Stay home and read a book

| Februar 2nd, 2008

Marc Amann (Hrsg) – go.stop.act! – Die Kunst des kreativen Straßenprotests
(Taschenbuch, Trotzdem Verlag, 229 Seiten, 18 Euro)
Ein Buch wie eine Goldgrube. Zumindest für subversive Elemente, die gerne mal auf die Straße gehen (würden), um dort die ein oder andere witzige Aktion zu starten. Wer darin bisweilen aber noch relativ unerfahren ist, dem gibt der Trotzdem Verlag aus Frankfurt ein unerlässliches Logbuch zur Erlernung der „Kunst des kreativen Straßenprotests“ an die Hand. Marc Amann und Konsorten stellen auf über 200 ausführlichen Seiten die unterschiedlichsten Formen dieser großen und erstrebenswerten Kunst vor. Jeder Disziplin ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem es dann die Hintergründe zur Geschichte, Informationen zu vergangenen Aktionen, Spielanleitungen, Ideen, Kontaktadressen, Links, Literaturhinweise, Bastelpläne und Schnittmuster gibt. Vorgestellt werden mehr oder weniger bekannte Formen des Straßenprotests, wie etwa Laugh Parade (Öffentlich die Macht verlachen), Reclaim The Street (Spontane Straßenpartys), Critical Mass (Nichtorganisiertes Zusammentreffen von RadlerInnen), Rotzfreche Asphaltkultur (Politische Straßenmusik), Radical Cheerleading (Akrobatik und subversives Reimen), Guerilla Gardening (Die Kunst wild anzupflanzen), Guerilla Vision (Überraschende öffentliche Filmvorführungen), Radioballett und Radiodemo, Flash Mobs (Sinnbefreite Blitzperformances) und eine Sammlung weiterer toller Aktionen (Protesttopfschlagen, Subversives Ausjubeln, Überwachungskamera-Gottesdienst und und und). Wie gesagt; hier hält man eine wahre Fundgrube für die gehobene Spaßguerilla in der Hand und schon beim Durchlesen der Kochrezepte läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Eigentlich kann man sich kaum noch auf seinem Stuhl halten und will stattdessen sofort per Buschtrommel potenzielle Mitstreiter zum Nachkochen aktivieren. Wenn man nicht so neugierig wäre und gleich auch noch die nächste Aktionsform kennen lernen will. Aber irgendwann ist auch mal das letzte Kapitel gelesen und dann heißt es endgültig mal wieder raus auf die Straße. Die Macher des Buches stehen einer interaktiven Teilnahme an Projekten übrigens sehr aufgeschlossen gegenüber. Wer von ähnlichen Projekten der Vergangenheit oder Zukunftsplänen zu berichten weiß, hat mit dem hauseigenen Internetauftritt HYPERLINK „http://www.go.stop.act.de“http://www.go.stop.act.de eine hervorragende Adresse, an die er sich vertrauensvoll wenden kann. In vielen Städten gibt es inzwischen übrigens auch bereits bestehende Aktionsgruppen, die ebenfalls kontaktiert werden können. Als Grundlage ist und bleibt das Buch aber ein nie versiegender Quell der Freude. In Zeiten wie diesen ist es wichtiger als die Bibel. Also unbedingt anschaffen. Amen und danke, Marc Amann!!!


Mani Beckmann – Filmriss 
(Taschenbuch, Berlin Krimi Verlag, 262 Seiten, 9,90 Euro)
Albrecht Niemeyer ist egoistischer Filmkritiker bei einem regionalen Berliner TV-Sender, der mit Vorliebe deutsche Filmschaffende in der Luft zerreißt und kein gutes Haar an ihnen lässt. Und er ist ein leicht reizbarer Misanthrop, der rücksichtslos an seiner Karriere arbeitet und gestresst über die Schauplätze der Berlinale hastet. Kurz gesagt: Albrecht Niemeyer ist ein Arschloch! Das ist schon nach den ersten Seiten in Mani Beckmanns Buch „Filmriss“ klar und also wundert man sich als Leser dann auch kaum, dass ein Briefbombenattentat auf die Hauptperson des Krimis verübt wird. Shit happens! Was sich wie ein gewöhnlicher Krimi anliest, entwickelt sich dann aber rasch zu einer sehr lesenswerten Lektüre für alle Punkrocker (und diejenigen, die es mal waren.) Denn Albrecht Niemeyer war vor langer Zeit selbst ein Punk und spielte in der mäßig erfolgreichen Band Die Ordensbrüder. Mit seinem alten Weggefährten Jupp – der sich während der Filmfestspiele bei Albrecht eingenistet hat und der noch immer Fanzines liest und in Second Hand-Shops auf der Suche nach Punk-Platten ist – verbindet ihn – der längst im bürgerlichen Leben angekommen ist – mittlerweile recht wenig. Zwei weitere Anschläge auf ihn, respektive Jupp misslingen und so macht sich Albrecht auf die Suche nach dem Bösewicht, der ihm da die Lichter auspusten will. Eine Suche, die ihn immer weiter zurück führt in die 80er Jahre, also in eine Zeit als Punk noch eine wesentliche Rolle in seinem Leben spielte… Dass Beckmann in seinem Buch aus genügend eigener Erfahrung schöpfen kann, ist spürbar. Zum einen spielte er in den 80ern tatsächlich in der Punk-Band Brigade Fozzy Gitarre und sammelte dort Punkrock-Erfahrungen und zum anderen arbeitet er mittlerweile selbst als Filmjournalist und Drehbuchlektor. Es ist also durchaus anzunehmen, dass neben einem authentischen Plot auch ein gewisses Maß Autobiografie in „Filmriss“ zu finden ist. Wie die ganze Chose endet, sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten, nur so viel: „Filmriss“ lohnt allein schon wegen der vielen Zitate von Punk-Bands und -Platten oder entsprechenden Episoden. Man kann so richtig in Erinnerungen schwelgen und mit Sicherheit stellt sich bei einigen das ein oder andere Déjà-vu-Erlebnis ein. Und diejenige, die zu jung sind, um den Punkrock 80er noch leibhaftig erleben zu haben, bekommen hier einen schönen Einblick in eine Zeit, in der noch alles besser war… oder halt auch nicht. Aber auch darüber hinaus kann Mani Beckmann mit seinem Buch hervorragend unterhalten. Für Krimifreunde ein Kann, für Punkrockfreunde ein Soll und für Krimipunks ein absolutes Muss! 


Helmut Wenske / Chris Hyde – Scheiss drauf!
(Taschenbuch, Archiv der Jugendkulturen, 267 Seiten, 22 Euro)
That’s Rock’n’Roll!!! Was für ein Typ – der Hammer!!! Der Untertitel von „Scheiss drauf1“ kommt nicht von ungefähr: „Eine Rock’n’Roll-Bio in Bildern, ein Leben gegen den Strich“. Alter, was hat dieser Mann alles erlebt. Davon können sich etliche selbsternannter Rock’n’Roll-Stars eine deftige Scheibe abschneiden. Helmut Wenske, welcher unter dem Pseudonym Chris Hyde in den 80ern den Szenenseller „Rock’n’Roll-Tripper“ veröffentlichte, glänzt hier mit seiner phantastischen Autobiographie. Man kann dieses Buch einfach nicht aus der Hand legen, bevor man es von vorne bis hinten durchgelesen hat. Und das geht erschreckend schnell, den auf den 267 Seiten finden sich neben dem groß gedruckten Text wahrscheinlich auch noch mehr als doppelt so viele Schwarzweiß-Fotos aus dem Leben des Helmut Wenske. Wenske war ein Typ, der Zeit seines Lebens keiner Bierflasche, keinem Whiskeyglas, keinem Mikro und keiner Schlägerei aus dem Weg ging. Er wohnte fast 20 Jahre über einem Low Budget-Puff in Hanau und stand 9 Jahre unter Mordverdacht. Er war in verschiedenen Stationen seines Lebens Kulissenzeichner für Striptease-Shows, Pornobuchillustrator, gefürchteter Halbstarker, natürlich Rock’n’Roller, Designer von Schallplattencovern und Deutschlands bekanntester Underground-Maler. Er organisierte Konzerte und glänzte als famoser Selbstdarsteller in einem Doku-Film. Kurz gesagt: Der Typ war eine lebende Zeitbombe. Das alles bietet eigentlich an sich schon mehr Stoff als für eine Biographie. Helmut Wenske ist aber der Oberknaller. Sein Rock’n’Roll-Leben seit den 50ern bis in dieses Jahrtausend ist in „Scheiss drauf!“ von ihm selbst dokumentiert. 
Ich aber sage Euch: Kauft dieses Buch, lest es in Ehrfurcht, bettet es auf einen Altar, baut einen Schrein, einen Tempel darum herum. Vollführt Fruchtbarkeitstänze, singt Lobpreise, betet Psalme und singt Gebete. Und zwar dafür, dass es mehr Helmut Wenskes und weniger Guido Westerwelles auf dieser Welt geben möge. Herr, dieser Mensch hat mit Sicherheit einen Haufen Scheiße gebaut, aber er ist der wahre Erlöser. Er hilft uns die Leibhaftigkeit des Lebens zu erkennen. Er gibt uns die Kraft, die wir brauchen, um gegen das wahrhaft Böse auf der Erde anzukämpfen. Er gibt uns die Energie. Er lässt uns über das Wasser laufen und Wasser zu Wein machen. Herr, lieber Gott, gib, dass alle Rock’n’Roll-Jünger sein Zeichen erkennen, seine Botschaft lesen und aus seinem Leben und seinen Lehren lernen. Mein Vater, ich verlange nicht mehr viel von diesem Leben, aber kannst Du nicht machen, dass mehr Menschen so coole Säue werden wie Helmut Wenske? Kannst Du nicht? Weil Du dann ruckzuck Deinen Job los bist? Verdammte Scheiße, dann mach wenigstens, dass alle, die das hier lesen, sich das Buch kaufen. Um mehr möchte ich Dich nicht bitten. Denn alles Weitere wird dann von allein geschehen… 


Chris Hyde – Rock’n’Roll Tripper
(Taschenbuch, Archiv der Jugendkulturen, 164 Seiten, 18 Euro)
Chris Hyde, der ja eigentlich Helmut Wenske heißt (siehe oben), zieht hier ordentlich vom Erfahrungsleder. Manche sagen er wäre der deutsche Kerouac oder Bukowski, ich sage Kerouac/respektive Bukowski ist der amerikanische Hyde/Wenske. „Rock’n’Roll Tripper“ erschien bereits in den 80er Jahren in zwei Versionen. 2003 wurde das Buch vom Archiv für Jugendkulturen erneut veröffentlicht. Und das zu Recht, denn ein Buch in dem das Rock’n’Roll-Lebensgefühl so unvermittelt zum Ausdruck kommt, muss man wohl lange in der großen Wüste der Literatur suchen. Das Werk ist Rock’n’Roll pur. Einfach und schnörkellos auf den Punkt gebracht. One-Two-Three-Four-Fratzengulasch! Schöngeistige Literatur kann man bei Kleist, Pilcher oder Stifter suchen. Das wahre Leben spielt auf der Straße und genau dort, im dreckigen Straßengraben, im Gully, unterm Rotlicht sammelte Chris Hyde seine Erinnerungen, die er uns in seinem Buch darbietet. Keine Sau braucht irgendwelche schöngefärbten Memoiren von gefeierten Idolen oder lorbeerhungrigen Mitläufern. Was Chris Hyde hier abgeliefert hat, ist das Nonplusultra an Rock’n’Roll-Literatur. Kaum jemand versteht es so authentisch über den Lifestyle der Szene zu berichten. Hier steckt alles drin, was man braucht. Ohne Wenn und Aber, ohne rosa Brille. Voll auf die Zwölf. Ein Buch wie eine Büffel-Stampede durchs Rock-Gehirn. Aggressiv und trotzdem locker-flockig geschrieben. Da hat man nie den Eindruck, dass irgendein Idiot, der mal zufällig mit Mick Jagger einen durchziehen durfte, einem das Blaue vom Himmel lügt. Das hier ist Authentizität pur. Chris Hyde kramt in seinem Erinnerungssack und liefert uns Anekdoten frisch von der Wursttheke. Hier spricht jemand, der in der Szene drin war und der auch wirklich was zu erzählen hat, weil er die Sachen über die er schreibt auch wirklich erlebt hat. Keine leicht verdauliche Lektüre, aber für Leute, die sich für Rock’n’Roll-Literatur interessieren ein unerlässliches Werk. Also am besten gleich im Doppelpack kaufen. Verflucht noch mal! 


Jörg Ueberall – Swing Kids
(Taschenbuch, Archiv der Jugendkulturen, 114 Seiten, 15 Euro)
Die so genannten Swing Kids waren ab Mitte der 30er Jahre eine der ersten Jugendkulturen in Deutschland. Bisher waren mir die Hintergründe dazu mehr als unbekannt. Aber nachdem vor ein paar Jahren der Swing auch bei uns wieder populär wurde und bei einigen Punk-Bands in den Sound mit eingeflossen ist, wurde ich auf die Bewegung damals aufmerksam. Verstärkt wurde das durch das Buch von Jörg Ueberall, der sich auf Spurensuche machte. Nach der Lektüre bin ich um einiges gescheiter, aber auch auf den Boden der traurigen Tatsachen zurück gebracht. Ähnlich den Edelweißpiraten bildeten die Swing Kids – die meist den gehobeneren Schichten entstammten – eine kaum kontrollierbare Masse. Jedoch hatten sie weniger politische Motive – sie waren Hedonisten, wollten ihre „Negermusik“ hören, dazu tanzen und drückten durch „englische“ Kleidung und den dazu gehörigen Musikgeschmack ihren anderen Lifestyle aus. Das reichte letztendlich aber um verfolgt und gefoltert werden, in den Knast, wenn nicht sogar ins KZ zu wandern. Traurig, aber wahr. Das Buch liefert anhand vieler Zeitzeugenberichte einen guten Einblick in das damalige Geschehen: In die ungestümen frühe Jahre und in die bald folgende Drangsalierung, die bis in den Tod führen konnte. Und das alles nur, weil man gerne Swing hörte und dazu tanzte oder entsprechende Veranstaltungen „entarteter Kunst“ organisierte. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn wir heute noch in einem solchen Regime leben würden. Die Leser dieser Gazette, wären alle wohl längst in Iso-Haft, von den Schreibern ganz zu schweigen. Über die Schwächen des Buches, z.B., dass es sich mehr oder weniger auf die Szene in Hamburg konzentriert und teilweise den Charme einer universitärer Abschlussarbeit versprüht, kann man locker hinweg sehen. Denn der Inhalt und das Wissen das man daraus zieht, überwiegt bei weitem die Kritikpunkte. „Swing Kids“ kann uneingeschränkt allen empfohlen werden, die sich für die Zusammenhänge von Politik und Musik interessieren. Wohin ein totalitäres Regime führen kann, ist mit diesem Buch uns allen wieder schmerzhaft vor Augen geführt. Es sei uns eine Warnung, denn wir sind wieder auf dem besten Wege dorthin. In diesem Sinne: Vorwärts und nicht vergessen! Ach ja: Unbedingt lesen!!!


Matthias Möller – „Ein recht direktes Völkchen“?
(Taschenbuch, Trotzdem Verlag, 167 Seiten, 16 Euro)
Der Mannheimer Stadtteil Schönau war im Frühsommer 1992 trauriger Schauplatz von der Belagerung und rassistischen Übergriffen auf eine Asylunterkunft durch Neonazis und anderes Gesocks. Über zwei Wochen herrschte dort der Ausnahmezustand. Ratlos standen Gegendemonstranten, die Polizei und die Stadt dem Pack gegenüber. Die Ereignisse standen damals in einer Reihe mit ähnlichen Zuständen in Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda, wobei die Schönau bei einer Aufzählung inzwischen oft vergessen wird, da es in den anderen Städten noch katastrophaler zuging. Auch um diesem Vergessen vorzubeugen, hat der Trotzdem Verlag nun die etwas umgearbeitete Magisterarbeit von Matthias Möller veröffentlicht. Was anfänglich etwas dröge zu lesen ist (die obligatorische wissenschaftliche Einführung), entwickelt sich bald zu einem hochinteressanten Buch, das nicht nur für Mannheimer viele Aha-Effekte bereit hält. Möller stellt mit der nötigen zeitlichen Distanz zunächst die gesellschaftlichen und örtlichen Rahmenbedingungen der Exzesse vor und geht dann genauer auf die Schönau und die Einrichtung des Flüchtlingslagers dort ein. Schon allein die Tatsache wie überfordert und gedankenlos die Stadtverwaltung damals agierte, wirft einige Fragen auf. Außerdem thematisiert Möller die Lebensumstände der Schönauer Flüchtlinge und berichtet von den Konflikten die es bereits im Vorfeld gab, bevor er schließlich zu einer ausführlichen Chronologie des Pogroms kommt. Gemäß dem Untertitel der Magisterarbeit „Mannheim-Schönau und die Darstellung kollektiver Gewalt gegen Flüchtlinge“ bildet dann das vierte Kapitel das Herzstück des Buches. Dort stellt Matthias Möller nach penibler Recherche in unterschiedlichsten Dokumenten und Quellen dar, wie frappierend anders das Geschehen in den verschiedenen Köpfen verarbeitet und weiterhin nach außen dargestellt wird. Schließlich ist es bei einer Berichterstattung ja nicht ganz unwesentlich, wie Ereignisse für nicht dabei Gewesene dargeboten werden. Hierfür nimmt Möller beispielsweise die Artikel der örtlichen Tageszeitung Mannheimer Morgen unter die Lupe, befasst sich mit den Sichtweisen der Polizei, der Mannheimer Stadtverwaltung, der Schönauer Bürger oder mit den hilflosen Reaktionen der lokalen linken Szene. Leider nur etwas kurz gibt er auch Einblicke, wie die Flüchtlinge selbst das Horrorszenario erlebten. Im Ergebnis wundert man sich zwar kaum wie unterschiedlich Situationen von Personen in verschiedenen Positionen aufgefasst, interpretiert und dargestellt werden, aber es wird auch sehr deutlich, welche Konsequenzen und Wirkungen dadurch letztlich – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – herauf beschworen werden. Man kann ja durchaus etwas Öl ins Feuer gießen, um einen Flächenbrand auszulösen. Mit der nötigen medialen Präsenz klappt das ausgezeichnet… Fazit: Aus verschiedenen Perspektiven ein sehr lesenswertes Buch!


Die Ärzte – Bäst Of Songbook – Gitarrentabulatur-Ausgabe
(Einzelblattsammlung, Bosworth Edition, 190 Seiten, 17,50 Euro)
Hmm, vielleicht eher was für Nachwuchspunker oder Die-Hard-Fans der besten Band der Welt. Aber mal sehen: Die Ärzte brachten 2006 mit dem „Bäst Of“-Doppelalbum eine Compilation heraus, auf deren erster CD alle Single-Auskopplungen seit ihrer Reunion 1993 versammelt sind und auf CD Nr. 2 alle entsprechenden B-Seiten zu hören sind. Passend dazu gibt es jetzt über Bosworth Edition dieses Songbook, das zu den 25 A-Seiten die Melodien, Texte und Transkriptionen für Gitarren in Standardnotation und Tabulatur bietet, käuflich zu erwerben. Man kann sich das wahlweise als gebundenes Buch anschaffen oder (wie hier vorliegend) als gelochte A4-Notenblattsammlung, die man dann in den allumfassenden Notenfreund-Ordner einheften kann, für den Bosworth bereits das gleiche Spiel mit allen anderen veröffentlichten Ärzte-Songs getrieben hat. Mitgeliefert wird übrigens ein Code, der dem Käufer Zugang zum Bonusbereich auf der Notenfreund-Homepage verschaffen soll, wo man crazy Games und nützliche Tipps zum Nachspielen der Songs bekommen kann. Bei mir hat’s mit dem Code nicht funktioniert, vielleicht bin ich auch nur zu doof, aber irgendwie hat mir auch der nötige Enthusiasmus gefehlt, mich weiter damit auseinander zu setzen, weil ich in meinem gesetzten Alter keinerlei Ambitionen habe, Ärzte-Songs auf der Gitarre nachzuklampfen. Und wenn, dann frei nach Gehör! Egal, an der Aufmachung gibt es jedenfalls nichts auszusetzen: Wenn man schon nach Noten/Tabulaturen spielen will oder muss (im Kinderzimmer, unter der Christbaum, am Lagerfeuer…), dann sollten sie schon schön ordentlich und übersichtlich aufbereitet sein und das ist hier der Fall. Die Song-Auswahl ergibt sich wie gesagt von selbst durch die Liste der Single-Veröffentlichungen seit 1993. Für diejenigen ohne abgespeicherte Ärzte-Diskographie hier ein paar kleine Zaunpfähle: „Schrei nach Liebe“, „Kopfüber in die Hölle“, „Männer sind Schweine“, „Rebell“ und „Manchmal haben Frauen“. Ansonsten kann man Bosworth eigentlich nur noch zustimmen, wenn sie selbst unumwunden behaupten: „Noten – der falsche Weg zum Punkrock“. Mir geht das am Arsch vorbei. Solange wenigstens auch der falsche Weg zum Punkrock führt, soll mir egal sein, welche dornigen Täler junge Menschen heutzutage durchschreiten müssen, um doch noch ins Paradies zu kommen.


Die Ärzte – Songbook
(Taschenbuch, Bosworth Edition, 286 Seiten, 14,95 Euro)
Passend zum Bäst Of Songbook, gibt es auch in gebundener Taschenbuch-Fassung „Die komplette Sammlung aller Songs der besten Band der Welt“. Wie schon das in der letzten Ausgabe besprochene Songbook der Toten Hosen im Plastik-Flexicover und voll evil. In diesem Fall finden sich die Notierungen von allen Liedern, die die Ärzte jemals veröffentlicht haben (ausgenommen Coverversionen und Instrumental-Stücke) – in alphabetischer Reihenfolge, incl Texten und, naja, das bringt eine Notierung so mit sich, Akkorden. Das kurze Vorwort ist von Farin Urlaub höchstpersönlich. Menschen, die gerne mal auf ein Ärzte-Konzert gehen, aber nicht ganz textsicher sind, sei dieses Büchlein an’s Herz gelegt. Das stelle ich mir putzig vor, wenn Leute mit dem Buch in der Hand in zweiter Reihe stehend aus vollster Seele mitgrölen – mit einem Auge auf Rod, Farin und Bela, mit dem anderen ins Gesangsbuch aus der Hölle. Schielen rules! Zugegeben, ich schmökere gerne darin, ich mag die Ärzte und beim Durchblättern findet man viele Songs, die man nicht unbedingt auf dem Schirm hat, wenn man an die beste Band der Welt denkt. Aber das liegt daran, dass es die Ärzte auch immer geschafft haben auf ihren exklusiven B-Seiten Songs zu veröffentlichen, von denen anderen Bands nur träumen können und ihren Arsch beim Leihamt verpfänden würden, wenn sie auch nur einen davon als Ohrwurm auf ihrem vierten Album haben könnten. Das Buch selbst, als Vorlage zum Nachschrammeln von (poppigen Mainstream-) Punkrock-Songs braucht eigentlich kein Mensch, denn entweder hat man Punkrock im Blut und trainiert sich das im Fitnessraum alles selbst an oder eben nicht. Aber als kleine unterhaltsame Fibel für grenzdebile Kindsköpfe sei das kleine Schwarze hier durchaus empfohlen. Gesetzt den Fall, man hat keine Berührungsängste vor den Göttern in weiß. Ich jedenfalls werde es in Ehren halten und zu gegebener Zeit aus dem Nachttisch hervor holen…, nicht wegen den scheiß Notierungen, nein, wegen den Texten!


Angela „China“ Kowalczyk – Punk in Pankow
(Taschenbuch, Anita Tykve Verlag, 156 Seiten, 15 Euro)
„Punk in Pankow“ handelt nicht vom wilden Leben einer Punk-WG im Ost-Berliner Regierungsbezirk, sondern – wie der Untertitel „Stasi-„Sieg“: 16jährige Pazifistin verhaftet!“ erahnen lässt – um ein deprimiertes und deprimierendes Gedächtnisprotokoll, welches die Autorin über ihre Leidenszeit als verknastete Punkette in der DDR verfasste. Angela Kowalczyk, genannt „China“, sieht ihr Buch vor allem auch als Vergangenheitsbewältigung an, es erschien bereits 1996 und in den letzten Jahren sind weitere Bücher zu ähnlichen Themen von ihr erschienen. Zum Inhalt: China treibt sich bereits mit 14 im Punk-Umfeld Ost-Berlins herum, da ihr das Lebensgefühl gefällt. Sie schreibt Tagebuch und Gedichte, verteilt diese auf Flyern. Dummerweise gelangt beides in Stasi-Hände und China wird Ende Januar 1982 kurzerhand von der Arbeit abgeholt und für sieben lange Wochen in den Knast gesteckt. Was das für ein gerade 16-jähriges Mädchen in der DDR bedeutet, kann man sich wohl kaum ausmalen. Jahre später schreibt Angela Kowalczyk ihre Geschichte auf, recherchiert nach Hintergründen, sucht nach Zusammenhängen und versucht ihre Geschichte zu verarbeiten. Sie erzählt von ihrer Kindheit (für Wessis vielleicht oft etwas zu pathetisch), von ihren Überzeugungen, von ihrer Verhaftung wegen „Öffentlicher Herabwürdigung“, der Zeit im Knast, Hoffnungen und Ängsten, Verhörungen durch die Stasi, ihre Entlassung und die schwierige Zeit nach dem Knast, in der sie es nicht mehr schaffte ein geregeltes Leben zu führen, da sie stets unter öffentlichen Druck stand und sie mit Verleumdungen zu kämpfen hatte. Schließlich verlor sie jeglichen Halt und lebte in ständiger Angst vor Eingriffen durch Staat, Arbeitgeber und Nachbarn in ihre Privatsphäre. Was es für jemanden wie Angela Kowalczyk bedeutet haben muss, als die DDR zusammenbrach, kann man zwar ahnen, ist aber wohl nur schwer nachvollziehbar. Im zweiten Teil finden sich Abschriften, Briefe, Verordnungen und altes Stasi-Material, das den Umgang der DDR-Obrigkeit mit Punks offen legt. Teilweise handelt es sich um Kopien mit Erlassen und Gesetzen, die Punks im Allgemeinen im Visier hatten, teilweise um Unterlagen die den konkreten Fall Angela Kowalczyk betreffen. Es ist unglaublich mit welcher Akribie die Stasi-Schergen hier vorgingen, die Punks im Osten („negativ-dekadente Jugendliche“ genannt) drangsalierten und in welchem krass bürokratischen Stil genauestens darüber Buch geführt wurde. „Punk in Pankow“ hat einige Mängel, wobei es mir vor allem beim Sprachstil und der Rechtschreibung oft die Fußnägel hoch rollt, die weinerliche Resignation und das Betroffenheitsgedöns muss man in diesem Fall wohl akzeptieren, denn als Besserwessi kann man das ja sowieso nicht alles kapieren. Trotzdem ein Ohrenschlacker-Mahnmal für Leute, die sich mal wieder gruseln wollen.


Angela „China“ Kowalczyk – Negativ und dekadent
(Taschenbuch, CPL-Verlag, 185 Seiten, 15 Euro)
Im Vergleich zu „Punk in Pankow“ geht Angela Kowalczyk in „Negativ und dekdent“ näher auf ihre eigenen Erlebnisse in der Punk-Szene der DDR ein. Der Leser bekommt tiefere Einblicke in das Leben als Punk in Ost-Berlin. Angefangen bei den Ursprüngen des Punkrock-Lifestyles in UK schwenkt die Autorin schnell auf die Gegebenheiten in der Tätärä über. Und damit kommt sie auch flott zu ihrer eigenen Geschichte als Punk. In kurzen Kapiteln erzählt sie episodenhaft von Ihren Erfahrungen. Zum Beispiel wie sie in die Punk-Szene hineinschlitterte und ihren Zusammenkünften mit Gleichgesinnten. Aber auch von den Problemen mit der Obrigkeit, die sich daraus ergaben. Natürlich bleibt ihre Verhaftung auch hier nicht unerwähnt, wobei sie aber auf ihr anderes Buch verweist. Hier offenbart sich auch eine der Schwachstellen von „Negativ und dekadent“: Für Außenstehende interessante Einzelheiten werden oft nur ansatzweise erwähnt, ohne darauf näher einzugehen. Da wüsste man vieles doch gerne genauer, aber vielleicht geht das der Autorin dann doch zu sehr in den Intimbereich der damaligen Szene. Trotzdem ist der Leser etwas unbefriedigt, denn entweder man schreibt ein Buch über seine Erlebnisse, oder eben nicht. Wenn man aber eines schreibt, dann sollte man die Karten auch auf den Tisch legen und nicht nur andeutungsweise von irgendwelchen Ereignissen schreiben und den Leser dann mehr oder weniger im Dunkeln stehen lassen. Trotzdem erfahren West-Punks ein halbes Leben lang nach diesen Gegebenheiten einiges darüber, wie sich eine ungeliebte Jugendkultur damals behandeln lassen musste. Und das obwohl Punkrock Anfang der 80er Jahre in Dunkeldeutschland kaum mehr politisch motiviert war als die Szene in London oder New York nur wenige Jahre zuvor. Der Leser erhält interessante und tiefe Einblicke in den Alltag von Punks in Ost-Berlin und kann heutzutage nur Asche auf sein Haupt streuen, hinsichtlich der staatlichen Schikanen über die man dieser Tage so erbärmlich jammert. Ungeschminkt z.B. auch die Darstellung, dass es innerhalb der eigenen Szene IMs gab. Als Bonus zur eigentlichen Story von Angela Kowalczyk gibt es im zweiten Teil des Buches außerdem noch weitere Informationen zu ehemaligen Treffpunkten der Szene, zur Rolle der evangelischen Kirche für DDR-Punker, zu staatlichen Maßnahmen gegen Punks und es werden ein paar Einzelschicksale der ehemaligen Weggefährten aufgezeichnet. Leider gilt auch hier, dass man als Leser häufig gerne mehr erfahren würde. Aber egal, „Negativ und dekadent“ bleibt für Szenegänger aus Ost und West bei allen Schwächen allemal ein interessantes Buch, auch wenn es mit Sicherheit fundierte Veröffentlichungen zum Thema gibt.


Roland Seim & Josef Spiegel (Hrsg) – Nur für Erwachsene
(Taschenbuch, Telos Verlag, 246 Seiten, 12,40 Euro)
„Nur für Erwachsene“ mit dem Untertitel „Rock- und Popmusik: zensiert – diskutiert – unterschlagen“ war ursprünglich der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Rock’n’Popmuseum in Gronau 2005 und ist dementsprechend zumindest im Aufsatzteil universitär-verkopft geraten. Das ist schade, denn die Themen der sieben Aufsätze wie, wo und warum Zensur in Pop- und Rockmusik funktioniert und eingesetzt wird, sind nicht uninteressant, verlieren aber leider durch die verschnörkelte Sprache der Wissenschaft an Charme. Im zweiten Teil finden sich dann endlich bildliche Gegenüberstellungen von zensierten und unzensierten Plattencovern. Die Bandbreite geht dabei quer durch die Geschichte der Popmusik, durch verschiedene Länder und Genres (Pop, Punk, Metal, HipHop, Beat…). Dabei lässt sich herrlich der Wertewandel in Zeit und Raum beobachten. Denn was z.B. vor 30 Jahren als äußerst anrüchig vom Markt genommen werden musste, lockt heute keine Maus mehr hinter dem Ofen hervor. Es wird auch deutlich welche Vielzahl an Gründen (z.B. Frauenfeindlichkeit, Gewalt, politische Unkorrektheit) für Zensur es geben kann. Aber auch die Auswirkungen der Zensur und die Angst davor, die soweit geht, dass Bands und Labels sich (aus finanziellen Gründen) oft zwei Mal überlegen welche Songtexte und Cover veröffentlicht werden und somit sich selbst zensieren. Die schwankenden Zensurkriterien sind dabei oft abhängig vom Tagesgeschehen und dem jeweiligen Zeitgeist, also z.B. in Kriegszeiten. Der dritte Teil ist eine Art Lexikon, das auf über 100 Seiten Bands und Interpreten auflistet, die irgendwann mal aus den unterschiedlichsten Gründen in Konflikt mit der Zensur gekommen sind und die passende Geschichte wird dazu auch erzählt, oft auch mit dazugehöriger Illustration. Sehr unterhaltsam. Trotz des großen Umfangs kann aber natürlich auch der lexikalische Teil wie die Bilddarstellungen keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Ein kleines Manko hierbei ist oft die schwankende oder falsche Schreibweise von Bands oder Titeln. Da merkt man dann halt doch, dass hier nicht irgendwelche narrischen Die Hard-Fans am Werk waren, sondern Professoren ihrer beruflichen Neugier nachgegangen sind und Studenten auch nicht mehr das sind, was sie mal waren. Auch die Übersetzungen von Titeln oder Texten sind leider häufig fehlerhaft oder werden falsch interpretiert, was ja gerade in akademischen Kreisen etwas peinlich sein dürfte. Scheißegal. Sieht man darüber hinweg und hat man sich durch den Textteil gekämpft, erwarten einen in den beiden folgenden Abteilungen viel Text und Bild, was gerade zur bevorstehenden Winterzeit zum amüsanten Schmökern einlädt und man sich veranlasst fühlt, das Buch gerne auch öfters mal zur Hand zu nehmen. Mittlerweile kostet „Nur für Erwachsene“ auch nur noch die Hälfte vom ehemaligen Preis. Also ein Schnäppchen. 


Journal der Jugendkulturen Nr.12
(Taschenbuch, Archiv der Jugendkulturen, 138 Seiten, 10,00 Euro)
Das Journal der Jugendkulturen geht mir mit seiner aktuellen Ausgabe zumindest im redaktionellen Teil meilenweit am Arsch vorbei. Und ich denke mal, das dürfte auch auf die allermeisten unserer Leser zutreffen. Schwer anzunehmen liegt das daran, dass sich #12 größtenteils mit HipHop und dem ganzen Drumherum beschäftigt. Namentlich gibt es Artikel über das Hauptstadt-HipHop-Label Aggro Berlin, den Rapper B-Tight, HipHop in der DDR, Baile Funk (das brasilianische Pendant zu Gangsta Rap), (für Sozialpädagogenglücklich Lernen in Szenen und eine Fotoreportage über das HipHop Mobil Berlin. Was soll man davon halten? Nichts! Ich hab’s trotzdem gelesen und die ohnehin geringe Erwartungshaltung konnte sogar noch unterboten werden. Wieder einmal hat sich bestätigt, dass man bei mir mit HipHop keine tote Katze gewinnen kann. Im Gegenteil: Bei der Lektüre der gebotenen Artikel schwand mein Interesse immer mehr. Ein Grund dafür ist natürlich die fehlende Affinität zum Thema, der zweite Grund ist die wieder einmal populärwissenschaftliche Darbietung. Peter Moosleitners Magazin für Subkulturen. Erster Lichtblick ist Christian Schmidts Kolumne zur „Fanzine-Kultur im Zeitalter von Web 2.0 und Podcasts“. Und dann folgen auch schon die Rezensionen von Literatur, Sachbüchern, Zeitschriften und Fanzines, wobei auch hier die Mehrzahl der besprochenen Veröffentlichungen für den gemeinen und durchschnittlichen Punkrocker uninteressant sein dürfte. Wobei zweifellos der ein oder andere von uns auf ein interessantes Buch stoßen könnte. Ob Kosten und Mühen für eine Anschaffung der vorliegenden Ausgabe des Journals der Jugendkulturen sich bezahlt machen würden, wage ich aber zu bezweifeln. Der Informationsfaktor und das Preis-Leistungs-Verhältnis liegen selbst für intellektuelle Studibrillenpunks unter dem der Bravo, von lederbejackten Biervernichtern ganz zu schweigen. Vielleicht wieder beim nächsten Mal?!


The Jam – Direction Reaction Creation
(Hardcover, earBooks, 120 Seiten, 5 CDs, 39,95 Euro)
Ein schönes Paket für nachwachsende Generationen, denen die punkigen Mods von The Jam vielleicht nur entfernt die Ohren klingen lassen. Zur Erinnerung: zwischen 1972 und 1982 erspielten sie sich mit ihrer ausgefeilten Mischung aus R&B, Powerpop, Soul und Pubrock eine riesige Fangemeinde in Großbritannien, teilten die Bühne mit den Sex Pistols und The Clash, errangen zahlreiche Charts-Platzierungen und galten als eines der kraftvollsten Live-Trios auf der Insel. Ende 1982 war Gitarrist Paul Weller die Scheißrockwelt überdrüssig und löste zum Schock aller Fans die Band auf. „Direction Reaction Creation“ klotzt mit 100 großformatigen Fotos, die mal wieder schön beweisen, wie wenig perfekt geleckt der Kleidungsstil Ende der 70er Jahre von Mods und Punks war, dafür aber in seinem Willen zu Style und Entschiedenheit mit Würde überzeugte. Dazu gibt es auf 5 CDs die kompletten Studio-Alben, Singles und einiges an Raritäten. Ob damit das ganze Werk der Band, abgesehen von Live- und BBC-Sessions, wie angekündigt präsentiert wird, sollen die Nerds unter euch ausmachen. Zumindest die Compilatoren sind ausgemachte Füchse aus dem Umfeld von Paul Weller, Bruce Foxton und Rick Buckler. So liefern sie dann auch parallel zu den chronologischen CDs kompetente, englische Texte zur Bandgeschichte. Abgerundet durch ein „Jam Diary“, die übliche Discographie und einen – je nach Sichtweise – die HardcoreFans bedienenden oder einfach nur Seiten schindenden Tourplan von 1977-1982. Wie auch immer: Ein lohnenswerter und schön aufgemachter Brocken. Passt wahrscheinlich gut in den Sack des CocaCola-Mannes, während dessen kurzer Tournee Ende Dezember. Chan Fier


Gertrud Koch – Edelweiß
(Taschenbuch, Rororo, 254 Seiten, 8,90 Euro)
Bei Lesern dieses Blättchens setze ich jetzt einfach mal voraus, dass ein paar Grundinfos über die Edelweißpiraten und ihr Tun und Wirken vorhanden sind, daher spare ich mir mal lecker irgendwelche Erläuterungen. Das Schicksal von „Bombenhans“ Steinbrück, dem legendären Kopf der militanten Köln-Ehrenfelder Gruppe (die u.a. auch die Eier hatten, bewaffnete Streifen der HJ und ähnliches Gesindel niederzumähen) ist ja bekanntlich ’05 bereits mit Bela Felsenheimer in der Hauptrolle zu filmischen Ehren gekommen. Hier dann als Nachschlag also noch die Geschichte der Köln-Düsseldorfer-Connection um „Mucki“ Koch, die hier in recht einfacher, nachvollziehbarer Schreibe (nichtsdestotrotz absolut fesselnd) beschreibt, wie sie mit ihrer damaligen Clique in einen wahren Mahlstrom an Terror und Repressalien geriet, was alleine schon mit dem Verweigern der BDM-Mitgliedschaft begann. Dabei waren ihre Aktionen nie in irgendeiner Art und Weise militant, sondern mehr Geschwister-Scholl-like publikumswirksam (siehe die Flugblattaktion am Kölner Hbf und diverse Verschönerungen an Häuserwänden). Bela B. äußerte damals im Zuge der Dreharbeiten zum Niki von Glasow- Film u.a. die verstreuten Edelweiß-Cliquen seien „die Punks der 40er Jahre“ gewesen, was mit ein Grund für sein Mitwirken sei. Ein Vergleich, der nicht nur hinkt, sondern geradezu auf allen Vieren robbt, schließlich sind Erlebnisse wie physische Folter und KZ-Aufenthalte mit Aussicht auf Exekution doch ein minimal anderes Kaliber, als einige Stunden in Bullengewahrsam mit anschließenden „Hör mal, Jonas, dein Verhalten ist so nicht tragbar“-Standpauken der Alten. Anyway, Mucki war erst durch das massive Drängen eines Museums- Angestellten gewillt, ihre Memoiren rauszuhauen, weswegen das Teil auch erst letztes Jahr erschienen ist. Abgesehen davon wurden die EP-Gruppen vor zwei Jahren erst rehabilitiert und galten bis dahin als kriminelle Vereinigungen – hooray… Natürlich hatten nach der VÖ auch wieder viele was zu mosern, besonders aus der antideutschen Ecke kam u.a. der Vorwurf einiger kleinerer Ungenauigkeiten sowie mangelnden Eingehens auf antisemitische Stimmung auch bei Regime-Gegnern etc.. Worauf eine 80-jährige Frau beim Niederschreiben von Ereignissen, die über sechzig Jahre zurückliegen, alles zu achten hat, ts… Snitchcock


Kopfnuss #1 – Beiträge für einen kreativen und farbenfrohen Weltuntergang
(Taschenbuch, Kopfnuss Verlag, 194 Seiten, 10,00 Euro)
Erste Veröffentlichung des noch jungen Verlages aus dem Dunstkreis der Bonner/Brühler Achse des Bösen. „Wenn die Welt schon untergeht, dann bitte schön tanzbar, farbenfroh und kreativ“ lautet das Leitkulturmotto für dieses Bündel an äußerst unterhaltsamen Short-Stories, das in keinem gut sortierten Mutanten-Haushalt fehlen sollte. Neben den Verlagsmitgliedern selbst, die hier unter Pseudos wie Ismael Diot oder Kalle Kettenpunk ihr Unwesen treiben, hat u.a. auch der allseits bekannte Anti Everything-Despot Krysztof Wrath mit „Dirty Eddie“ wieder mal einen superben Gossenroman aus der Welt der Berliner Asphaltcowboys beigezaubert. Aber auch die anderen Kurzhosenmärchen, die mal von resolut gegen pöbelnde Punks agierenden Rentnerinnen, der „Lebenslüge Oralverkehr“, einem Praktikum bei der Deutschen Bank oder einer Abrechnung mit der „großen 90er Jahre-Show“ handeln, können sich lesen lassen. Und in der Räuberballade „Kaufhof auf die Fresse hau’n“ kommt sogar das Thema des Walter Elf-Klassikers „Hertie bei Nacht“ mal wieder zu späten Ehren. Menschen, die wo auch nur ansatzweise eine Affinität zu sarkastisch-zynischen Wortbombardements intus haben, liegen hier jedenfalls goldrichtig. Snitchcock



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