Tonträger Reviews H-L

| Dezember 10th, 2008

THE HEMORIDERS – Tales From The Outskirts
CD, http://www.the-hemoriders.de
Zu aller erst sei gesagt, dass mir Trompetenpunk wie zuviel Eiscreme schnell Bauch und Kopfschmerzen bereitet. Oft zu fröhlich, zu hektisch und zu aufgesetzt, aber Ausnahmen bestätigen die Regel, nicht wahr? Die bayrischen Hemoriders bewegen sich dabei im Frontbereich, zwischen den Grenzen. Die jungen Spunde brauen auf ihrem Erstling eine Mixtur aus schnellem Partysound und persönlichen Texten, meistens spritzig-gutgelaunt, manchmal auch etwas melancholisch, aber immer sehr poppig und gut eingängig. „Tales From The Outskirts“ rutscht zum Glück nie ins Witzige ab, ich habe eine zum Himmel schreiende Aversion gegen grellbunte, Karohut-Spaßvögel mit Ska im Bandnamen. Die kalifornischen Vorbilder sind hier stets präsent. Die CD ist liebevoll aufgemacht und erscheint im Digipack. Macht Laune. Dennisdegenerate

HENRY FIAT’S OPEN SORE – Mondo Blotto
(CD, Alleycat Records)
Gut 5 Jahre ist es her, dass Sir Henry Fiat sein letztes Album auf die Menschheit losließ und rund 9 Jahre ist es her, dass ich das erste und letzte Mal von ihm hörte. Zu dem Zeitpunkt debütierte der werte Herr. Schon damals war ich schwer beeindruckt von dem, was mir die frisch gewaschenen Haare im Nu trocken blies. Doch wie das so ist, ist der Mensch vergesslich und schaut nicht gerne nach hinten. Trotzdem brachte ich es nie übers Herz das erste Album „Idiotia Hyperactiva“ den Karteileichen zuzuordnen. So freut es mich umso mehr, wieder von ihnen zu hören. Na und was ich höre, überrascht mich zwar nicht mehr so, aber begeistert ebenso wie damals. Der Unterschied zu 1999 besteht nämlich gerade mal darin, nicht mehr gar so Break-lastig zu sein und aus der Produktion den nötigen Wumms herausgeholt zu haben. Ein ganz formidables Album, auf dem die maskierten Schweden es nach alter HC-Tradition meist unter 2 Minuten schaffen, alles auf den Punkt zu bringen. Bocky

INDEZENT – Psychotrix
(CD, guckst Du Myspace)
Vier Frauen spielen 80er Jahre angehauchten Hardcore/Punk. In bester DIY-Manier wird hier flugs ’ne CD selbst raus gebracht. Die Band wurde Anfang 2008 gegründet und alles klingt schön rough und ungeschliffen – sehr gut. Gute intelligente Texte beleuchten Themen wie Schönheitswahn, Tierrechte und Humanismus und auch das Cover mit Kardinal Lehmann passt perfekt zur kritischen Reflektion. Die CD gibt es für 2.50 € + Porto direkt bei der Band. Hier ist keine überproduzierte Macho-Mucke am Start sondern ehrlicher Punkrock von Menschen, die was zu sagen haben und deshalb gebührt der Band unsere volle Unterstützung. Ralf

INTERSTATE 5 – Im Erklärton
(CD, Rookie Rec.)
Alter Schlappe, det is’ aber ma’ wieder ’ne Überraschung. Völlig unmotiviert durch das alles andere als ansprechende graue Cover den Silbernen reingefeuert und erstmal die Ohren flachgelegt. Hätte man vorher mal aufs Labeletikett gelinst, wäre ’türlich klar gewesen, dass es sich hierbei keinesfalls um Murks handeln kann, schließlich hat der gute Herr Schattner von Rookie seit jeher ein gutes Spürnäschen für fesche Combos am Start. So auch bei den vier Genossen aus Leipzig, die hier mit ’ner frivolen Mixtur aus Wave, Punk und Powerpop um die Ecke spaziert kommen, dass es allen Freunden von Wire, frühen Cure, Wipers, XTC, Gang Of Four und Co sofort die Freudentränchen herbeizerren müsste. Dazu noch angenehm unpathetische Texte aus dem Alltagsterror denkfähiger Mittzwanziger und aus die Maus. Astreines Debut, die Herren! Snitch

IRRENOFFENSIVE – Bekennerscheibe
(CD, Nix Gut)
Oha, hat hier der offene Kampf der größeren Deutschpunk-Labels begonnen? Denn bisher haben die Deutschpunk-Nordlichter bei Impact veröffentlicht und sind nun in die schwäbische Provinz gewechselt. Oder kam die Band im Ruhrpott nicht mehr unter? Beides ist möglich, denn wirklich der Hit ist das nicht, was die 14 neuen Songs zu bieten haben. Vergleichen könnte man es mit alten englischen Bands, die einfach nicht aufhören wollen neue Lieder aufzunehmen und die auch noch veröffentlichen. Das Schlimme daran ist, solche Gitarristen, aus welchem Land auch immer, meinen im Alter ständig Punkrock könnte schreckliche Soli vertragen und der Schlagzeuger merkt, dass Metaller ’ne doppelte Fußmaschine haben und wollen das auch. Hört sich bitter an, aber Irrenoffensive ’08 hört sich derb nach provinziellem Deutsch-Metal-Punk-Rock an. Sprich die miese Kopie der ebenso miesen Dritte Wahl. (Komisch, als ich Bandname, Titel und Label gelesen habe, hatte ich die Vision einer Review ohne selbst die CD zu kennen. Lustigerweise klang die Vision genau so wie es Bocky hier geschrieben hat… Anm. Obnoxious) Bocky

JOHNNY BOY – Dialectik Noise
(MCD, Pushy Idlers Dubious)
Entsprechend des Titels will das französische Duo auffallen. Das tun sie mit ihrem minimalitischen Stil denn auch. Schlagzeug wird bei ihnen erst gar nicht gespielt, das kommt aus der Steckdose und ist ein Computer. Wie Rüdi vom Pogoradio schon sagte, wenn man gewollt hört, dass es ein Drumcomputer ist, dann ist das auch schon wieder gut. So sehe ich das auch, hier passt das auch. Insgesamt sind das 6 poppige Knaller-Songs, die stark an die frühen 80er erinnern. So wundert es mich wenig, dass Falk von Front/Matula Records sich um die Werbung in Deutschland kümmert. Vielleicht haben wir ja das Glück und er kümmert sich demnächst auch anderweitig um sie. Bocky

JUGGLING JUGULARS – Salut No One
(CD, Twisted Chords)
Die dienstälteste Punk-Combo Finnlands mit ihrem neuesten Streich. Verbiegen lassen haben sie sich von niemandem in den letzten 18 Jahren, was man auch „Salute No One“ problemlos anhört. Wer die alten Platten mochte, wird auch mit Songs wie „Gladiators“, „Suffocate“ oder „Colleague Inferior“ auf Anhieb warm werden. Dass sie mehrmals mit Inner Conflict auf Tour waren, ist alles andere als Zufall, hier ist ebenfalls melodiöser, melancholisch angehauchter HC-Punk angesagt, der ebenso hohen Wiedererkennungwert inne hat wie bei den Kölner KollegInnen. Dazu hat Tobi noch eine wunderhübsch aufgemachte Digipack-Version rausgehauen. Lohnt. Snitch

KARATE DISCO – s/t
(CD, Kidnap Music)
Im Stil der vorausgegangenen EP „I Killed Bambi“ geht es auch hier munter weiter mit energischem deutschsprachigen Punkrock, der nicht selten an die frühen Barseros-Sachen erinnert. Und da gibt es fürwahr schlimmere Bezugspunkte. Die Texte von Ricarda sind nach wie vor vom Schlage „Deutsch-LK und Kafka g’lese“, wie Schogettes-Iris so schön formulierte (nachzuhören auf dem Hidden-Track, der aus einem lustigen Karate-Disco-Verriss von Rüdi und ebenjener Lady in der Pogoradio-Sendung besteht), was den Songs aber gut zu Gesicht steht – die Lyrik lässt sich hier nach Belieben ausblenden. Eine großartige Veränderung des Sounds seit der Single ist nicht auszumachen, aber da jene auch schon angenehm rotzigen und dennoch becircenden Punkrock bot, ist das kein großes Dilemma. Weiter so. Snitch

KING KURT – Big Cock
(CD, Cherry Red)
„Big Cock“, die zweite Platte von King Kurt aus dem Jahre 1986, ist zwar nicht ganz so genial wie das Debüt, aber dennoch blendend. Eigentlich kann man King Kurt nicht als typischen Psychobilly bezeichnen. Sie prägten zwar die Haarmode, spielten aber eine sehr eigenständige Art von Psychobilly. Saxophon und mehr Punk als Rockabilly. Aber viel Rock’n’Roll. Auf ihre eigene Art. Zeitlos toll. Und wer anhand des Albumtitels eine pikante Obszönität erwartet, dem sei verraten, dass auf dem Cover ein sehr, sehr großer Hahn abgebildet ist… HH

KOLPORTEURE – Einmal damals und zurück
(CD, Nix Gut)
Eine ganz besondere Platte der Kolporteure. Unveröffentlichte Aufnahmen und allseits bekannte Hits die man von diversen Samplern kennt. Für mich, obwohl überhaupt nicht meine Musik, eine super vielfältige Platte, wo die Jungs aus Berlin aus dem Nähkästchen singen. Was soll ich da noch schreiben, anhören! Kay

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KONDOR – Illusion & Realität
(CD, Nix Gut)
Die Musik von Kondor ist ganz klar was für Freunde von A.C.K.: vorantreibende, hämmernde Schlagzeugbeats vom ersten bis zum letzten Takt. Allerdings gibt’s hier – im Vergleich zu A.C.K. – mehr Gitarrenmelodien, was wiederum zur Folge hat, dass sie mir viel besser gefallen. Textlich geht’s auf hohem Niveau sehr ernst zu, Kritik wird überall geübt, wo es Kritik zu üben gibt, alles einwandfrei und qualitativ kann sich die Scheibe mit ihren 15 Tracks ebenfalls blicken lassen, denn für die Aufnahmen ging es zu keinem Geringeren als zu Wally, seines Zeichens Sänger von Toxoplasma, der seine Arbeit sauber erledigt hat. Hätten Sie sich für das Booklet doch wenigstens auch nur ein kleines bisschen Mühe gegeben, aber da muss ich sagen, gibt’s ganz klare Abzüge in der B-Note. Jasmin

KOPFKINO – Ohne Mich
(CD, www.kopfkino.eu)
Das ist also schon die zweite Scheibe der Jungs aus dem AJZ Bielfeld-Umfeld. Und auch diese ist komplett im Alleingang, im Fachjargon DIY, gemacht. Sieht auch alles einwandfrei aus, wie ich das so sehe. So gehe ich davon aus, dass ein Label gar nicht gewünscht ist. Mucke-technisch macht man einfachen Punkrock, der schlicht nach vorne geht. Was die Band ausmacht, sind die langen und guten Texte, die (fast) völlig frei von Parolen singt. Getragen wird die Band jedoch eindeutig von der Art und Weise wie der Sänger die Texte vorträgt. Mich erinnert das öfter mal an Die Bilanz oder stellenweise sogar an Rio Reiser. Ich find das ziemlich klasse, was die fünf Jungs machen. Vor allem weil es mal wieder ein wenig aus der Reihe ist. Übrigens gibt’s auf der Homepage das komplette Teil zum downloaden. Bocky

THE KREWMEN – s/t
(LP, Crazy Love Records)
Die Krewmen sind bekannt als 80er-Psychobilly-Legenden. Angefangen hatte alles ganz anders. In der allerersten Urbesetzung spielten sie Rockabilly und traten in einem Elvis-Musical als die Begleitband des King auf. Ihre ersten Platten nahmen die Krewmen jedoch schon in einer anderen Besetzung auf, die als die „offizielle“ Urbesetzung (Sonny Leylan, Judge Faye und Mastermind Tony McMillan) gilt. Jetzt war schon etwas mehr Rhythm’n’Blues ihrem Sound beigemischt. Crazy Love hat diese acht „klassischen“ Stücke zum ersten Mal auf Vinyl veröffentlicht. Eine spannende Gelegenheit die musikalische Entwicklung dieser Band kennen zu lernen. Igor Frost

LAGWAGON – I Think My Older Brother Used To Listen To Lagwagon
(MCD, Fat Wreck)
Mein Bruder hat früher nicht Lagwagon gehört, der gehörte in den 80ern der ersten Techno-Generation an, als es den Begriff Techno noch gar nicht gab. So kam ich irgendwann selbst auf die Dienstälteste aller Fat Wreck-Bands. Jedoch nicht von Beginn ihrer Karriere an, sondern erst vor circa 5 Jahren. Seither sind sie ständiger Begleiter lockerer Abende oder dienen gerne zum Einstimmen vorm Weggehen. Ihr poppig, schneller Stil ist dafür geradezu wunderbar geeignet. Vor allem stehe ich auch auf die nachdenklich, melancholische Stimme von Sänger Joey Cape. Überraschend für die vorliegende Scheibe, scheint dies die erste EP zu sein, die die Band bisher veröffentlichte. Da haben die fünf Kalifornier schon zig Outputs und dann ist das die erste EP. Aber ist ja auch Wurst, wenn er dementsprechend haltbar ist (Wer? Der Wurst? Anm. Obnoxious). Sympathischer Punkrock von Musikern, die früher Punkrocker waren. Also Attitüde vorhanden und deshalb gut. Bocky

THE LAZY BOMBS – Make up! …Your Mind…
(CD/EP, Campary Records/A.P. Society Records)
Diese Sechs-Lieder-Debut-EP ist endlich mal wieder eine große Ausnahme unter all den schrottigen CDs, die sich in letzter Zeit zum Besprechen auf meinem Schreibtisch angesammelt haben. Mit einer absolut perfekten Mischung aus Punkrock, Streetpunk, Rock’n’Roll und einer mehr oder weniger dezenten Prise Glam haben sich die vier Düsseldorfer schon nach den ersten Klängen einen festen Platz in meinem Herzen erspielt. Die faulen Bomben überzeugen sowohl optisch (nein, nicht nur weil sie gut aussehen, sondern weil ihr Styling einsame Spitzenklasse ist) als auch textlich und musikalisch. Ich freu mich wie ein Flitzebogen auf das erste Album und werde sie mir bei der nächstbesten Gelegenheit auf jeden Fall mal live reinziehen!! Und Leute, ich sag’s Euch: Die werden noch ganz groß!! Jasmin

LINEA – Terra Libera
(CD, Business)
Gut gemachter Politrock aus Italien mit Ska-/Reggae-Touch, also darf man sich mit ein bisschen Wohlwollen davon an The Clash erinnern lassen, denke ich… (So, und wieder ein nichtssagendes Review geschafft.) Alan

LITTLE JOHN ROCKET – Basement
(MCD, Framingo Records)
Da ich zuvor ein Jan Rakete-Interview und ein Johnny Rocket-Interview gemacht hatte, fanden es meine Redaktionskollegen überaus amüsant, mir die CD mit dieser Begründung unterzujubeln. Und jetzt habe ich den Salat. Auf der CD sind (Gott sei Dank nur) zwei Lieder, die keinen der Punkrock-Leserschaft interessieren werden, da bin ich mir sicher. Keine Ahnung wie ich das beschreiben soll, irgendwelcher Indie-Rock eben. Völlig langweilig und uninteressant. Wirklich. Den Beipackzettel konnte ich trotz drei Semestern Englisch auch nicht entziffern – Fremdwörter, schottische Wörter und mir bisher unbekannte Abkürzungen reihen sich aneinander, dass ich nach dem Lesen der Info so schlau bin wie zuvor. Die zwei Lieder auf der MCD klingen für mich irgendwie völlig identisch… Halt! Da ist ja noch ein Bonustrack sehe ich grade. Naja, auch erst nach dem dritten Mal hören bemerkt. Soviel dazu… Jasmin

THE LOCOS – Energia Inagotable
(CD, Leech)
So klingt also eines der beiden Nachfolgeprojekte der spanischen Teeniehelden von Ska-P: ähnlich wie der große Vorgänger, aber mit deutlich weniger Gefrickel, Effekten und Ausflügen in andere musikalische Gefilde. Mit anderen Worten: das bewährte Strickmuster aus Offbeat bei den Strophen, volle Kanne Punkrock bei den Refrains, und das alles tüchtig mit Gebläse unterlegt. Diese solide Ska-Punk-Mischung kommt selbstverständlich mit kritischen Texten z.B. zu Tierausbeutung, Religion, Waffenhandel und der Besetzung Palästinas (wer als erster „Antisemitismus!“ schreit, kriegt von mir ein Eis) daher. Pluspunkte gibt’s von mir natürlich dafür, dass die Kapelle den glorreichen Rayo Vallecano unterstützt! Alan

THE LURKERS – Fried Brains
(CD, Captain Oi)
Die Lurkers stehen seit 1976(!) für durchweg soliden und guten englischen Punkrock. 5 Jahre nach ihrem letzten Werk „26 Years“, präsentieren die alten Herren um Arturo Bassick nun ihr neues Album „Fried Brains“. Das ist 77er Punk wie er klingen muss. 14 melodische und schnörkellose Songs die einem direkt ins Ohr gehen. Die 3 Jungs haben echt nix von ihrer Power verloren. Wer hier was spektakulär Neues erwartet, lässt besser die Finger weg, wer aber auf guten englischen Punkrock der 77er Schule steht, dem sei auch dieses Album der Lurkers wärmstens empfohlen. Thorsten



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