Oräng Ättäng

| Januar 3rd, 2008

Was für’n Name!? Klar, dass der erstmal hängen bleibt. Da will man dann natürlich mehr wissen, da fragt man nach. Ganz so war es aber nicht, da Gittarist und Sänger Harry jahrelang in Mannheim wohnte bevor er nach Hamburg zog. Zu der Zeit sahen wir uns aber genau so oft, wie momentan auch, wenn er gerade seine Freundin und Eltern hier besuchen kommt: Eigentlich nie! Trotzdem muss ich sagen haben mir die paar Mal gereicht, um von ihm einen wirklich netten Eindruck zu bekommen. So interessiert man sich dann eben auch mal öfter für jemanden.

Vor einigen Jahren hörte ich dann, er habe ne Band namens Oräng Ättäng. Das Konzert im hiesigen JUZ verpennt, wollte ich zumindest ein Interview mit dem Trio aus der Elbmetropole machen. Denn die Kritiken der Anwesenden waren genau so viel versprechenden, wie das Material auf der MySpace-Seite. So nahm ich es mir für die euch gegenwärtige Ausgabe fest vor die Band anzuhauen und es passte einfach wunderbar als mir Liza, Harry’s Freundin, kürzlich das jetzt erschienene Debütalbum „Stinky Songs“ zuspielte. Für mich machen die drei Wahl-Nordlichter einwandfreien Anarcho- HC-Punk, mit dem Herzen auf dem richtigen Fleck und dem nötigen Humor.

Ihr habt euer Debutalbum auf DIY Basis herausgebracht. War das Absicht, oder wollte euch kein Label?
Harry: Uns will keiner!
Vic: Die ham alle Angst vor den HH Primaten!
Krischan: Ehrlich gesagt ham wir gar nich erst versucht, n Label zu finden, weil wir dachten DIY or Die oder so was, aber grad merken wir, das datt schon ganz gut is, wenn sich jemand z.B. um den Vertrieb kümmert, da sind wir nich so die Checker, was das angeht, aber datt wird schon noch.

Da es immer wieder weniger Vinyl gibt: Wird davon auch eine CD erscheinen?
Harry: Wir müssen wohl erstmal aus den Miesen raus und dann können wir weiterschauen… Vielleicht machen wir dann aber auch einfach eine Split mit neuen Songs und einer netten weiteren Band. Mit Homicidal Housepig wär schön. Habt ihr Lust?
Krischan: Ich glaub ne CD würd schon Sinn machen, aber uns fehlt momentan die Kohle.

Der ganze Kram wurde 2005 aufgenommen, aber erst 2007 veröffentlicht. Warum hat das so lange gedauert?
Vic: Ja so ist dat wenn man auf seine Mischer warten muss, bis die dat Ding mal raus geben. Und man sollte es nie selber nachträglich mischen, dann kann man seine grauen Häärchen selber zählen….hehe.
Krischan: Das is so ähnlich wie mit Wein, wenn der Sound lange genuch gelagert wird, entwickelt er erst das richtige Bouqet, das macht in unserer profitorientierten Zeit nur leider kaum noch jemand, wir halt schon. Wir haben Zeit. Wir sind noch jung. Die nächste Platte kommt frühestens 2010 raus.

Nachdem die Scheibe aus dem Presswerk kam und sie die ersten paar mal durchlief, habt ihr das schon Sachen entdeckt, die ihr bei der zweiten Scheibe anders machen würdet?
Krischan: Ich find Soundtechnisch als auch spielerisch kann man da noch einiges besser machen, aber wenn wir schon bei der ersten Scheibe alles perfekt machen würden, ham wir auch keine Schangse mehr uns zu steigern, insofern ist die Pladde schon okeh so wie se is. Is halt Punkrock, wa.

Wenn ich euch nem Freund anpreise, dann behaupte ich ihr klingt ziemlich nach Restarts oder Fleas and Lice. Haben diese beiden Bands tatsächlich nen gewissen Einfluss auf euch gehabt?
Harry: Mit Restarts liegst du gar nicht so falsch. Als Vic und ich uns vor etwa vier Jahren das zweite Mal trafen, war das auf nem Restarts Konzert in der Lobusch in Hamburg und dort haben wir auch beschlossen, mal zusammen Musik zu machen. Das erste Mal war wiederum ein paar Wochen vorher bei einer Feier anlässlich Schills Rausschmiss aus dem Senat. Wir haben uns kennen gelernt, kurz bevor wir zusammen eingefahren wurden. Nun ja, das schweißt zusammen und insofern haben auch die Hamburger Bullen ihren Beitrag geleistet. Was Fleas and Lice angeht, mögen wir auch alle ganz gern, zumal sie schon seit Jahren Dauergäste in Hamburg sind. Oder wie seht ihr das?
Vic: Stimmt, seh ick janz jerne live
Krischan: Also ich hab zwar ne Platte von Fleas und Lice, aber die hab ich glaub ich 2x gehört bis jetz, und Restarts kenn ich auch nur den Song „Big Rock Candy Mountain“, was ja nu eher n Coversong is, aber den find ich gut. Ich persönlich bin glaub ich nur von der ersten Slime, den Ärzten und so komischen 7″-platten-grindcorebands beeinflusst, aber als Basser kann man ja eh nur subtil den Sound beeinflussen.

Im Intro läuft als Sample der Film aus dem ihr euren Namen habt. Wie heißt der?
Krischan: Datt isn Sample aus dem Film „Jay + Silent Bob“, datt hat unser Kumpel Tom rausgefischt, wir hatten das gar nicht aufm Plan. Der Film ist durchaus empfehlenswert, sollte man jedoch in englisch kucken das ganze.

Euer erster Song überhaupt „Along The Fence“, der auch auf der Scheibe ist, handelt weitest gehend von der „Fortress Europe“. Seid ihr selbst in Heiligendamm gewesen?
Harry: Nee, ich war nicht da. Ich muss auch sagen, ich finde, diese Hampels von der G8 werden überwertet. Man könnte fast meinen, diese Leute regieren die Welt. Dabei weiß doch jedes Kind, dass das in Wirklichkeit die Illuminaten tun…
Vic: Ich konnte wegen Arbeit und „Charlie“, my sick dog, nischt wech.
Krischan: Ich musste fürchterlich viel arbeiten zu der zeit. Kannste mal sehen, wir tun auch nur so als wärn wir politsch aktiv, aber eigentlich is nix dahinter, mannomann ganz schön peinlich. Aber ging ja auch ohne uns ganz gut.

Inwiefern habt ihr die Räumungen im Vorfeld des G8 Gipfels mitbekommen. Oder seid ihr gar selbst in Mitleidenschaft gezogen worden?
Harry: Ich war zu der Zeit in Berlin und hab‘ da eine ganze Menge Wut und Jetzt-erst-recht-Stimmung mitbekommen. Der Versuch, den Widerstand zu spalten und abzuschrecken ist wohl nicht aufgegangen, im Gegenteil, wahrscheinlich war das für die Mobilisierung sogar dienlich. Ganz amüsant fand ich auch, dass sich Frau Merkel deshalb von Putin Polizeistaatsmethoden vorwerfen lassen musste…haha…
Nicht lustig ist, dass immer noch Hausdurchsuchungen unter dem Vorwand des §129a oder ähnlichem Hirnschmalz stattfinden. Wenn jetzt schon als Terrorist gilt, wer sein Handy manchmal zu Hause lässt (na, wenn der mal nicht auf ein konspiratives Treffen geht!) oder dieselben Wörter verwendet wie vermeintliche „Terroristen“ in ihren Bekennerschreiben (wer Wörter wie „Prekarisierung“ benutzt, kann ja nicht ganz sauber sein!), na dann gute Nacht!
Krischan: Als die hier die Flora durchsucht haben, und die Privatwohnungen fand ich’s schon ziemlich krass, wie einfach so was geht, du äusserst einfach nen Terrorismusverdacht, und schon kannste dir alles erlauben. Das das zu soviel Protesten auch aus dem bürgerlichen Lager geführt hat is ja schön und gut und richtig, aber ich glaub, das hatte auf den einen oder anderen Normal-Bürger, der vielleicht sonst gefahren wär schon auch ne abschreckende Wirkung, weil subtil der Eindruck entstanden ist, das da gefährliche Leute bomben legen wollen.

Nach „EiEiEiEi!“ ist „Extremhygeniker“ mein Lieblingssong von euch. Der handelt wohl von einem typischen WG-Problemen, dem individuellen unterschiedlichen Hygieneempfinden. Wer von euch ist denn die vermeintliche Drecksau?
Harry: Vic und ich sind stubenrein!
Krischan: Den Text hab ich vor langer zeit mal geschrieben, als mich mein Hauptmieter mal wieder genervt hat, da gabs die Band und den Song dazu noch gar nicht. Das Problem mit dem war halt, das der immer rumgemotzt hat, wenn’s ihm zu siffig war, aber so Sachen wie Haare ausm Abfluss fischen, oder Frittierfett entsorgen hat der halt selber nich gemacht, der war halt hoffnungslos keimophob, was keinesfalls gesund is, denn zuviel Hygiene is Gift für die körpereigenen Abwehrkräfte.
Inzwischen geht mir zuviel Rumgesiffe bei mir zuhause glaub ich selber n bisschen auf die Eier, aber ich hoffe ich bin noch nich im Extrembereich anzusiedeln.

„Outta The Public Eye“ ist ein Fast-Ska-Song (fast im Sinne von nahezu, nicht englisch lesen). War das der Quotensong, oder wie kam es dazu?
Harry: Ich spiele ganz gerne mal ein bisschen Ska, besonders wenn’s ein bisschen dreckig klingt und sich Ska und Geschrammel abwechseln. Früher in Mannheim mit „No Niwo“ hatten wir ja auch das eine oder andere Ska-Stück im Programm, aber jetzt renn ich damit gegen eine Mauer. Vic hasst es einfach, Offbeat zu spielen und deshalb kamen wir über einen Quotensong auf der Platte nicht hinaus.
Vic: Na ja vielleicht lass ich mich noch mal auf den einen oder anderen Ska Song ein, aber ich bin nicht der größte Fan davon, da hat der Harry scho recht!
Krischan: ich glaub der Ska-Part kam von mir, als die Band noch ganz frisch war, und wir noch offen für alles waren. Inzwischen sind wir ja ziemlich eingefahren und jeder neue Song klingt gleich. Vic kann halt kein Offbeat, was willste machen..

Die Band an sich steht in typischer Anarcho-HC-Punk Tradition. Also Fight The System, Fight The Law. Der Songs „The Song We Couldn’t Play“ unterstreicht das. Doch kommt es mir so vor als ob ihr euch einer gewissen Inkonsequenz bewusst seid, wenn man in dieser Gesellschaft lebt und nicht komplett aussteigt. Richtig?
Harry: Ich glaube, dass man nie wirklich aussteigen kann. Das Problem ist dabei weniger, wie man wo was zu futtern auftreibt, als das, was im Kopf abgeht. Wer hier aufgewachsen ist, der oder die hat sich unbewusst doch schon so an dieses Leben angepasst und ein bestimmtes Denken verinnerlicht, dass er oder sie sich gar nicht vorstellen kann, was Freiheit überhaupt ist. Viele Versuche, auszusteigen oder diesem Leben was entgegenzusetzen produzieren oft einfach nur denselben Scheiß nochmal, den man eigentlich hinter sich lassen wollte; sie schließen Leute aus, sind elitär, hierarchisch oder einfach nur Spießerkacke. Nicht falsch verstehen, es ist total wichtig, dass Leute selber was auf die Beine stellen bzw. sich Freiräume erkämpfen (oder derzeit wohl eher verteidigen), aber es ist mindestens genauso wichtig, immer wieder mal zu hinterfragen, was, wie und warum man das eigentlich macht. Es ist halt leider zu einfach, sich selbst auf die Schulter zu klopfen und zu sagen „Wir sind die Guten“.
Krischan: Harry sacht et wie et is.

Hört sich sehr nach Orwells „Farm der Tiere an“, oder?
Harry: So isset! Orwells Geschichte ist ja auch ein Sinnbild dafür, was im Zuge der Oktoberrevolution in Russland so alles falsch gelaufen ist, weil die Herrn Genossen es einfach nicht auf die Reihe bekommen haben, das autoritäre Denken und den ganzen alten Kack aus Zeiten des Zarismus über Bord zu werfen

Kann es sein, dass die B-Seite fast wesentlich rockiger ist als die A-Seite?
Harry: Ich würde sagen, Seite 1 ist für die Punker und Seite B eher für die Freunde balinesischer Gamelanmusik und des mongolischen Kopftongesangs.

Gamelanmusik? Na da habt ihr die Flöten aber gut überlagert. Wie sieht das ganze dann live aus?
Harry: Ich weiß, es ist schwer zu glauben, aber obwohl wir tierisch ausgetüftelten, fast schon orchestralen Krach machen, spielen wir live alle Instrumente selber. Und manchmal auch gleichzeitig!
Krischan: Wir hatten auch schon n Angebot mit dem Wiener Symphonieorchester zusammen aufzutreten, aber weil sich das bei Metallica schon so Scheiße angehört hat, ham wir das abgelehnt, das schadet der Musik nur.

Obwohl ihr noch keinen Tonträger am Start hattet, habt ihr schon Konzerte in England hinter euch. Wie kam es dazu?
Harry: Wir waren jetzt zwei Mal in London und haben dort insgesamt drei Konzerte gespielt. Zustande kam das ganze über eine befreundete Band, die genialen Bloody Heels aus London. Zusammen haben wir für ein paar Tage und Nächte Brixton unsicher gemacht und sind dann im Gegenzug mit ihnen und sowie den verrückten Norwegern von Bulwark auf eine kleine Tour durch Krautland gegangen. Das macht Punkrock ja auch ein Stück weit aus: Man muss nicht berühmt oder reich sein, man braucht noch nicht mal ne eigene Platte und kann trotzdem fast überall spielen, lernt andere Orte und Menschen kennen und hat obendrein einfach eine geile Zeit. Seufz…

Harry, du bist eigentlich aus Mannheim. Wann und warum zogst du nach HH?
Harry: Nee, eigentlich komme ich aus dem Frankenland, genau wie der Vic. In Mannheim hab ich gerade mal vier Jahre gelebt und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist mir die Stadt ans Herz gewachsen wie ein bösartiges Geschwür. Nee, im Ernst, ich habe mich sehr wohl gefühlt in Mannheim und dennoch wollte ich irgendwie raus in die weite Welt. Hamburg, die verruchte und immerzu verregnete Hafenstadt schien mir in meiner romantisch verklärten Sicht der Dinge ein guter Anfang zu sein. Ich mag Piratengeschichten, den FC St. Pauli und habe früher sämtliche Slime Platten rauf und runter gehört. Ja, es gibt bestimmt bessere Gründe, na und?

Ist HH tatsächlich besser als eine andere Stadt?

Ich bin nämlich der Meinung, dass jede Stadt irgendwann gleich ist.
Harry: Ich hänge jetzt schon seit sieben Jahren hier rum und ich würde immer noch sagen, dass es hier anders ist als anderswo. Ich könnte nicht sagen, ob besser oder schlechter, manchmal möchte ich auch einfach nur meine Koffer packen und abhauen und doch bin ich immer noch hier. Ich denke, alle Städte werden dann gleich, wenn der Alltag von einem Besitz ergreift, man sich immer im selben kleinen Kreis dreht und den Blick für die Eigenheiten verliert, und die gibt’s garantiert in jeder Stadt und jedem Kuhkaff.

Genau das meine ich. Nichts ist irgendwo besser oder schlechter, als dort, wo man gerade ist. Kommt wohl eher darauf an, was einen treibt, oder?
Harry: Na ja, so würd ich das auch nich sagen. Ich bin gerade schon lieber hier als irgendwo in Schlachmichtot aufm Dorf, abgeschnitten von der Außenwelt, wo auf jeden Einwohner hundert Kühe kommen. Is aber letzten Endes Geschmackssache, oder?
Krischan: Ich hab das schon hier und da mal gehört, das Leute von irgendwo wiederkommen und sagen in Hamburg isset halt doch am geilsten, aber das is glaub ich echt Jedermanns Geschmackssache. Das Wetter kann einen z.B. schon ziemlich verrückt machen, und in Wandsbek will ich auch nich wohnen müssen, wobei Ahrensburg sicher genauso langweilig is. Ich glaub Hongkong is auch ganz interessant, oder vielleicht auch Ulan Bator, wobei ich da noch nie war.

Wie gut Hamburg tatsächlich ist, werde ich wohl kurz nach Erscheinen dieser Nummer mal wieder schauen gehen. Das letzte mal ist circa sieben Jahre her. Oha, also doch schon. Sollte es in Hamburg jedenfalls so toll sein, wie beschrieben, ja dann erscheint die nächste Ausgabe vielleicht schon von dort aus?
Von der Standortfrage abgesehen will ich nomma auf das Album „Stinky Songs“ aufmerksam machen. Da die Platte wie erwähnt nicht auf nem Label erschien und die drei nicht schon seit Jahren im Marketing arbeiten bestellt euch das Teil am besten direkt bei ihnen:

www.oraengaettaeng.de
www.myspace.com/orangattang

Bocky



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