehr viel falsch machen. Naja, aber irgendwie scheint es doch ziemlich schwer zu sein uns richtig zu schreiben. Es gab da auch schon interessante Schreibweisen zu sehen…also noch mal für alle zum mitschreiben: O-B-T-R-U-S-I-V-E.
Marc: Ich find das eigentlich wirklich nur belustigend was man mit einem Bandname so alles anstellen kann…hähä…bitte um weitere Vorschläge! Danke!

Jetzt endlich mal zu eurer Debüt-Platte. Zum Zeitpunkt unseres Interviews (August) ist euer Debüt-Album immer noch nicht komplett fertig, obwohl wir schon einmal im Frühling darüber sprachen. Woran hängt es denn?

Ohje, da stellst du ne Frage! Um die ausführlich zu beantworten müsstest du ne Special Ausgabe deines Fanzines rausbringen. In etwa: „Punkrock! Special Edition – Der Leidensweg von Obtrusive“ Haha! Um es kurz zu machen: Wir hatten Pech mit dem 1.Mischer (dem Vollidioten!!!), deshalb mussten wir uns ein neues Studio suchen, dann
fehlte uns und unserem neuen Soundmann Simon die Zeit, dann sind wir nach Duisburg zu Jens ins AMP Studio und haben dort alles fertig gemacht. Jetzt sind wir gerade am Mixen, was auch einige Zeit in Anspruch nimmt, da wir leider nicht die Zeit haben uns neben Jens ins Studio zu setzen, sondern das ganze über Telefon und Internet abläuft. Naja. Jetzt (Anfang/Mitte August) sind wir aber kurz vor Vollendung des Albums. Und mir gefällt es schon richtig gut. Ich hoffe dass es euch allen auch gefällt.

In „New Kind Of Control” geht es um Konsum. Oder hab ich da etwas falsch verstanden und erklärt mal bitte die Zusammenhänge, die ihr darin seht.
Stepke: Es geht um Konsum und wie Leicht der Großteil der Leute zufrieden zu stellen ist. Alles was zählt ist das Neueste, Schickste und dem Trend entsprechende zu bekommen. Was sich sonst noch in der Welt abspielt interessiert die Leute doch gar nicht mehr, hauptsache es geht ihnen gut und sie bekommen was sie wollen. Oder schau dir die ganzen verkackten Shows und Serien im Fernsehen an. Brot und Spiele für das Volk kann man da nur sagen.  Die „Gesellschaft“ ist einfach viel zu zufrieden und vernebelt von der ganzen Konsumwelt, als dass noch ein revolutionärer Gedanke entstehen könnte. 

„Revolution Inside“ handelt von revolutionären Gedanken in einem selbst, für die man erstmal den Mut/Konsequenz haben muss sie umzusetzen. Außerdem funktioniere eine Revolution nicht wenn man gewisse Dinge wie beispielsweise Vorurteile und Egoismus überwindet. Wie habe ich das zu verstehen?
Stepke: Wir alle wollen dass sich was verändert, manche schreiben Lieder darüber, gehen auf die Straße oder wieder andere beteiligen sich an militanten Aktionen. Doch wenn man sich die Streitereien ansieht die es in der Szene gibt und dass es eigentlich kein wirklichen Zusammenhalt zwischen Punks, Crusts, Antifas, Hardcore und sonstigen Leuten gibt, die eigentlich alle mehr oder weniger das Gleiche wollen, stellt sich doch die Frage wie man dann eine Welt voll mit selbst bestimmten Leben und Freiräumen erschaffen will, wenn man nicht dazu bereit ist seine eigene Sichtweise auch mal in Frage zu stellen, offen für Neues ist und nicht immer zuerst an sich denkt.
Marc: Sorry, aber ich glaube das hast du falsch verstanden. Es ist schon auch eine Kritik in die eigenen Reihen, darüber das auch von uns keiner Perfekt ist und auch seine eigene Sichtweise immer wieder hinterfragen sollte. Es geht dabei auch um den (zwischen-)menschlichen Aspekt, denn es bringt nichts wenn man ein System „verändert“ oder „verbessert“ und die Sichtweise der Menschen anderen gegenüber gleich bleibt und sie diese aufgrund einer (Un-)Zugehörigkeit oder sonstiger Unterschiede verachten oder gar diskriminieren. Und gerade solche Dinge finde ich auch in unserer „Szene“ (ich hasse dieses Wort!!!) des öfteren vor. Dadurch würde es nicht wirklich eine Verbesserung geben bzw. dadurch kann auch keine „neues“ oder „besseres“ System entstehen. Eine Revolution beginnt bei den Menschen selbst, denn sie sind und erschaffen ein System. Worum es in „Their system falls” geht kann man sich wohl denken. Nur leider werden wir das nicht mehr erleben, oder etwa doch?
Stepke: Natürlich werden wir das in der Form nicht so schnell erleben, aber wir können dafür sorgen dass wir in diesem System unsere Freiräume erschaffen um unser Leben so gut es geht so zu leben wie wir es gerne hätten. Ohne Rassismus, Sexismus, Unterdrückung und Überwachung. Mit diesem Ziel vor Augen lässt es sich auf jeden Fall besser leben, als total zu resignieren.

Stepke, du wohnst seit einiger Zeit in Hamburg und hast den Rest der Bande im Süden gelassen. Wieso wolltest du unbedingt in der Hafenstadt wohnen?
Stepke: Hmh, gute Frage. Ich wohne jetzt fast 3 Jahre in Hamburg. Gegangen bin ich damals weil ich nur in Hamburg einen Studienplatz bekommen habe und auch mal raus aus Ravensburg wollte. Und da ich in Hamburg schon ein paar Leute kannte war die Überwindung wegzuziehen nicht ganz so groß. Ich fühle mich hier auch sehr wohl, leider ist es halt verdammt weit weg von Ravensburg und ich vermisse meine Leute im Süden sehr.

Welchen Stellenwert haben Fanzines heutzutage eurer Meinung nach und wie steht ihr selbst dazu?
Stepke: Ich denke dass Fanzines schon noch einen hohen Stellenwert haben. Vielleicht nicht mehr so wie früher, da sich viel im Internet abspielt. Aber egal ob jetzt Print- oder Internet Zine, das sind doch schließlich die besten Möglichkeiten zu erfahren was in der Szene und darüber hinaus los ist, welche neuen Bands es gibt und was sonst noch so ansteht. Wenn ich im Zug sitze und die 8 Stunden nach Ravensburg absitze lese ich gerne in Fanzines und vertreibe mir die Zeit.

Ich bin langsam aber sicher gespannt wie ein Flitzebogen, was das Debütalbum der Band betrifft. Ich durfte schon in den Rohmix reinhören und kann euch sagen, dass das ne ganz große Platte wird! Also haltet euch ran, vielleicht ist sie ja schon draußen, wenn unser Heft erscheint.
Was die Sache mit der Flagge auf dem Punk & Disorderly betrifft, so nehme ich die Band gerne halbwegs in Schutz. Auch in anderen Fällen liest man von Leuten die auf Konzerten waren und nicht wussten, wie sie mit eindeutig rechtsoffenen Leuten umgehen sollen. Was ich verstehen kann, schließlich hat nicht jeder den Wahnsinn gepachtet und geht ohne Rücksicht auf eigene Verluste auf ne Herde Blöder los. Ne andere und vor allem richtig harte Nummer hatten wir hier in Mannheim. Da machte ein stadtbekannter, mehrfach verurteilter Neo-Nazi, der ein überregionales Nazi-Zine machte, Kampfsport bei einem Alt-Antifaler. Der ließ ihn trainieren, weil er angeblich aussteigen wollte. Meinen Infos nach ist die Sache im Sande verlaufen. Noch Fragen?

Bocky

www.obtrusive-punx.de



Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen