Jeder der schon mal auf einem Ska-Konzert war, oder diese Musik gelegentlich gerne hört, hat mit Sicherheit den Begriff Rude Boy, Rudie, Rudi oder Rudy schon mal gehört. Fast jede Ska-Band hat mindestens ein Lied das von den so genannten Rude Boys handelt. Meistens wird dieser Name als synonym für eingefleischte Ska-Fans benutzt, die dann, mit Großvaters Hut und schwarz-weiß karierten Hosenträgern bewaffnet, wild herumhüpfen. Über den wahren Ursprung der Rude Boy – Subkultur und deren Hintergründe, wissen nur wenige bescheid. Leider auch einige die Stolz ihren Rude Boy Aufnäher auf der Harrington tragen! Grund genug hier mal für etwas Aufklärung zu sorgen.

Das Ganze beginnt, wie soll’s auch anders sein, im sonnigen Jamaika. 1962 feierte diese besagte Insel in der Karibik ihre Unabhängigkeit vom British Empire. Der zunächst optimistischen Grundstimmung der Insulaner folgte nach und nach eine gewisse Resignation, da das Alltagsleben (wider aller Hoffnung) unverändert hart blieb. Grosse Teile der ländlichen Jugend suchten ihr Glück in einer der großen Städte (hauptsächlich Kingston), um dann geradewegs in die Slums (Shanty Towns) zu ziehen. Diese rasch wachsenden Siedlungen aus Wellblechhütten und Müll, waren ein äußerst nahrhafter Boden für gewalttätige mafiöse Gangs, die als Rude Boys Angst und Schrecken verbreiten sollten.

Die Bezeichnung Rude (eigentlich ruppig, rüpelig) kommt vom jamaikanischen Slangwort für cool oder hip, da sich die Rude Boys (vergleichbar mit den Mods in England) trotz ihres geringen sozialen Status oft nach den neuesten modischen Trends kleideten. Dies waren hauptsächlich schwarze Anzuge und der allseits bekannte Pork Pie Hut (der mit den schon erwähnten Opa Hüten auf vielen Ska-Konzerten so gar nix zu tun hat). Als super Beispiel für den Look sollte man sich mal den ersten 007 Film James Bond jagt Dr. No ankucken, denn der gute Sean Connery trägt genau dieses Outfit, als er auf Jamaika ankommt! James Bond Filme waren sowieso äußerst beliebt bei den Rude Boys und spiegeln sich auch in vielen Songs aus dieser Zeit wieder. Bestes Beispiel hierfür ist 007 (Shanty town) von Desmond Dekker. Aber auch Spaghetti-Western von Sergio Leone waren in den 60er Jahren auf Jamaika (und natürlich auch bei den Pistolen begeisterten Rude Boys) super angesagt. Bands wie die Upsetter oder die Crystalites waren geradezu besessen von diesen Filmen.

Interessanterweise hat das Rude Boy Phänomen abseits der Musikszene kaum Spuren hinterlassen. Es gibt nämlich keinerlei Fotos oder Artikel über Rude Boys aus dieser Zeit. Es ist so als gebe es einen Soundtrack ohne den dazugehörigen Film. Die einzigen Illustrationen, die man demzufolge bieten kann, sind auf wenigen LP Covern zu finden, wo die jungen Stars im einschlägigen Look posieren und somit ihre Rude Boy-Affinität zeigen. Ein Grund hiefür könnte sein, dass vor allem die reiche Oberschicht in Jamaika natürlich nicht begeistert von den Rudies und ihren täglichen Schiessereien und Raubzügen war und sich für sie schämte. Diesen Verbrechern wollte man keine Plattform geben sich zu präsentieren. Also ignorierte man das Ganze einfach und die Welt war wieder in Ordnung.

Der Einfluss der Rude Boys auf den Ska und Rocksteady war allerdings enorm. Viele damalige Künstler sangen über die Rudies und kleideten sich im einschlägigen Look. Allen voran die Wailers, die auf ihrer ersten LP für Studio One sogar als The Wailing Rude Boys angepriesen wurden. Kaum zu glauben wenn man an den späteren Hippie-Marley und Kiffer-Rasta Tosh denkt. Viele Interpreten sangen wahre Loblieder über die Rude Boys. Bestes Beispiel hierfür ist Rudies are the greatest von den Pioneers. Aber auch Derrick Morgans Tougher than Tough (Rudies in Court) ist eine homage an die Rude Boys:

Rougher than rough, tougher than tough

Strong like a lion, we are ion

Rudies don´t fear.

Derrick Morgan war ein echter Liebling der Rudies, der einige Hits zu dem Thema verfasste. Unter anderem Cool off Rudies, Court Dismiss und das geniale Judge Dread in Court. Letzteres als Antwort auf Morgans Intimfeind Prince Buster, der mit Judge Dread nämlich den wohl härtesten und meistbeachteten Angriff auf die Rudies verfasste. Der Song beschreibt einen Gerichtsprozess, bei dem vier Rude Boys verschiedenster Verbrechen angeklagt werden. Alle werden natürlich mit mehreren hundert Jahren Gefängnis bestraft. Judge Dread in Court von Morgan dreht den ganzen Spies einfach um und verurteilt den strengen Richter natürlich zu einer Million Jahre Gefängnis. Raue Sitten! Einer der sich auch stets kritisch zu den Rude Boys äußerte, war Allton Ellis. Der König des Rocksteady singt z.B. in seinem Hit Dance Crasher darüber, dass man sich auf keinem Tanzabend mehr richtig amüsieren kann, ohne mit Flaschen oder Messer bedroht zu werden:

Oh dance crasher don´t break it up

Please don´t make it a fuss

Don´t use a knife and take somebody else life

You´ll be sorry cause there´s death sentence

And you won´t have a chance

And that will be your last dance

Ellis hatte noch einige mehr solcher Rude Boy kritischen Lieder, wie z.B. Cry Tough. Dummerweise wohnte der Gute mitten in den Shantys und es dauerte nicht lange bis er doch eindringlich dazu aufgefordert wurde seinen Standpunkt noch mal zu überdenken. Fortan beschränkte sich Alton Ellis dann doch auf das singen von Love Songs.

Ein weiterer großer Rude Boy Hit ist Johnny too Bad von den Slickers. Der Song kam allerdings für ein Rude Boy relevantes Lied recht spät raus, nämlich 1971, allerdings beschreibt er wie kein anderer den “way of life“ der Rude Boys:

Walking down the road with a pistol in your waist

Johnny you´re too bad

Walking down the road with a ratchet in your waist

Johnny you´re too bad

You´re just robbing and stabbing and looting and shooting

Now you´re too bad

Zur Blütezeit des Reggae ab 1969 waren die Rude Boys allerdings schon nicht mehr das große Thema in der Musik. Ihre Zeit hatten sie bis spätestens 1967 in der Ära des Ska und Rocksteady gehabt.

Einen Rude Boy Film gibt es allerdings, und zwar The Harder They Come von 1972 mit Jimmy Cliff, der genau das tragische Leben eines Rudies schildert. Das Ganze beruht auf der wahren Geschichte des legendären Rude Boy Rhygin Martin, der 1948 (was zeigt, dass das Rude Boy Phänomen keine Erfindung der 60er Jahre war) durch seine Raubzüge und spektakulären Ausbrüche zu einer Art Robin Hood Figur wurde und natürlich tragisch im Kugelhagel der Polizei sein Ende fand. Bei seiner Beerdigung sollen tausende Menschen die Strassen gesäumt haben. Natürlich schmückt der Film das ganze noch etwas aus. Die Klamotten und die Handlung in dem Film sind bereits auf die siebziger Jahre aktualisiert. Sollte man sich trotzdem unbedingt mal ansehen, schon allein wegen dem genialen Soundtrack!

Das Rude Boy Phänomen beschränkte sich nicht nur auf Jamaika, sondern wurde natürlich auch von den jugendlichen jamaikanischen Einwanderern in Großbritannien übernommen. Auch sie gingen mit schwarzem Anzug und Pork Pie Hut zu Tanzabenden in den örtlichen Dancehalls. Dort traffen sie natürlich auch auf weiße Jugendliche aus den Arbeitervierteln (hauptsächlich Mods), die ebenfalls gerne Ska und Rocksteady hörten. Einen schönen Einblick gibt hier der Mod-Kult-Film Quadrophenia, wo der schwarze Rude Boy Ferdy (natürlich immer mit einer Ladung Pillen unterm Pork Pie) mit den besagten Mods abhängt.

Auch auf die Skinhead Bewegung hatten die englischen Rude Boys großen Einfluss, denn die ersten Skinheads hatten großen Respekt vor den “harten schwarzen Jungs“ und mochten deren smarten Look.

Das Ska Revival und die Two Tone Bewegung von1979 war ebenfalls stark beeinflusst von den Rude Boys aus den Sechzigern. Man übernahm große Teile des Looks (Anzüge und Pork Pie) und man spielte die alten Klassiker von damals in neuem Ska-Gewand, wie z.B. die Specials mit Rudy a message to you.

Auch Punkbands wie The Clash, die sowieso begeisterte Fans jamaikanischer Musik waren, wurden von den Rude Boys beeinflusst und inspiriert. So hieß ein Film mit The Clash aus dem Jahre 1980 z.B. Rude Boy!

Abschließend bleibt also nur zu sagen, das vieles was heute unter dem Namen Rude Boy läuft, doch recht wenig mit den Originalen zu tun hat. Deutlich wird jedoch welchen großen Einfluss die Rude Boys auf die verschiedensten Szenen (Mods, Skinheads oder Punks) und ihre Musik hatten und immer noch haben. Dabei waren die Originalen Rude Boys streng genommen nichts anderes als gewalttätige Kleinkriminelle, die oft nicht sehr alt wurden. Man muss aber auch die schwierige Lebenssituation in Jamaika sehen in denen sie aufwuchsen. Und als Schwarzer hatte man es auch im England der sechziger Jahre nicht leicht. Trotz ihrer ärmlichen Herkunft hatten sie jedoch ein Gespür für Stil, das man so manchem Ska-Fan heute wünschen würde.



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