Wie genau ich den Tobi kennen lernte weiß ich schon gar nicht mehr. Unsere Beziehung zueinander war sogar schon fast einmal in eine Freundschaft ausgeartet. Nur kam oder kommt es nie so weit, weil wir eben beide fast aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Sprich das Wort Langeweile kommt in unserem Wortschatz, im Bezug auf uns selbst, selten bis gar vor! So trifft man sich kaum, oder zumindest einer von uns beiden ist an eben jenem Abend irgendwie eingespant und beschäftigt. Vielleicht ist genau das die Eigenschaft, die ich an dem Mann aus der Nähe von Karlsruhe so sehr schätze, weswegen ich mich so gerne mit ihm unterhalte. Da kommt immer mehr rüber, als das übliche Suffgelaber, dem ich oft nicht folgen kann.
Jedenfalls ist der Tobi ein richtig knorker Typ, der sich nun schon seit gut 10 Jahren aktiv an unserer kleinen Szene beteiligt. Ob das nun anfänglich mit nem Fanzine war, aktuell mit dem Label oder politisch für die Ex-Steffi „is‘ Wurscht“.

Bevor du mit dem Label begonnen hast, warst auch du Fanziner. Wie hieß das Schmierblatt denn und wie viele Ausgaben brachtest du heraus, bzw. wann und wieso hast du das Heft aufgegeben?
Ja, ja, die Jugendsünden… Ich habe im zarten Alter von 13 zusammen mit ein paar Freunden angefangen, ein Fanzine namens „Voll Daneben“ rauszugeben, was aber vor allem Fußball-Inhalt hatte, dazu gab`s ein paar Plattenreviews und ein ganz kleines bisschen Politik. Das Ganze gab`s etwas mehr als drei Jahre lang, dann war zum einen die Luft einfach raus, zum anderen hatte ich angefangen mit dem Gedanken an ein Label (oder das was ich damals darunter verstand…) zu spielen und zum dritten war ich fußballmäßig auch nicht mehr so aktiv.
In der Zeit muss es so ca. 15 Ausgaben gegeben haben, ich bin mir aus dem Kopf heraus nicht mehr ganz sicher, aber so um den Dreh muss das gewesen sein. Nach dem Ende von „Voll Daneben“ hatte ich dann noch eine Ausgabe lang ein Ego-Heft gemacht, das hieß „Buried Alive“, davon gab`s aber nur ganz wenige kopierte Hefte für Freunde und zu einer Nummer 2 ist es da dann schon nicht mehr gekommen… Dafür ging`s aber nach und nach mit Twisted Chords los.

Welche Beweggründe gab es zu dem Label?
Jugendlicher Leichtsinn, Geltungssucht, Ahnungslosigkeit, schlechte Erziehung….
Nein, im Ernst, ich hatte mir das damals so irgendwie in den Kopf gesetzt. Ich war ziemlich früh fasziniert von dieser Punk-Idee, dass eben jeder alles machen könne (was so leider auch nicht stimmt, aber zumindest theoretisch sollte es so sein) und das hatte auch alles relativ harmlos angefangen mit selbstüberspielten Tapes auf meiner Schrottanlage. Ernster wurde es dann, als ich Simuinasiwo aus Karlsruhe kennen lernte, die damals ihre erste Scheibe aufnehmen wollten und ich mir in den Kopf setzte, dass das meine erste „richtige“ Veröffentlichung werden soll. Wenige Monate später stand die CD hier und ich war hoffnungslos verschuldet.
Ich bin in dieses ganze Label-Ding völlig ahnungslos hineingeschlittert, hatte mir da vorher auch keine größeren Gedanken darüber gemacht oder mich mal bei „erfahreren“ Leuten erkundigt. Einfach los und irgendwie wird`s schon klappen… Dementsprechend viel Lehrgeld habe ich in den ersten Jahren bezahlt und entsprechend viel ging am Anfang auch schief.

Den letzten Stand, den ich kenne ist, dass du halbtags einem geregelten Job nachgehst und dich ansonsten um das Label kümmerst. Kann man denn überhaupt von einem Label leben und siehst du aufgrund von Downloads eine schwarze Zukunft auch für kleinere Labels wie dich?
Der Stand ist immer noch aktuell, so mache ich das hier schon seit Jahren. Ich arbeite vormittags ganz regulär und kümmere mich nachmittags/abends um das Label und den Mailorder. Ich könnte von Twisted Chords nach dem momentanen Stand bei weitem nicht leben und würde es (meistens) auch gar nicht wollen… Grundsätzlich kann man aber sicher von einem Label leben bzw. schaffen das andere Leute ja auch. Ist halt immer die Frage, wie viele Kompromisse man gehen kann und will und wie weit man sich mit dem „Business“ einlassen will und muss. Natürlich gehe ich auch Kompromisse ein und natürlich kann ich auch nicht 100%ig alles durchziehen, was ich gerne würde, aber wenigstens muss ich mich mit möglichst wenig Kompromissen rumschlagen und nicht den halben Tag Dinge tun, auf die ich eigentlich keinen Bock habe.
Und dann ist bei vielen DIY-Punk-Labels halt die Frage, was man mit „davon leben können“ meint? Bei vielen ist das eher ein überleben als ein „davon leben können“. Vielen halten sich mit Mühe und Not über Wasser und das mag auch ein paar Jahre lang gehen / ganz cool sein, aber auf Dauer ist das für die allermeisten sicher nichts …
Downloads: ich glaube nicht, dass Downloads im Punkbereich sonderlich viel „Schaden“ anrichten – eher im Gegenteil. Der Musikindustrie bzw. den richtig grossen Indie-Labels mag das in Teilen vielleicht schaden (was mir aber ziemlich egal ist….), bei den Auflagen, die ich produziere und dem Publikum was hier kauft (Stichwort Vinyl….) denke ich, dass es nicht wirklich einen Schaden anrichtet. An und für sich sind Downloads eine prima Geschichte (wenn man Musik vom Rechner mag – mein Ding ist das nicht!) und an sich ist das auch nichts anderes als Tapes zu überspielen in früheren Zeiten.

Ich selbst mag Platten lieber als CD‘s. Merke jedoch, dass ich aus verschiedenen Gründen immer öfter schnell mal eine CD einlege, anstatt die Nadel aufzulegen. Wie stehst du zu den zwei Formaten, da du beide produzierst?
Grundsätzlich mag ich Vinyl auch viel lieber und veröffentliche auch lieber Vinyl. Vinyl ist einfach schöner, das Cover sieht besser aus, artworkmäßig kann man mehr machen und irgendwie ist es in meiner Wahrnehmung nicht ganz so sehr ein „seelenloses Konsumprodukt“ wie eine CD. Wobei das natürlich eigentlich auch idealisierender Quatsch ist, letztlich kann man auch CD`s liebevoll und gut aufmachen, nur geben sich die wenigsten so viel Mühe. CD`s sind natürlich praktischer, problemloser und ich ertappe mich gerade beim Arbeiten auch dabei, dass ich manchmal eher eine CD als Vinyl auflege, aber das liegt dann halt eher an der stressigen Situation und weniger an einer Vorliebe für das Format.
Punktum: vorziehen (sowohl als Käufer als auch als Produzent) würde ich immer Vinyl und wenn CD`s, dann wenigstens mit dem Versuch sie gut aussehen zu lassen und was besonderes daraus zu machen.

Wie kommen Bands auf das Label. Schicken viele Combos ihre Demos, oder suchst du gezielt nach Bands?
Über Demos zuschicken ist gerade mal eine einzige in den letzten 10 Jahren auf Twisted Chords gelandet (wer wissen will welche, muss das Booklet zum „Revolution is just a heartbeat away“ CD-Sampler lesen…), in der Regel suche ich mir die Bands schon selbst aus bzw. mache mir Gedanken, was passen könnte und spreche dann die entsprechenden Bands an. Demos zuschicken läuft hier in dieser Form also kaum, viel öfter kommt es schon vor, dass ich eine Band live sehe und sie gut finde oder mir einfach auf Verdacht eine Platte von der Band kaufe, sie so gut finde, dass ich sie anspreche oder eben von Freunden was empfohlen bekomme.
Bevor das zu negativ klingt: an sich ist dieses Demo zuschicken keine schlechte Sache, wenn sich die Leute vorher Gedanken machen, ob ihre Band denn überhaupt auf das angeschriebene Label passt. Das machen die meisten aber nicht und deshalb bekomme ich hier stapelweise uninspirierte Scheisse mit grottenschlechten Promo-Anschreiben zugeschickt, die einfach völlig an dem vorbeigehen, was ich hier mache und wofür Twisted Chords steht.

Bei dir ist die Band „Guerilla“ auf dem Label. Kannst du was über folgendes Gerücht sagen: Die Band spielt live nur vermummt, weil der Verfassungsschutz vermutet zwei Mitglieder seien brutale Nazijäger und schleust sich auf deren Konzerte ein, weil es von besagten Personen keine Bilder gibt. Ist das ein cooler PR-Gag oder was ist davon zu halten?
„Wenn die Leute sich nicht mehr das Maul zerreisen können, gibt`s nichts mehr zu reden“ [Else Kling].

O.k., verstanden. Ist das aber nicht ein bisschen arg prollig? Zudem wenn man bedenkt wie in der Linken – zumindest bei uns in der Gegend – das „Mackertum“ wiedert thematisiert wird?
Keine Ahnung, ist es prollig, wenn Kiss oder die Misfits und wie sie alle heißen komplett unkenntlich auftreten? Natürlich ist das interpretierbar wenn Du vermummt oder unkenntlich auftrittst, aber liegt darin nicht auch ein gewisser Reiz und muss das zwangsläufig immer prollig sein? Ich finde nicht, um prollig rüber zu kommen, gehört einiges mehr dazu und wer sich bei Guerilla auch nur ein bisschen mit den Texten, den Ansagen, dem Auftreten der Band und den Leute beschäftigt, der kann wohl kaum von Prolltum sprechen.

Die Skandinavier Rifu sind von dir zu dem größeren Indielabel „Go Kart“ gewechselt. Wird seitdem die bei dir erschienene „Dead End Street“ besser verkauft?
Mit Rifu hatte ich sogar zwei Platten gemacht, das Debut „Revolutionary tango (the slavery dance)“ und „Dead end street“, danach entschloss sich die Band zu Go-Kart zu wechseln. Die Gründe waren relativ vielfältig, Hauptgrund war einfach, dass Go-Kart finanziell wesentlich mehr bieten konnte (nicht unbedingt für die Mitglieder, aber ich hätte beispielsweise das Studio für einen neuen Longplayer nicht vollständig bezahlen können, weil die Band unbedingt in Norwegen aufnehmen wollte und das dort wesentlich teurer ist als hier!) als ich. Bei Go-Kart ist bislang eine MCD und ein Longplayer erschienen, die ich beide nicht gerade gelungen finde und in so fern ist es auch nicht sooo schlimm, dass sie sich für ein anderes Label entschieden haben.
Die beiden Scheiben haben sich auch vorher schon recht gut verkauft und laufen durch die beiden Releases auf Go-Kart nicht besser oder schlechter als vorher. Ich denke auch nicht, dass die Band jetzt unbedingt mehr Leute erreicht oder so viel größer geworden ist, auf den letzten Touren waren nicht mehr Leute und ob sie von den neuen Platten mehr verkaufen, weiß ich nicht.

Vor zwei bis drei Jahren hast sowohl du als auch Kleister sich mit der spanischen Anarcho-Legende Sin Dios überworfen. Was genau fiel damals vor?
Es ist schwierig das in ein paar Worten zu sagen und ehrlich gesagt, ist mir das Thema inzwischen auch ein bisschen zuwider. Außerdem ließen sich damit inzwischen Bücher füllen, ich versuch`s mal in der Kurzform: Sin Dios hatten damals eine Platte aufgenommen, die ursprünglich in Deutschland auf Skuld erscheinen sollte. Als CD war sie schon vorher in Spanien erschienen. Darauf gibt es einen Text, der auf diesen Palästina – Israel Konflikt eingeht, und zwar in einer Art und Weise, die ich so einfach nicht gut finden kann. Verkürzt gesagt geht es darum, dass Sin Dios nicht den Staat Israel kritisieren, sondern die ganze Zeit von „den Juden“ sprechen. Der Refrain von dem Song lautet „Juden sind Kindermörder“. In der anschliessenden Diskussion stellte sich heraus, dass sie da völlig unreflektiert mit umgehen und sich selbst relativ wenig Gedanken machten. Politisch war das einfach nicht das, was ich verantworten und somit auch rausbringen kann. Es gab dann eine Diskussion mit Sin Dios, teilweise sogar mit Übersetzern wegen der Sprachbarrieren und da sind sie sehr schnell auf ein Level gegangen, welches in persönlichen Angriffen gegen Leute mündete, die sie zeitweise sehr schätzten und die auch die Touren mit ihnen gefahren sind und lange mit ihnen gearbeitet haben. Nicht nur gegenüber mir, sondern auch gegenüber Kleister von Skuld oder Daniel von Tofu Guerilla und ein paar anderen Leuten. Daher war die Platte zum einen inhaltlich nicht zu verantworten, zum anderen war es menschlich total daneben, was von ihrer Seite lief und insofern hatte sich das Thema „Sin Dios“ dann relativ schnell erledigt für mich.

Als eigentliches Punklabel hast du auch das Debut von Polit-Rapper Chaoze One veröffentlicht. Wie wurde darauf in der Szenewelt reagiert? Vor allem stelle ich mir den Vertrieb der Scheibe als relativ schwierig vor, da du sicherlich nicht so viele Kontakte in die Richtung hast.
Grundsätzlich vielleicht mal: ich habe Twisted Chords nie als reines Punk-Label verstanden. Das Ding ist mehr oder minder mein Ego-Film und natürlich bildet Punkrock/Hardcore die Grundlage für fast alles, was ich da so mache. Das schließt aber nicht aus, dass da eben auch ganz andere Sachen erscheinen können, sei das Ska mit Ya Basta oder eben HipHop mit Chaoze One oder was weiss ich was da noch so kommen wird in Zukunft.
Die Reaktionen auf Chaoze One waren – entgegen meinen Erwartungen – von Anfang an sehr gut, das liegt aber eben auch daran, dass Chaoze sehr viel in selbstverwalteten Läden spielt und es damit automatisch eine Schnittmenge mit Punkrock/der Punk Szene gibt und zum anderen daran, dass er textlich einfach eine Menge zu sagen hat und damit natürlich auch Leute aus der Punk-Szene erreicht. Finde ich auch super so, das ist eigentlich genau das, was ich mir von Anfang an erhofft hatte. Einigender Punkt sind eben nicht bunte Haare oder ein gewisser Sound, sondern immer noch, ob ich auf jeden klarkomme oder nicht.

Welche „deiner“ Bands ist die am Unterbewerteste?
Keine Ahnung, kann ich so nicht sagen. Es gibt ein paar Sachen bei denen ich denke, dass da mehr hätte gehen können/müssen, aber unterbewertet…? Wer bestimmt das oder wer legt das fest? Letztlich kannst Du als Label und vor allem als Band relativ viel beeinflussen, wenn sich eine Band den Arsch abtourt und gut ist, wird sie auch wahrgenommen, wenn ein Label richtig gut arbeitet und sich viel kümmert (was man jetzt nicht mit vielen Promos und fetten Anzeigen verwechseln sollte!), kommt das Zeug auch irgendwie rum und in letzter Konsequenz entscheidet halt der Hörer, was er jetzt richtig gut findet oder nicht.
Eine Band, die ich vielleicht am Ehesten als „unterbewertet“ bezeichnen würde, sind Lütten. Das ist nicht mal wirklich eine Band, sondern mehr ein Projekt und bis heute haben sie noch kein einziges Live-Konzert gespielt, aber halt eine wunderbare 5-Song-12“ aufgenommen, die ich persönlich ganz gross finde und die eigentlich optisch, inhaltlich und textlich absolut Maßstäbe setzen müsste. Aber so was ich halt immer subjektiv und da draußen darf das jeder gerne anders sehen…

Was für Sachen sind geplant und stehen in den Startlöchern?
Da gibt`s noch einiges dieses Jahr, los geht`s erstmal mit dem 10 Jahre Twisted Chords Jubiläums-CD-Sampler „Revolution is just a heartbeat away“, der Anfang September erscheint, einen Song aus den allermeisten TC-Veröffentlichungen beinhaltet und dazu noch die komplette Labelgeschichte aus meiner subjektiven Sicht erzählt. Das Ding kommt als Digipack mit fettem Booklet und wird für ganz billig in den Läden stehen. Dann kommen im Laufe des Jahres noch die Amen 81 Doppel-LP „Corpus Christi“, eine Diskographie der frühen Amen 81-Sachen mit der „Tasmanien“-LP, der „s/t“ 7“, der „Stadtfeind“-10“ und einigen Songs des Corpus Christi-Tapes (Amen 81-Vorgänger).
Weiter geht`s mit der neuen Guerilla (M) CD „Zona antifascista“, der neuen Chaoze One CD/LP „Gegensätze“ und schlußendlich wollen noch Inner Conflict ins Studio und ihre neue Scheibe einspielen. Das ist schon mehr als genug und so ganz nebenbei habe ich noch einige andere Projekte im Kopf, über die aber erstmal nicht mehr verraten wird….

Amen 81 haben mit ihrer neuen Platte „The Hit Pit“ ganz schön für Wirbel gesorgt. In einem Interview im Plastic Bomb werden sie in die Antideutsche Ecke gedrängt und unglücklicherweise oft ziemlich doof kommentiert, weil der Autor sich nicht die Zeit nahm alles genau zu klären. Hast du den Artikel gelesen und wie stehst du dazu?
Den Artikel habe ich gelesen und finde ihn beschissen. Ich weiß auch absolut nicht, warum sich anhand dieser zwei Songs oder dieses Interviews das ganze Thema plötzlich wieder entzündet und warum man das so breit treten muss. Um ehrlich zu sein bin ich der ganzen Diskussion ziemlich leid und hatte eigentlich den Eindruck, dass diese ganze gruselige Geschichte um „Antideutsche vs. Antiimps“ in den letzten Monaten eher wieder abgeklungen war. Nun kocht das alles wieder hoch anhand von zwei missverstandenen Songs und eines Interviews auf das beide Seiten nicht so richtig Bock hatten, das ist – gelinde gesagt – sehr unglücklich und deshalb sehe ich auch gar keine Notwendigkeit mich dazu zu positionieren und meinen Senf abzugeben. Ich habe mich zu der Debatte immer dann geäußert, wenn ich es für notwendig gehalten habe (eben zum Beispiel im Zusammenhang mit der Diskussion um Sin Dios) und das sollte auch reichen.

Eine Frage, die einem Labelmacher sicherlich immer gestellt wird: Welche Scheibe aus deinem Programm ist dein heimlicher Favorit und welche würdest du nie wieder machen?
Ganz ehrliche Antwort: die gib`s nicht. Einen Favoriten habe ich wirklich nicht, es gibt eine Menge Sachen die ich saugeil finde und bei denen ich auf das Zusammenspiel aus Text, Musik, Artwork usw. verdammt stolz bin und es gibt Sachen, bei denen du mit einem gewissen Abstand halt denkst, das und das wäre auch anders gegangen. Aber es gibt keinen Favoriten und es gibt auch keine Scheibe, die ich nicht mehr machen würde. Das Label war schon immer ein bisschen mein Ego-Ding und jede Veröffentlichung hatte zu ihrer Zeit ihre Berechtigung und deshalb bereue ich davon auch nichts – was nicht heisst, dass ich das heute noch alles gut finden oder nachvollziehen muss. Und ansonsten sei noch mal auf das Booklet des „Revolution is just a heartbeat away“-Samplers verwiesen, da habe ich relativ viel dazu geschrieben und da gibt`s auch ein paar Worte zu den Frühwerken….

Was außer dem eigenen Programm findet man in letzter Zeit bei dir im CD-Player oder auf dem Plattenspieler?
Nur so am Rande: mein eigenes Programm läuft bei mir eher selten, ich kann viele der Sachen nach VÖ nicht mehr hören, weil da einfach zu viel eigene Ideen und zu viel Herzblut drinhängt…. Naja, eine Band wird sich auch kaum ihre eigene Platte ständig anhören.
Meine Playlist ändert sich eigentlich täglich, aber Stand heute (Hochsommer 06) fallen mir spontan die neue Poison Idea LP, die Amen 81 „Hitpit“, die neue Los Fastidios, Mönster „Arms“, die neue I walk the line LP, aber eben auch die Angels & Airwaves CD ein. Wie geschrieben, morgen sieht`s wieder anders aus und das, was ich mir persönlich anhöre, kann schon recht weit gefächert sein.

Twisted Chords gibt‘s nun schon 10 Jahre. Dazu wird es wohl eine gebührende Party geben? Wann findet die denn statt? Vor allem aber auch wo, da seit einiger Zeit die EX-Steffi geräumt ist? Ist eigentlich ein neues Projekt in Sicht?
Zum Jubiläum wird es dieses Jahr einige Aktivitäten geben, neben dem schon erwähnten CD-Sampler gibt es im September/Oktober eine Tour mit Guerilla, Chaoze One und Lütten (zum allerersten mal überhaupt live!!) und zwei Partys/Festivals in Karlsruhe. Die erste im Rahmen der Tour am 02.10. im Gotec (im Rahmen der diesjährigen „Einheizfeier“) und die zweite als Abschluss der „10 Jahres Partys“ am 08.12. im JUZ Südstadt Karlsruhe, 20 Uhr mit Inner Conflict und Ahead to the sea (ex-Across the Border).
In der Ex-Steffi hätte ich das natürlich liebend gerne noch gefeiert, dafür ist die Geschichte von Twisted Chords (und auch meine ganz persönliche…) viel zu eng verbunden mit dem Laden. Leider kamen dem aber einige Hundertschaften Polizei zuvor und entsprechend werden wir uns irgendeine Ausweichlocation suchen müssen.
Zum aktuellen Stand: ein direktes Ersatzobjekt ist erstmal nicht in Sicht, es gibt aber verschiedene Überlegungen und Projekte. Das Konkreteste dürfte im Moment die „Initiative Kussmaulstrasse“ sein, die zusammen mit vielen anderen Gruppen, Einzelpersonen und Unternehmen einen Gebäudekomplex in der Kussmaulstrasse kaufen und sowohl als Wohn-als auch als Veranstaltungs-/Gewerberaum nutzen möchte. Dazu ist aber vorher noch einiges an Arbeit nötig, neben Dingen wie Finanzierung, Kauf etc. muss auch noch eine „Umnutzung“ des dortigen Geländes durch den Gemeinderat. Bis dahin bleiben erstmal die wenigen verbliebenen Läden in Karlsruhe, was momentan leider nicht gerade viel ist….

Wirst du auch weiterhin hier und da ein Konzert organisieren? Was gibt es denn jetzt in Karlsruhe an möglichen Orten?
Ja, nach längerem bin ich auch wieder an Konzerten beteiligt. Allerdings nicht als Twisted Chords, sondern zusammen mit einigen anderen Leuten unter dem Namen [less talk more rock]. Entstanden ist die Veranstaltungsgruppe nach der Räumung der Ex-Steffi und inzwischen gab es auch schon die ersten Konzerte mit Amen 81, Driving the salt, Krautbomber, Deny Everything und Lost Again. Das steckt zwar noch alles in den Kinderschuhen, aber entwickelt sich richtig gut und macht auch riesen Spass im Moment. Die Situation in Karlsruhe hat sich durch die Ex-Steffi-Räumung natürlich rapide verschlechtert, außerdem hatte ein Jahr vorher schon der „Schlachthof“ zugemacht, viel bleibt uns also nicht mehr. Unsere ersten Veranstaltungen waren jetzt im Gotec, einem Veranstaltungsraum etwas außerhalb im Rheinhafen. Außerdem gibt`s noch das AKK an der Uni und ein paar Kneipen und Juzes in denen grundsätzlich was möglich sein sollte, aber so richtig rosig ist die Situation natürlich nicht. Wir werden in jedem Falle noch ein paar Läden ausprobieren und dann schauen wir einfach mal was noch geht und wie sich das alles entwickelt.

Was bedeutet eigentlich der Untertitel „more than Music“ genau?
Zum einen ist das natürlich geklaut aus dem uralten Slogan „Hardcore is more than music“, den ich auch heute noch sehr cool und treffend finde (oder vielleicht heute sogar mehr denn je…), zum anderen soll es einfach klarmachen, dass Twisted Chords nicht eines von vielen Labels ist, sondern dass es hier einfach um mehr als „nur“ um Musik geht. Klar veröffentlicht ein Label in erster Linie Musik, aber ich finde, dass man über die Art und Weise wie man arbeitet, über Vertriebswege, Promo-und Anzeigenschaltungen, Preispolitik etc. sich eben durchaus aus der Masse absetzen kann oder zeigen kann, dass es auch anders geht.

Zum Schluss zieh doch mal für die Leser ein kurzes Fazit zu zehn Jahren Label und Twisted Chords.
Puh, in den 10 Jahren steckt einfach viel zu viel drin um das in ein kurzes Fazit zu packen geht kaum. Und da gibt`s so viele Seiten und Facetten, das wäre wieder was für ein Buch…. Auf der positiven Seite steht auf jeden Fall, dass ich unglaublich viele nette Leute kennen-und schätzen gelernt habe durch das Label, dass ich mit jeder Menge toller Bands arbeiten durfte und an vielen Sachen beteiligt war, die mir richtig viel bedeuten. Und das ist für den Moment auch höchstens ein Zwischenfazit: da geht noch was! In diesem Sinne….

Wenn jemand heutzutage ein Label gründen würde, um davon leben zu können,
was würdest du der Person sagen, wenn sie dich nach deiner Meinung fragt?
Keine Ahnung, das würde sicher auch von der Person abhängen, ob ich der das zutraue oder nicht. Für so was gibt es sicherlich auch kein Patentrezept. Um mit einem Label wirklich „durchstarten“ zu können, musst Du auf jeden Fall bereit sein viele Kompromisse zu gehen und nach den Businessregeln zu spielen. Beides Dinge, die mir nicht wirklich liegen…. Und mit Sicherheitdarfst Du nicht ohne jede Erfahrung und ohne jedes Wissen loslegen. Ich habe mal gelesen, was verschiedene Inhaber von größeren Labels vorher so gemacht haben und der Großteil dieser Leute war halt in der einen oder anderen Form schon in dem „Business“ drin und hat dementsprechend Kenntnisse.
Und ansonsten gilt das, was eigentlich für alles gilt: wenn es keinHerzensding ist, wird es auch nicht funktionieren.

So, wer jetzt noch nicht den Mut verloren hat ein eigenes Label zu gründen, der/die sollte das vielleicht doch in Erwägung ziehen. Natürlich mit den besten Wünschen von mir und lasst davon hören.
Außerdem steht beim Erscheinen dieses kleinen Schmierblattes noch die zweite Twisted Chords Feier in den Startlöchern. Vergesst das nicht und taucht dort auf!
Bocky

www.twisted-chords.de/



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