Nackt unter Wölfen

| November 3rd, 2008

Ein Armutszeugnis aus dem Hause Off

EINEN AALSTRICH ANMUT UNTERM KIEL

Heiland Sack, ich habe es schon gewusst, seitdem ich Oliver Obnoxious damals als vermeintlichen Experten zum Thema „Jung, dynamisch, sorgenfrei – Deutschlands neue Millionäre“ bei Vera am Mittag gesehen habe.

Das Unheil, das da unlängst, also gerade mal fünf Jahre später, mit seinen kotigen Wichsgriffeln an meine Pforte geklopft hat, war so vorhersehbar wie ein Abszess nach dem mehrmaligen Gebrauch einer verunreinigten Spritze. Keine Ahnung, wie oft ich in den letzten Wochen und Monaten die Adresse, die Garderobe, die sexuelle Orientierung und den Gesichtsausdruck gewechselt habe – genutzt hat es nichts. Ein amtliches, mit Blut, Schweiß und Tränen unterzeichnetes Schreiben aus der Chefetage belegt es Schwarz auf Weiß: Die Achse des Bösen kennt auch in meinem Fall kein Erbarmen, das „Fachblatt für den adipösen Stalker mit Jürgen-Möllemann-Gedächtnis-Schnurrbart und altersbedingter Latex-Allergie“, in ostdeutschen Haftanstalten auch unter dem Namen Punkrock! bekannt, fordert gewohnt herrschsüchtig meine dauerhafte(!) Mitarbeit ein.

Ein Anschlag auf die Menschenwürde, die Freiheit des Einzelnen und den letzten Rest an gutem Geschmack, der mich zuallererst einmal folgende Frage aufwerfen lässt: Warum tun diese Halborks das? Können sie nicht einfach, wie andere Rentenanwärter auch, ihre lokalen Ü-40- oder Ü-50-Partys besuchen, dort bierselig den Zeiten nachhängen, als Lale Andersen, Johnny Cash und Tommy Stumpf noch gemeinsam auf der Bühne standen, und hernach zu den Klängen von „Was wollen wir trinken“ ein fröhliches Ringelreihen aufführen? Oder für den Ortsverein der Grauen Panther Plakate kleben gehen? Oder Schnittblumen züchten? Oder zuhause bleiben, sich die Hornhaut vom Fuß pulen und daraus das Ulmer Münster nachbauen? Können sie nicht endlich mal wegsterben?!

Offenkundig nicht, was mich zur zweiten Frage führt, die da lautet: Wie lange soll diese unsinnige Postille noch fortbestehen? Etwa bis ihre Macher Einzug ins Altenwohnheim gehalten haben? (Was ja dann so lange auch nicht mehr dauern kann.) Ich sehe sie vor mir: Bocky, den prallgefüllten Katheder in der Linken; Andy Social, die kompletten 130 Kilo auf einen quietschenden Gehwagen gestützt; Oliver Obnoxious, von Demenz und Altersstarrsinn zerfressen in einem selbstgeschneiderten Kostüm, das mit viel Phantasie an den frühen Florian Silbereisen erinnert, wie sie auf den Fluren der Einrichtung anderen Bewohnern auflauern, um ihnen gegen deren Anteil am mittäglichen Bohneneintopf Punkrock! Nummer 14 aufzunötigen.

Wer fühlt sich da nicht an diese eine Szene bei Bukowski erinnert, in der der alternde Autor, nur mit einer ausgeleierten Feinripp-Unterhose bekleidet, trunken durchs Mädchenwohnheim irrt, um den Girls unter lautem Gehämmer gegen die verschlossen Türen und den Worten „hier ist der größte aller lebenden Dichter“ einen Blick auf seinen Truthahnhals anzudienen?! Aber so zeigefreudig Bukowski mit 2,1 auf dem Kessel auch gewesen sein mag, so besaß er doch immerhin den Anstand, seine Leserschaft niemals mit Sympathiebekundungen für eine vorsintflutliche Jugendkultur zu malträtieren. Mehr als dreißig Jahre metastasiert der putzige, kariesgeplagte Kobold namens Punk nun schon auf diesem gottlosen Planeten herum – kein Wunder, dass es in den letzten zweieinhalb Jahren bereits etliche Kongresse mehr oder weniger akademischer Natur gegeben hat, die sich eben diese Zahl auf die Fahnen, respektive auf die Titelblätter der die begleitenden Ausstellungen begleitenden Kataloge geschrieben haben.

Mir soll das egal sein, so lange mich die Organisatoren dieser „Fachtagungen“ regelmäßig für teures Geld als Gastredner engagieren – und das nur, weil ich 1982 zufällig mal mit GG Allin im selben Flugzeug gesessen habe. Leichenfledderei ist nicht das unehrbarste aller Geschäfte, schon gar nicht, wenn es sich bei der auszunehmenden Beute wie in diesem Fall um einen echten Untoten handelt. Was ich mir allerdings wünschen würde, wäre eine radikale Veränderung an der Garderobe derjenigen, die diesem zählebigen Wiedergänger erst zu seiner Existenz verhelfen, indem sie tagtäglich in den althergebrachten Gewändern durch die Straßen streunen. Es kann doch nicht sein, dass ein heute Sechzehnjähriger im Kreise seiner Freunde mit der gleichen Kluft renommiert, wie sie bereits zu Beginn der kohlschen Erweckungsdiktatur in allen Ecken und Winkeln des Landes zu finden war. Selbst die aufs Leder gepinselten Bandnamen scheinen bei genauerem Hinsehen identisch zu sein. Nein, liebe Närrinnen und Narrhalesen so bitte nicht!


Die Trachten der Vätergeneration waren schon immer unschicklich. Ich selbst laufe schließlich auch nicht mit Schmalztolle, Hornbrille und Schlangenleder-Jackett herum; jedenfalls nur manchmal. Und war es nicht gerade die Punkbewegung, die sich – zumindest anfänglich – das Ziel gesetzt hatte, auch der jeweils vorherrschenden Mode die Zähne zu zeigen?! In Zeiten, in denen Hausfrauen Piercings, Tagesschausprecher Tätowierungen und Fußballer Hahnenkämme zur Schau stellen, sollte also dringend ein neues Erscheinungsbild her. Wie genau das aussehen könnte, überlasse ich selbstredend den zahllosen Probanden. Wenn man mich allerdings bitten würde, einen Vorschlag abzusondern, würde derselbe wie folgt aussehen: dunkelgrüne, kurz unterm Knie abgeschnittene Anglerhosen, darüber gestärkte Kittelschürzen, wie sie gewöhnlich von den Ausbilderinnen an Hauswirtschaftsschulen getragen werden, auf dem Kopf eine Prinz-Heinrich-Mütze, an den Füßen Bastschuhe, dazu möglicherweise Leggins oder Tennissocken. Bleibt zu wünschen, dass die Punkrock!-Redaktion wenigstens in dieser Hinsicht einmal mutig den Anfang macht. Glück auf!
http://www.jan-off.org/



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