Loikaemie im Interview

| November 9th, 2008

Noch dunkel kann ich mich an eine Autofahrt erinnern, bei der ein Kumpel das Debüt der Plauener Jungs in mein Kassettendeck im Auto schob. Hängen blieb auf Anhieb natürlich das Lied „Ein Skinhead ohne Stiefel“. Bald darauf begann meine „Karriere“ in der Fanzinelandschaft.

Damit einher gehend der Werdegang durch die verschiedenen Denklandschaften. Dementsprechend war auch ich früher wesentlich dogmatischer und hatte gerne mal einen PC-Stock im Arsch. Sprich mit den ersten beiden Alben von Loikaemie konnte ich so gar nichts anfangen. Statt dessen suchte ich in Textkrümeln wo es nur ging, Hauptsache die Band war blöd. Meiner geistigen Weiterentwicklung kam es sehr entgegen, dass man mir im Mannheimer JUZ zwei Konzerte verbot zu veranstalten (Conflict, Anti Flag) und ein drittes extrem schwer machte (Terrorgruppe). Die Diskussionen waren so saublöd und aus jeglichen Zusammenhängen heraus gerissen, dass mir im Nachhinein bewusst wurde, wie engstirnig, kleingeistig und Scheuklappen behaftet in manchen Kreisen gedacht wird. Die Dogmen fielen von mir ab und aus dem Stock wurde ein Stöckchen.
Die dritte Scheibe der ostdeutschen Band verstand ich dann besser und finde sie auch heute noch ganz großartig. Extrem wenig Bands lassen sich nämlich so wenig den Mund verbieten und kacken gleichzeitig so Vielen ans Bein, wie Loikaemie. Hut ab vor dieser Geradlinigkeit!
Eben diese Tatsache bewog mich vor rund eineinhalb Jahren ein Konzert mit der Kappelle zu machen. Natürlich war das JUZ meine erste Anlaufstelle und natürlich dauerte es nicht mal einen Wimpernschlag und ich bekam das Konzert verboten! Dazu gab es noch eine öffentliche Stellungnahme der Hauptwortführer aus Antifakreisen, die vor Unverständnis nur so strotzte. Kurz zusammen gefasst sei die Band sexistisch, homophob und die Texte an sich zu dumm. Nun, was soll man da noch sagen? Vor allem wenn zum gleichen Zeitpunkt eine Band am gleichen Ort auftreten darf, von der man vorher wusste, dass sie christliche Texte hat und auf der Bühne Zitate aus der Bibel zum Besten gibt! Für mich waren und sind die Verbotsgründe für das Konzert Lippenbekenntnisse von scheinheiligen Heuchlern ohne Rückgrat.
Letztlich fand das Konzert an einem anderen Ort statt, war mit 500 Leuten ausverkauft und ich mache im JUZ seither keine Konzerte mehr als Hauptverantwortlicher!

Und nun die Bühne frei für Thomas, Mastermind und Sänger des Trios:

Was hast du gerade so gemacht, wie geht es dir und was geht dir momentan am meisten im Kopf herum?
Im Moment bin ich gerade von der Arbeit gekommen (21.00 Uhr) und stell mich deinen Fragen. Ansonsten geht es soweit ganz gut, die neue Platte ist fertig – das heißt keinen Stress mehr im Studio, beim Grafiker etc. und ich hab mehr Zeit für meine Frau. Wir stecken gerade in den Vorbereitungen für unsere Releaseshow am 03.11. im Conne Island in Leipig. Mal schauen, wir wollen etwas besonderes machen und das nimmt dann auch wieder Zeit in Anspruch. Also viel beschäftigt, dass heißt keine Langeweile.

Du hast geheiratet. Wohin ging die Hochzeitsreise denn? Und sagten die Leute nicht, dass das total unpunkig ist?
Thomas: Unpunkig? Gibt’s nicht. Das war das rauschenste Fest das ich je erlebt habe und da gab es einige. Die Hochzeitsreise ging nach Granada. Die Stadt ist echt eine Reise wert.
 
Warum liegt das letzte Album 5 Jahre zurück? Was war dazwischen, wieso habt ihr so lange nichts veröffentlicht – außer der DVD natürlich?
Das Problem war zum einen, dass wir alle in unterschiedlichen Städten wohnen und uns eigentlich nur zum Proben für anstehende Konzerte gesehen haben und sonst zu gar nix gekommen sind. Zum anderen ist Micha, unser Drummer, im August 2006 ausgestiegen. Er hat das einfach nicht mehr gepackt, sowohl zeitlich als auch geistig für die Band da zu sein. Das heißt viel Arbeit und Frau und Kind.
Dann kam Eddie neu in die Band, dass bedeutete eine längere Einarbeitungsphase. Und wir sind viel im Ausland unterwegs. Da bleibt auch nicht viel Zeit und Muse sich neuen Sachen zu widmen. Dann hab ich noch geheiratet, war in den Flitterwochen, geh auf Arbeit usw. usw.. Du siehst, kaum Zeit das alles unter einen Hut zu bekommen. Aber wir sind Optimisten und schaffen auch das.

Loikaemie wurde in Plauen gegründet, wohnt noch jemand von euch dort?
Paul wohnt als einziger noch in Plauen.

Du wohnst nun in Leipzig, soweit ich weiß. Was zog dich nach Leipzig?
Ich hatte einige Freunde in Leipzig und als ich hörte das jemand einen Job für mich hat, bin ich dorthin gezogen.

Thomas, wie kannst du dir den Erfolg von der Band erklären?
Gute Frage, nächste Frage. Keine Ahnung. Ich denke die Leute honorieren unsere Ehrlichkeit, die direkten und ernst gemeinten Ansagen und das sie sehen das wir hinter dem stehen was wir sagen. Vielleicht gefällt ihnen auch die Musik. Frag die Leute.
 
Schon mal daran gedacht den Sprung zu wagen und versuchen von der Band zu leben?
Ganz klares NEIN. Zum einen schon mal nicht wegen dem Namen und zum anderen sind wir eine Oi – oder Punkrockband und wollen was bewegen und nicht Geld verdienen und somit bedeutungslos werden. Das eine schließt das andere nicht unbedingt ein, aber wenn wir authentisch bleiben wollen ist der jetzige Weg unser Weg.


Wegen dem Namen? Das musst du mir genauer erklären.
Der Name hat sich etabliert, klar, auch außerhalb dieser Szene (meine Schwiegermutter ist ein echter Fan) doch wir mussten immer darüber lächeln, wenn wir uns vorstellten damit Geld zu verdienen. Ich glaube an dieser Position würde er lächerlich klingen.
 
Ihr habt nen Song zum „Oi! Warning“ Film gemacht. Wie kamt ihr dazu und wie findet ihr den Film?
Naja, wir kamen nicht zu dem Film, sondern die Regisseure kamen zu uns über den Sänger von, damals, Smegma, einen guten Freund von uns. Ich war bei den Dreharbeiten dabei und so hat man sich kennengelernt.
Ich persönlich finde, der Film gibt etwas wieder was es so in dieser Form, meiner Meinung nach, nicht gibt. Von daher ist es eher ein modernes Märchen. Unter diesem Aspekt finde ich den Film nicht schlecht gemacht, aber fern jeglicher Realität.

Ich habe letztes Jahr einen der Redding Brüder kennen gelernt. Der Gute war etwas kurz angebunden, aber ganz nett. Habt ihr die besser kennen gelernt?
Ja das schon. Sind zwei schräge und nette Typen.

Inwiefern, kannst du das konkretisieren?
Naja, sie sind schwul, man trifft sie ständig irgendwo, sie sind nett, nicht oberflächlich, aber trotzdem irgendwie schräg. Das sollte nicht negativ gemeint sein, mit „schräg“.
 
Das neue Album ist nach der Band benannt. Allerdings ist das schon eure vierte Scheibe. War es erst jetzt an der Zeit euch selbst zu betiteln?

 Auf jeden Fall. Die Texte drücken das aus, was Loikaemie ist. Sie sprechen für sich und daher braucht die Platte keinen Namen. Und wie war das davor, habt ihr da nach einem Weg gesucht, der ihn quasi jetzt gefunden habt.Damit meine ich, dass wir zum ersten Mal mit allem so richtig zufrieden waren. Früher war es so, dass uns im Nachhinein immer ein paar Kleinigkeiten gestört haben oder es war etwas mit dem Sound, der im Studio natürlich anders klingt als dann woanders. Es stellte sich auch heraus das nicht alle Titel konzerttauglich waren. Das ist mit dieser Platte anders.

 
„Sex, Gewalt und gute Laune“ wird sicher wieder falsch verstanden, oder?
Mal sehen was die Leute daraus machen. Der Text strotzt vor Ironie. Wer Ironie als Verbindung von Spaß und teilweiser Realität nicht kapiert, hat verloren und wird das Lied scheiße finden. Wenn etwas von Sexismus oder dergleichen kommt fress ich einen Besen. Schauen wir mal was passiert.

„Andere Wege“, ist das die logische Konsequenz von „Good Night White Pride“?
So hab ich das noch gar nicht gesehen, könnte man aber so verstehen.
Eigentlich ist dieses Lied gegen die Leute gerichtet die einen immer in eine Schublade stecken oder versuchen uns auf ihre Seite zu ziehen und dabei nicht verstehen das Loikaemie eine unabhängige Band ist, mit eigenen Ansichten und Regeln und wer uns nicht mag – scheiß doch drauf. Wir machen auch ohne euch weiter.
 
Oder andersherum, ist schon ziemlich schlimm, was viele unter Oi! verstehen, richtig?
Wo verschwimmen bei euch die Grenzen, die ihr im Text ansprecht?
Ich finde man sollte den Bands, die man mag, zuhören, sofern sie was zu sagen haben. Der pure Konsum macht noch lange keinen Punker oder Skinhead aus einem wenn man nicht versteht was wichtig ist. Antifaschismus muss man leben und nicht als Klamotte auf der Strasse tragen. Das nützt keinem.
 
Ihr covert die Fantastischen Vier. Kann man das auch als Statement verstehen mal über den Tellerrand zu schauen. Weil, der Punkrocker an sich ist ja schon etwas konservativ!?

Hättest du Lust von uns das zehntausendste Cock Sparrer Cover zu hören?  Ich nicht.
Außerdem sind wir eine Band und haben unsere musikalischen Qualitäten und so zeigen wir das wir kreativ sind. Das ist dann unser Statement zu konservativen Punkrockern. Schaut über den Rand eures Bierglases hinaus. Die Welt hat mehr zu bieten als alte Männer aus England.
 
Wohl wahr. Bei „Wir zeigen mit dem Finger auf euch“ fiel mir direkt die Konzertabsage für eure angesetzte Show in Mannheim ein. Könnt ihr euch noch erinnern, wollt ihr was dazu sagen?

Was soll man da noch sagen außer EIGENTOR!!!
So eine dämliche Begründung hab ich noch nie gehört. Respekt für die investierte Zeit, aber es war unsinnig, falsch und vergebens. Wir haben trotzdem, dank dir, in Mannheim gespielt und wir kommen wieder. Versprochen. Da können sie dann wieder schimpfen wie böse wir sind und was weiß ich noch alles. Scheiß auf diese Hippies. Wir sind Loikaemie. Vielleicht etwa viel Pathos aber meine Meinung.

Na dann bin ich mal auf die Kritiken auf dieses selbst betitelte Werk gespannt. Da werden sich wohl wieder einige die Finger wund schreiben und das meiste aus dem Kontext rauslösen, damit geschimpft werden kann. Allen anderen wünsche ich viel Spaß mit dieser heftig rockenden neuen Platte.
Bocky



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