Knallfrösche in Pop

| November 3rd, 2008

SCHROTTGRENZE – Auf Die Bärte, Fertig, Los!!

(1996, Scumfuck Mucke)

„Musik wird überbewertet.“, verkündet ein ehemaliger Hardcore- Szeneheld auf seiner Myshice- Page, „Musik verändert gar nix“ ist ein breiter Konsens von Menschen mit niedriger Frustrationstoleranzgrenze, um es mal mit den holden Szene- Pädagogen zu sagen.

Letztere Aussage kann zumindest im negativen Sinne eindeutig widerlegt werden, wie ich einige Male bereits am eigenen Leib erfahren durfte. Wenn man zum Beispiel ein Meeting mit Menschen, die einem nicht nur sympathisch sind, mit ’nem amtlichen Konzi- Abend verbindet, ist das ja allgemein nicht gerade das Ungeschickteste- wenn es dann nämlich auf zwischenmenschlicher Ebene nicht so wirklich funzen sollte, kann wenigstens die Band noch was reißen und der Abend war nicht ganz für die Katz. Dumm nur, wenn die Sache bereits auf dem Weg zur Location gegen die Klippen schmettert… Sie musste nur kurz in meinem Luftverpester warten, da unterwegs noch eine Kleinigkeit zu erledigen war. Nur ein paar Minuten. Und was macht der gemeine Mensch, wenn er im Auto warten muss? Anlage an und mal horchen, was so läuft… Bei meiner Rückkehr ist sie dabei, wutentbrannt auszusteigen und zischt mir hasserfüllt den Satz „Mit Leuten, die sich so einen Dreck geben, will ich nichts, aber auch gar nichts zu tun haben“ entgegen und begibt sich in Richtung U- Bahn. Premiere, Premiere, ich hatte zum ersten Mal mein mir (zurecht) peinlichstes Tape im Deck vergessen, und das natürlich gerade heute Abend- dass mir ausgerechnet der mittlerweile zum höchst niveauvollen Viva- Teenie- Schwarm gereifte Alex Titsigias mal bei einem Date die Tour vermasseln würde, hätte ich mir auch nie träumen lassen… Meine Damen und Herren: Vorhang auf für das legendäre Debut der heutigen Oberpoeten und Schmacht- Inypopper von Schrottgrenze. Alleine schon, dass dieses Weltkulturgut auf dem Label des enorm feinfühligen und lyrisch hochbegabten Willi Wucher erschienen ist, mag der geneigte Musik- Konsument kaum glauben. Aber die Schnürsenkel öffnen sich endgültig, wenn die Herren ihre Lebensweisheiten aus den Boxen plärren- das Attribut „spätpubertär“ ist hier eine Untertreibung sondergleichen. Kurzum: Die Texte sind dermaßen unterste Kanone, dass teilweise sogar die werte Fremdschämerei nen Kurzbesuch bei mir abstattet- und das soll was heißen. Wenn Alex heutzutage bedeutungsschwanger „Ich habe Lieder über dich gesungen/ und sie waren nicht immer gut gemeint…“ ins Mikro säuselt, ist das ebenfalls leicht untertrieben. Hier hieß es noch: „Nun fragst du dich, warum unsere Beziehung gescheitert ist/ ich kann`s dir sagen- weil du zuviel frißt“. Und nicht nur das: „…ich komme mit zu euch nach Haus/ dann schlag ich euch die Zähne aus/ ich nehm die Axt, hau sie in Zwei/ dein Schädel brummt, gleich ist er Brei“, wird dem Unmut über die Verflossene samt Nachfolger hier freien Lauf gelassen. Und angesichts solch edler Songtitel wie „Tätowiert- Kahl- Anal“, „Hurenstadt“ oder „Der Wanderpokal“ ist leicht nachvollziehbar, warum Meister Wucher sie ohne Wimpernzucken unter Vertrag nahm. „Als beinharter Beck’s- Pistols- Fan grölte ich lauter Frauenfeindlichkeiten ins Mikro“, kommentierte Alex denn auch die Platte vor Jahren einmal peinlich berührt, bevor man anfing, sie komplett zu verleugnen wie den behinderten Stiefsohn und fortan die wesentlich sittsamere „Super“ als erstes SG- Album zu titulieren. Nichtsdestotrotz schafft es „Auf die Bärte…“ immer wieder, mir z.B. während stressigen Fahrten ein fettes Grinsen in die Fresse zu zaubern, eben gerade wegen der erwähnten spätpubertären Peinlichkeiten. Ist dann man dann noch im Stau von kauenden, bierbäuchigen Brummifahrern und GTI- Prolls nebst Friseusen- Ausstattung umgeben, kann nix mehr schief gehen und der Tag ist gerettet, wenn Alex & Co. inbrünstig über promiskuitive Mitschülerinnen und Deflorationen im Musiksaal schwadronieren, sich über Menstruationsbeschwerden lustig machen, oder den bitteren Verlust der festen Freundin alleine auf die nun wegfallenden Fellatio- Erlebnisse reduzieren. Dazu ein erzürnter OX – Schreiber seinerzeit: „Da ist wohl jemand in der Pubertät stecken geblieben! …singen über etwas, wovon sie anscheinend überhaupt keine Ahnung haben: Frauen. Die, so stellen sie es sich wohl vor, haben nichts anderes im Sinn, als ihnen „den Pimmel zu lecken“ usw. Mein Rat: Geht mal in den Puff, da wird es euch gefallen.“ Tja, da kann man wohl nur noch hinzufügen, dass ein Hang zur Realsatire manchmal ganz hilfreich sein kann. Aber was will man von verkopften OX- Studenten schon erwarten …
Snitchcock



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