The Restarts

| Januar 3rd, 2008

Es muss wohl 1999 gewesen sein, als ich das Londoner Trio das erste mal live sah. Tja, und seitdem bin ich dieser Band verfallen, was sicher an dem äußerst charismatischen Sänger Kieran liegt. Die Art wie er singt macht ihn einzigartig und seine aneinander gereihten Stakkato-Salven kommen wie aus einer frisch geöffneten Stalinorgel! Bis vor Kurzem verlieh dieser Stil dem gebürtigen Kanadier eine gewisse Einmaligkeit. Doch jetzt kennt man auch andere Kapellen die diese Art versuchen zu kopieren oder zumindest dem sehr ähnlich sind. Einige scheitern beim Versuch, andere wiederum sind da gar nicht so schlecht – Hellratz, Riot Of Rats, Oräng Ättäng (Interview auch in dieser Ausgabe!). Trotzdem hat es bisher noch keine andere Gruppe geschafft derart rotzig und angepisst zu wirken, weswegen sie eben diese Ausnahmestellung genießen!

Kieran du bist aus Toronto in Kanada. Warum kamst du nach Europa und im speziellen nach England?
Der Grund warum ich nach England kam, war die Musik Ende der 80er hier – Doom, ENT, Chaos UK, etc. – und dass ich in Kanada tierisch gelangweilt war. Die meisten Städte hatten zwar eine lebendige Szene, verhielten sich aber sehr inselartig. Eben viel zu viel auf sich selbst bezogen. Aber das war vielleicht in der Vergangenheit. Ich will ja hier nicht meine kanadischen Punkrocker-Freunde vergraulen.

In Toronto hattest du ne Band namens „Armed And Hammered“. Hast du mit der Band jemals was veröffentlicht und wenn ja, wie komme ich da dran?
Ja, wir brachten ein paar EP’s raus und nach einer Ewigkeit brachten wir die dann auf CD heraus. Ich war aber nur anfangs in der Band bevor ich nach England ging. Wo man das alte Zeux allerdings herbekommen kann, weiß ich nicht. Zudem kam das alles in Eigenregie heraus. Also ich selbst wüsste nicht, wie ich an die Aufnahmen käme ohne den Sänger über email zu kontaktieren. Der hat übrigens ne neue Band, die heißen jetzt „The G-Men“. 
Wenn du aber ganz nett zu mir bist, dann brenn ich dir den alten Kram.

Könntest du dir vorstellen noch einmal zurückzugehen?
Vielleicht wenn ich mal 60 bin. Verglichen mit dem Lebensstandard in England, ist der in Kanada wesentlich höher. Aber da sich mein ganzes Leben in London abspielt ist etwas in der Richtung in absehbarer Zukunft nicht geplant.

Worin besteht der Unterschied zwischen der Combo damals und den Restarts heute?
Armed And Hammered war viel nihilistischer und weniger politisch. Ich denke da gings mehr um die Dinge der Straße. Zudem waren nur der Sänger und der Drummer ständig in der Band. Also auch ich stieg da nur ein und war der Bassist, der auch das Artwork für die Platten machte.

Stimmt, neben der Musik bist du ein begnadeter Zeichner und machst euer Artwork regelmäßig selbst. Hast du auch schonmal was für andere gemacht?
Ja das läuft gerade etwas an. Ich hatte mal eine Rückseite für die Varukers gemacht, als ich bei denen spielte. Letztlich war das aber nur ne Kopie von jemand anderem. Kürzlich machte ich ein Cover für die Londoner Band Moral Dilemma und ein Titelblatt für das Profane Existance Fanzine. Außerdem habe ich für ein paar US-Bands verschiedene Sachen gemacht. Die haben mir jedoch nichts gezahlt, obwohl das wirklich peanuts waren. Das macht mich dann schon vorsichtig für Leute zu arbeiten, die ich nicht kenne…Grrr.

Im November tretet ihr beim „Feeding Of The 5000“ auf. Da scheint mehr zu gehen als nur Musik. Irgendwie kommt mir das sehr politisch vor, richtig?
Das ist eine Performance des kompletten ersten Crass Albums. Außer das von Crass nur Steve Ignorant dabei ist und von ausgewählten Musiker begleitet wird. Scheinbar hat er den Segen der anderen ehemaligen Mitglieder. Logisch aber, dass es darum einen Haufen verschiedener Meinungen gibt. Da werden Chat-Foren zugebombt mit den typischen „Sell Out“ Parolen, weil die Veranstaltungen in einem kommerziellen Laden stattfindet – Sheperds Bush Empire. Aber wo sonst in London hat man Platz für 2000 und mehr Leute? Derzeit wird Punk wieder neu entdeckt. Da finde ich es schon wichtig den damalig wichtigen politischen Aspekt nicht außen vor zu lassen. Was Crass repräsentieren war und ist für mich als Musiker total wichtig gewesen, aber auch persönlich!Mir gefällt das, dass sich viele alte politische Kapellen reformieren und ihre Message von damals wiederholen. Ich denke das wird eine richtige gute Veranstaltung für den heute politischen Untergrund. Ein paar interessante kurze Aussagen von Flux Of Pink Indians, George Berger (Autor des Crass-Buchs), Dick Lucas (Subhumans), etc., kann man hier lesen: www.myspace.com/threepunkrockquestions

2004 habt ihr in New York im Punkrock-Mekka CBGB’s gespielt, welches heute geschlossen ist. Habe ich da als Punkrocker etwas verpasst, wenn ich nicht dort war?
Nun, wenn du die Geschichte des Punkrock dokumentieren willst, dann auf jeden Fall! Der Laden war übervoll mit dieser Geschichte. Seit den 70er wurde der Laden nicht gestrichen und es wurde auch nie ein Graffiti entfernt oder ein Konzertposter. Das war wie durch ein Museum zu laufen und schon ziemlich cool zu wissen, dass dort Blondie, Ramones oder Velvet Underground regelmäßige Gäste waren. Nebenbei erwähnt hatten die ein richtig klasse Soundsystem. Insgesamt kommt es aber auch darauf an wie viel Gewicht man einem Haus zukommen lassen will, in dem ein paar wirklich wichtige Shows waren.

Die neue Platte „Outsider“ erscheint auf dem Label „No Label Records“ und ist die erste Erscheinung auf dem Label. Ist das euer Label und kann man noch andere Scheiben erwarten?
Yep, das ist unser eigenes Label. Das haben wir zum Eigenweck gegründet, um unsere eigenen Produkte herauszubringen.

Ist es geplant auch Scheiben anderen Kapellen zu veröffentlichen, oder bleibt das völlig euer Label?
Momentan ist auf keinen Fall etwas mit einer anderen Band geplant. Vielleicht irgendwann einmal, wenn ich jemanden einen Gefallen tun möchte oder mir ein Album einer Combo so richtig gut gefällt. Doch ehrlich gesagt habe ich kaum Zeit mich um den Kram unserer Band zu kümmern, um dann noch ein Label ordentlich zu machen

Mit Dirty Faces habt ihr jetzt endlich auch einen Vertrieb auf dem Festland Europas. Wieso hat das aber so viele Jahre gedauert?
Vorher wurden wir von Active Distribution vertrieben. Langsam wurde uns aber bewusst, dass wir schon einen Schritt weitergehen wollen. Dass es so lange gedauert hat, liegt daran, weil wir wohl viel zu faul sind, um uns um solche Dinge zu kümmern.

Auf dem neuen Album ist so etwas, wie ein Statement. Das endet mit den Worten „We need to slow down! And think“. Kannst du das mal bitte genauer erläutern?
Im Wesentlichen repräsentiert das unser momentanes Gefühl über die politische Situation. Damit meinen wir nicht nur die globale Politik, sondern auch die im kleineren Stil. Eben jene der Aktivisten und der Punkszene. Die Menschen sind so schnell andere zu verurteilen, schlecht zu machen und sie zu attackieren. Das bringt uns zu gar nichts! Das ist, was Länder in Kriege treibt oder beste Freunde sich gegenseitig auf’s Maul hauen lässt. Ich finde, wenn man seinen Gegenüber mit einer Sache konfrontieren will, dann soll man sich Gedanken über seine Argumente machen und nicht sofort aus einer Emotion heraus handeln. Politiker machen hastige Beschlüsse, die uns in den Irak treiben und Aktivisten kanalisieren ihre Energie und regen sich über den Crass-Gig auf, anstatt sich Gedanken über wirklich wichtige Dinge zu machen. Wir müssen langsamer machen, damit wir nachdenken können.

Der Song „Cluster Bombs“ erinnert mich an Lady Di, dich auch?
Äh das verwirrt mich jetzt. Meinst du wegen ihrer Initiative gegen Splitterminen?
Wie dem auch sei, sind das abartige Waffen, die verboten gehören. Aber trotzdem werden sie weiter verkauft und benutzt. Beispielsweise vor kurzem, als Israel Krieg gegen den Libanon führte.

„No Escape“ handelt von der globalen Erwärmung. Gestern hörte ich, dass der Luftverkehr in Europa 2020 zu heute verdoppelt sein wird. Zwei Tage davor, dass wenn man auf gut 1% der Gesamtfläche Sahara Solarzellen aufstellen würde, es genug Strom für die gesamte Menschheit gäbe! Zwei total verschiedene Infos, aber beide total verrückt.
Darum benannten wir das Lied so. Wegen der „Kopf in den Sand“ Mentalität der Menschheit, die uns alle umbringen wird. Die Möglichkeiten diese ganzen Probleme zu lösen sind ja bekannt. Doch da Öl die Industrie bestimmt und die wiederum verstrickt ist mit politischer Macht und einem Haufen Geld, werden die guten Dinge einfach ignoriert oder sind in der Bürokratie beerdigt. Verrückt ist genau das richtige Wort dafür.

„Koyaanisqatsi“ ist ein Wort der Hopi Indianer und bedeutet die Welt ist im Ungleichgewicht. Außerdem gibt es einen Film aus den 80er, der so heißt. Sag mal was dazu.
Am einfachsten ist es erklärt, wenn man sich den Film selbst anschaut. Obwohl der Film nur mit Musik und Bildern arbeitet, also nichts gesprochen wird, ist man schon nach fünf Minuten gefesselt. Am Ende kommt noch ein heftiges Zitat! Den Refrain haben wir noch mit einem Art Echo unterlegt, bei dem man „Dead Planet“ hört. Mit dem Echo hoffen wir Leute zu erreichen, die auf unserer Wellenlänge sind. Wenn wir damit sogar GW Bush aufwecken könnten…

Ich habe ein ziemlich geiles Shirt von euch, auf dem „Fuck Corporate Punks“ steht. Sind denn Bands wie Against Me! oder Anti-Flag schon solche Bands?
Wir hauten diesen Spruch heraus, um zu provozieren und Leute zum Nachdenken zu bringen. Es geht darum Leute dazu zu bringen sich selbst eine Meinung zu bilden. Am Ende ist es nämlich egal, wen wir für „Corporate Punks“ halten. Man muss schon selbst wissen, wen oder was man unterstützt, wofür man sein Geld ausgibt. Ich jedenfalls finde, wenn eine Band bei Warner unterschreibt, dann hat die mit Punk nichts mehr am Hut! Auch wenn die Band dann noch Punkmusik macht. Damit reduziert man es aber auf ein musikalisches Genre wie Rock, Country oder Disco.
Erfolg ist ein uraltes Dilemma. Das war schon in den 70er mit „The Clash“ so, als die haufenweise Kohle scheffelten und nicht mehr wussten worüber sie singen sollten. Etwa über Karriere Möglichkeiten!? Aber die waren clever genug und schrieben Texte über Politik. Wenn also Bands, die sich in solch einer Situation befinden, dieses Privileg nutzen und damit etwas konstruktives machen – Kontroversen provozieren – dann kann das eine gute Sache sein.
Unser Statement ist aber auch ein Reaktion auf Major-Labels, die versuchen sich wieder in die neue Punkszene einzukaufen. Quasi ein „Lasst uns in Ruhe“ oder nicht so höflich „Fuck Off!“.
Anti Flag und Against Me! sind auf solchen großen Labels. Was daraus wird, bleibt abzuwarten. Das „Wir-versuchen-mehr-Publikum-zu-erreichen“ – Argument ist da etwas schwach.

Na dann, wann können wir euch denn wieder in unseren Breitengraden begutachten?
Anfang November sind wir in Schweden und Ende des Monats dann in Spanien. Italien steht kommenden April an. Deutschland und Frankreich soll aber auch kommen. Da auf unserer letzten Tour das Album noch nicht fertig war. Das müssen wir also nachholen. Das Kann man dann alles auf unserer myspace-Seite nachlesen.

Für einige versprühen die drei Londoner sicherlich zu viel Punkspirit, der zu viel mit Politik am Hut hat. Ich ehrlich gesagt kann das nicht behaupten, sondern halte es wie immer: Ich versuche so bewusst wie möglich zu leben und gebe mir Mühe den Spaß dabei nicht zu verlieren. Wer jetzt ähnlich angefixt ist, wie ich es vor rund acht Jahren war, dem sei wärmstens die neue Scheibe „Outsider“ ans Herz gelegt (Review gibt’s in der entsprechenden Abteilung). Punkrock und Party!
Bocky

http://www.restarts.co.uk



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