Mittlerweile dürfte es wohl ein Jahr her sein, dass ich den ersten Kontakt mit Contra Records aus Wurzen bei Leipzig bekam. Der lief damals per Email. Der Grund dafür war, dass ich den Mailorder kritisierte, weil ein paar Bands vertickt wurden, die ich nicht gerade toll finde. Die Schreiberei ging ein paar mal hin und her, ich versorgte Soiche mit ein paar Infos und die Tonträger der Bands wurden aus dem Programm genommen. Das fand ich klasse und war begeistert ein paar Jungs aus dem fernen Osten kennengelernt zu haben, die nicht lange fackeln und direkt aktiv werden. Denn bisher war ich Antworten aus dieser Ecke Deutschlands gewohnt, dass ich die Öffnung nach rechts viel zu eng sehen würde. Aber jetzt endlich ein paar Brüder im Geiste!
Danach war wieder Funkstille. Bis ein Dreiergespann – Pogoradio Rüdi, unser beider Kumpane Baschdl und ich – beschloss zum Back To Future Festival nach Dessau zu fahren. Da Hechti dort mit einem Stand anwesend war, wurde ein Interview geplant. Denn viel über den wilden Osten wird bei uns ja nicht berichtet, was sich ruhig ändern kann. Hingehauen hatte das Frage-Antwort Spielchen aber nicht. Warum nicht, kann man in unserer Ausgabe #7 lesen, oder sich denken, wenn man bis auf 3 Biere zählen kann. Ähnlich verhielt es sich beim zweiten Anlauf diesen Frühling in München beim „Vorsicht die Ossis kommen“ Festival.
Dementsprechend musste eine Lösung her, bei der halbwegs sicher war, dass wir nicht in Feierlaune sind und einfach nur Spaß miteinander haben wollen. Also nagelten wir uns ganz bieder auf ein Telefondate an einem Tag mitten unter der Woche fest. Also eine Zeit von der wir beide wussten, dass wir am nächsten Morgen aufstehen und arbeiten werden.
Das funktionierte ganz gut, zudem, dass Hechtis Tag schon einiges geboten hatte. Aber so ist das eben, wenn man selbstständig ist. Da geht man nicht nur einfach aus dem Haus, kommt abends heim und das war‘s. Nein, denn neben dem ganz normalen Leben, muss man sich noch um einen ganzen Haufen Papier- und Verwaltungsscheiß kümmern. Andererseits hat es natürlich ganz schön was für sich, das zu machen, was man will und was man für richtig hält. So hat Hechti morgens immer die Zeit seinen 6 Jahre alten Racker Malte, den er gerne den Dürren nennt, selbst in den Kindergarten zu bringen. Nachdem er dann mit seinen beiden Hunden weg war, geht’s auch schon los mit Emails und Bestellungen checken. Wenn das getan ist, macht er sich an seine Grafiken, richtet seine Siebdruckmaschine ein, schmeißt die Musikanlage an und es werden Shirts gedruckt bis draußen die Bordsteinkanten hochgeklappt werden. Unterstützt wird er dabei von seiner langjährigen Freundin Sandra, die eine ausgesprochene Vorliebe für Havana-Cola zu haben scheint. Aber natürlich auch von Ex-Starts Sänger Soiche, den man eigentlich mit Hechti in einem Atemzug nennen muss, wenn man von Contra Records spricht. Ausschließlich er ist es übrigens, der sich um das Sub-Horrorlabel Contra Light Records kümmert.

Auch wenn Hechti mit seinen 34 Lenzen einen üblichen Punkrockwerdegang hat, so ist der Weg bisher doch sehr intensiv. Er war gerade mal 10 oder 11 Jahre alt, so genau weiß er das nicht mehr, als er das erste mal einen Iro sah. Sein Alter hielt ihn genauso wenig wie seine Eltern davon ab direkt zum Friseur zu gehen und sich exakt den gleichen Haarschnitt verpassen zu lassen. Von da an entwickelte sich sein Interesse für Randgruppen und Subkultur. Sein erstes Punkkonzert war an einem 20.4. in Dresden, bei dem unter anderem die Mimmis und die Abstürzenden Brieftauben spielten. Doch endgültig in die Sucht zum Punkrock trieb ihn ein Dezember-Wochenende 1992 oder 1993. Erst war er mit vier Kumpels zusammen auf seinem ersten „Westkonzert“, wie er es so schön nennt, und den Tag darauf fuhren sie weiter nach Stuttgart zum Weinachtspogo. Was genau an den beiden Tagen alles passierte kann er gar nicht mehr genau aufzählen, aber eben so viel, dass er seitdem nicht mehr vom Punkrock loskommt.

So schlitterte er immer tiefer in die Abgründe der Szene. Machte dies, machte jenes. Unter anderem war er damals bei der Hausbesetzung der Villa Kunterbunt in Wurzen dabei. Das war ein leerstehendes Gebäude, welches anfangs nur von einer kleineren Gruppe als Freiraum genutzt wurde. Doch dauerte es nicht lange und schon war es ein überregional bekanntes Zentrum, das zwischenzeitlich einen Mietvertrag eingehen musste. Wie man es heute noch aus anderen Städten kennt, entstanden Proberäume, gab es regelmäßige Thekenabende und natürlich auch Punkkonzerte. 1994 kamen zum Punkerknackerfestival sogar über 1.000 Besucher. So wurde der Laden den Behörden und Politikern langsam ein Dorn im Auge. Die Folge des auslaufenden Mietvertrages kann man sich vorstellen. Erst wurde das Haus nach der ersten Räumung wieder besetzt und dann nach einigen Kampf-Wochenenden erneut geräumt. Jene Wochenenden müssen nach Hechtis Aussagen richtig heftig und derb gewesen sein. Er sagt, zwischen 1990 und 1995 haben sie mit den Bullen fast machen können, was sie wollten. Er selbst sagt lediglich, sie hatten einen gewissen „Spielraum“. So saßen sie des Öfteren, Hamburger Hafenstraße ähnlich, mit Mollis bewaffnet auf dem Dach und warteten auf Faschos. Hausbesetzer-Romantik pur!
Nach der Räumung gab es noch einige Anläufe zu einem Nachfolgeprojekt. Das letzte scheiterte jedoch nicht an einer Räumung, sondern einem Überfall von 40-50 Neo-Nazis. Die zerlegten neben den Bewohner auch gleich das Gebäude fachgerecht. Danach hatten die Leute keinen großen Bock mehr und kanalisierten ihre Interessen in verschiedene Richtungen.

Dass dies nicht der erste oder letzte Kontakt mit Neo-Nazis war, kann man sich vorstellen. Schließlich klingelt einem das Ohr bei dem Ortsnamen Wurzen. Dort könnten sich die ach so harten Wessi-Antifas ordentlich austoben, wenn man liest, was dort so los ist. Von einer seiner persönlich „interessantesten“ Begegnungen trägt Hechti heute die Narbe eines Streifschusses am Kopf! Die hat er sich zugezogen, weil er einem Freund zu Hilfe eilte, der gerade von einer Gruppe Faschos heftig bearbeitet wurde. Als er gerade auf dem Weg war seinem Freund zu helfen, traf ihn ein Schuss am Kopf, der ihn aus den Latschen haute. Damit nicht genug, prügelten die Helden mit einem Baseballschläger auf seinen Kopf ein, als er schon bewusstlos am Boden lag. Im Nachhinein bekam er erzählt, dass die Bullen ihn nicht ins Krankenhaus fahren wollten, weil er blutete wie ein abgestochenes Wildschwein und ihnen die Rücksitze versauen könnten. So warteten die Nachtwächter auf den Sani, der Hechti noch vor Ort erstversorgen mussten. Denn selbst dazu kamen die Herren Wachtmeister nicht, da sie Wichtigeres zu tun hatten: Sie unterhielten sich mit ihren Bekannten, die gerade eben Hechti umgenietet hatten! Dem ganzen die Krone aufgesetzt wurde im Krankenhaus, als Hechti aufwachte und sich mit zwei Hirnprinzen der Marke Nationalsozialist ein Zimmer teilen durfte!

Irgendwann später stand er mit Thomas von Loikaemie als Verkäufer in Leipzigs ehemaligen Szeneladen namens Mallory hinter der Theke. Eine Anstellung auf Dauer wurde es jedoch nicht, weil Hechti dafür viel zu umtriebig ist und eigene Ideen hat. Begonnen hatte er mit der Herstellung von Buttons, woraufhin bald seine zweite Passion neben Punkrock begann: das Drucken von Shirts. Anfangs ließ er die T-Shirts noch bedrucken, aber es dauerte nicht lange und schon hatte er auf ebay eine Siebdruckmaschine ersteigert. Diese erste Siebdruckmaschine aus dem Jahre 2004 steht heute übrigens in Estland. Von da ab verlief sein berufliches Leben nach dem Schneeballprinzip: Drucken, Leute kennenlernen, noch mehr Drucken. Das Kind bekam einen Namen und hört seither auf den Namen Contra. Wie man sich denken kann wurde dieser bewusst gewählt und ist allen Rassisten und „Parteiflachwichsern und SEKTENMITGLIEDERN dieser Region gewidmet. Individualismus Pur! Contra den scheiß Einheitstrott und Gruppenzwang. Die wissen eh nur das was das Führerlein predigt.“

Nach einiger Zeit kam der Mailorder dazu und letztlich auch das Label, welches 2006 mit der „Rock Against Politics“ das Debüt der Torgauer Schlimme Brüder veröffentlichte. Nicht einmal drei Jahre später kommt das Label jetzt schon auf rund 30 Tonträger. Anfangs beschränkte man sich dabei auf Bands aus dem Bekanntenkreis. Hervorzuheben sind dabei die einzigartigen Telekoma aus Frankfurt/Oder. Deutschsprachiger Punkrock, der eine Mischung aus dem Gesang von den Restarts ist und der Mucke der ersten Toxoplasma. Besser geht es kaum. Die Öffnung zu Bands, die der Wurzener nicht persönlich kennt, begann wohl mit der Bekanntschaft zu Christian von Sunny Bastards. Da laut Hechti der Ruhrpottler den Mund immer an den richtigen Stellen aufmacht, kommt es seit dem Lion Shield Erstling „Against All Odds!“ zu immer mehr Koproduktionen. Angefixt von der Sache, dass es auch weiter weg klasse Bands gibt, ist eventuell eine Zusammenarbeit mit einem Label in den USA geplant. Aber da über ungelegte Eier nicht gesprochen werden soll, warten wir es erst einmal ab und sehen dann weiter.

Worüber man aber durchaus ein paar Worte verlieren kann ist der gute Mailorder des Hauses. Dort bekommt man alles was das Punker- und Skinheadherz begehren kann. Neben der gut sortierten Musikabteilung machen die unglaublich vielen verschiedenen Shirts den zweitgrößten Posten des Onlineshops aus. Dort bekommt man das hier abgebildete selbstentworfene und geniale Shirt „Dumm und Dümmer“. Natürlich gibt es auch weitere Sachen, als bloß Shirts. Auch für Kids ist was dabei, ebenso wie Polos oder Jacken. Schaut halt mal rein, denn die hier aufgezählten Sachen sind es noch lange nicht. Und Bands aufgepasst, wenn ihr jemanden sucht, der kostengünstig ein Paket für euch schnürt und vor allem Erfahrung hat, in dem, was er macht, seid ihr hier an der richtigen Adresse.

Um zum Schluss das Treiben des Tausendsassas zu komplettieren muss das Total Oi! Festival erwähnt werden, welches kurz vor Erscheinen dieser Ausgabe des Punkrock!-Fanzine zum vierten Mal stattgefunden hat. Auch dieses zweitägige Festival, das im Brückenkopf Torgau stattfindet, wird von Hechti und seiner Crew auf die Beine gestellt. Auf die Idee dieses Konzert ins Leben zu rufen, kam er wie jeder gute DIYler, dem auf Dauer die Veranstaltungen in seinem Umkreis zu einseitig werden. Da in der Hochburg Brückenkopf ausschließlich Konzerte mit ´77er Bands stattfanden, wollten er und Soiche mal was machen, was ihnen besser gefiel. Eben zackigen Oi! und Punk von der Straße. Zu den Bands und der Mucke kann man stehen, wie man will. Worüber man sich jedoch keinerlei Gedanken machen muss, ist, dass man Bedenken haben müsste, dort darf der Abschaum der Menschheit mitfeiern. Selbst Bands, die in Vergangenheit dort auftraten und das gerne wieder getan hätten bekamen abgesagt, weil ihr Werdegang zu dubios ist. Wie sicherlich schon auffiel ist „Good Night White Pride“ für die Jungs dort nicht nur eine sinnentleerte Phrase, die gedroschen wird, sondern da steht man dahinter ohne Wenn und Aber.

Das war also mal ein Bick in die wunderbare Welt des Contra Records Imperium. Ich denke es ist ziemlich deutlich geworden, was für eine coole Sau Hechti ist. Für mich ein richtig geiler Typ, der weiß, was Integrität bedeutet. Aber ehrlich gesagt ist es nicht nur diese starke Charaktereigenschaft für die ich meinen Hut ziehe. Hechti ist einfach eine der durchgeknalltesten Personen, die ich bisher kennen gelernt habe. Welche Geschichten der Haudegen auf Lager hat mit den dazugehörigen Entertainer-Qualitäten, da bleibt einem die Spucke weg.

Bocky

http://www.contra-net.com/



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