Who The Fuck Is … Jan Off?

| Januar 22nd, 2007

Nun, eine Quelle besagt folgendes:
Sir Jan Off
Geboren im Jahr des Herrn 1967 in Craiova, Bulgarien;
Studium der Mikrochirurgie und der Strahlenphysik; danach Holzfällerlehre und dreijähriger Aufenthalt in einem Lungensanatorium an der Schwarzmeerküste.
1991 Umzug nach Deutschland.
1994 als „Volksschädling“ zu drei Jahren verschärfter Zwangsarbeit in den Kaliminen Südostniedersachsens verurteilt. 1996 vorzeitige Entlassung.
Zur Zeit Importeur abgehalfterter amerikanischer Semiprominenter; nebenbei als Leprakranker bei Hochzeiten und Familienfeiern tätig.
Mitglied der kulturbolschewistischen Internationale.
Mitglied des Vereinsvorstand von Traktor Tscheljabinsk.
Eine andere Quelle jenes:
Sir Jan Off, geboren im Jahr des Herrn 1967 in Braunschweig. Minigolfprofi, Hobbyastronaut und Sonderbotschafter des Vereins „Rettet die Hausfrauenlyrik“, Mitglied der kulturbolschewistischen Internationale, National Slam Champion 2000, Gewinner des German Grand Slam 2001. Mehr als 300 Auftritte in der gesamten Republik, der Schweiz, Österreich, Tschechien und den Niederlanden. Traktor Tscheljabinsk-Anhänger.
Gesichert scheint also lediglich, dass es sich um ein Mitglied des britischen Adels handelt, das 1967 geboren wurde, sowie ein Faible für die kulturbolschewistische Internationale und Traktor Tscheljabinsk hat.
Tatsächlich bekannt geworden ist Jan Off allerdings (zumindest in einschlägigen Kreisen) durch seinen Roman „Vorkriegsjugend“, nach dessen Lektüre ich auch neugierig auf seine anderen bisher erschienen Werke wurde. Zumal Rezensenten ihn und seine Bücher als „Wort-Rowdy“, „Bulldozer der deutschen Underground-Literatur“, „Hohepriester des schlechten Geschmacks“, „Anti-Teipel“ und „wild trash at its best“ charakterisierten.
Kurzerhand organisierte ich Ende 2004 praktischerweise und nicht ganz uneigennützig also eine Lesung in der Mannheimer Kneipe Blau und lernte Jan Off als sehr sympathischen und amüsanten Menschen kennen und schätzen, mit dem man sowohl im persönlichen Kontakt, oder auch nur durch den Genuss seiner Veröffentlichungen einen Arsch voll Spaß haben kann.
Aus diesem Grund hier eine kurze Werkschau des (wie er sich selbst nennt) Schriftschaffenden Jan Off.

Vorkriegsjugend – 200 Gramm Punkrock
(Taschenbuch, Ventil Verlag, 155 Seiten, 9,90 Euro)
Wer nach Teipels Doku-Roman „Verschwende Deine Jugend“ die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen hat, weil er dachte, dass Punkrock jetzt endgültig im Soziologen-Seminar angekommen ist, der kann mit „Vorkriegsjugend“ zum Glück eines Besseren belehrt werden. Hier wird nicht über Punk doziert, hier wird Punk gelebt. Jan Off erzählt in seinem unnachahmlichen Schreibstil und erfreulich humorvoll, scheißegal ob autobiographisch oder nicht, in fast beängstigender Nähe die Karriere eines kleinen Nachwuchspunks Anfang der Achtziger vom Bierdosenschlepper und Kippenautomat für die Punker vom Springbrunnen am Lesepavillion hin zum harten Schlagzeuger der Punkband „Der Chef Hat Vier Eier“. Auf dem steinigen Weg dahin durchlebt Ich-Erzähler Fleisch zusammen mit seinen Freunden und Weggefährten Achmed Vornefett, Properski und Melzer alles und noch viel mehr was einem auf 150 Seiten jugendlichem Punkrock in die Quere kommen kann: Konzerte im Vollsuff und dabei noch auf’s Maul bekommen, Dorfdisco, Faschoalarm, Drogenräusche, der erste Fick, Stress mit den Eltern, Destroy-Parties, Frisurprobleme, Sprayaktionen, Outfit-Fragen und so weiter und so fort. Episodenhaft serviert Off in seinem Roman einzelne Stationen und haarsträubende Geschichten im exzessiven Punkerleben mit Sicherheitsnadel aber ohne Sprungtuch, die einen aber doch verdächtig oft an die eigene Jugend denken lassen. Und sei es allein durch die Erwähnung von irgendwelchen Bands, Biersorten oder Mercedessternen. „Vorkriegsjugend“ ist ein schonungsloses Auf und Ab, immer hart an der Grenze und im Bewusstsein „Heute ein König, morgen ein Arschloch!“ Ein Buch wie ein Déja-vu!!! Und absolut empfehlenswert!!!
Passend dazu:

Vorkriegsjugend – 200 Gramm Punkrock
(Hörbuch, Ventil Verlag, 72 Minuten, 9,90 Euro)
Oben beschriebener Roman gibt es seit einiger Zeit auch als schön aufgemachtes Hörbuch im Digi-Pack. Wenn man Jan Off nicht kennt, erschreckt man anfangs ein bisschen, weil man bei der Stimme eher an einen Märchenonkel denkt als an einen Punkrocker. Aber das ist schließlich bei jedem Hörbuch so. Man gewöhnt sich schnell daran und lehnt sich dann mit einem frisch aufgerissenen Bier gemütlich zurück und lässt sich was erzählen. Sehr relaxend und erheiternd. Auf der CD befinden sich fünf Kapitel aus dem Roman, allesamt aus der ersten Hälfte des Buches. Wer wissen will, wie’s weiter und aus geht, muss aber dann schon das Buch lesen. Dafür gibt es als Bonustrack die Story „Treppenhausparty“, die 2001 bei einer Lesung in Braunschweig live mitgeschnitten wurde. Sehr geile Sache und wegen der Live-Atmosphäre natürlich das große Highlight des Hörbuchs. Abgefahrene Story und wirklich ein Flashback für jeden, der Jan Off mal bei einer Lesung oder sonst irgendwo erlebt hat. Allein für „Treppenhausparty“ lohnt sich die Anschaffung der CD, ganz besonders für Menschen, die sich nicht so gut mit Nachbarn, Bullen und Hobbyzuhältern verstehen. Mehr sei hier mal nicht verraten.
Ausschuss
(Taschenbuch, Lautsprecher Verlag, 231 Seiten, 15,90 Euro)
Wer kennt es nicht, das Gefühl, ein bestimmtes Ziel immer dicht vor Augen zu haben, obwohl es sich stets und unaufhörlich weiter weg entfernt und schließlich in einer Katastrophe endet. Oder den Spruch: „Gestern standen wir am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter“? Obwohl ich den Film nicht kenne und auch gar nicht weiß worum es geht, aber so stelle ich mir persönlich einen „Fahrstuhl zum Schafott“ vor. Wie fast immer bei Jan Off geht es auch in diesem Roman um die Außenseiter der Gesellschaft: Um Krüppel, Drogendealer, Junkies, Kleinkriminelle, Alkoholiker, Wohlstandsverwahrloste, Tagediebe, Sexarbeiterinnen, Ghettobewohner und andere Verlierer. Den Ausschuss eben. Der Handlungsort ist nicht genau definiert, Orts-, Straßen- und Personennamen geben keinen Aufschluss, da sie mal auf Osteuropa, dann aber auch auf Deutschland oder Nordamerika, aber auch Spanien schließen lassen. Zeitlich spielt „Ausschuss“ aber wohl in der jüngsten Vergangenheit. Anhand der drei Hauptpersonen, deren Schicksale auf tragische Weise miteinander verwoben sind, obwohl sie sich kaum kennen, beschreibt Off eine Reise ins absolute Chaos ohne Aussicht auf ein Happy End. Alle drei befinden sich auf einer schier endlosen Suche nach Erfüllung, sei es nach Sex, Geld oder Drogen. Die junge Irina lebt mit ihrer mehr als kaputten Familie am äußersten Ghettorand auf einem Schrottplatz. Sie arbeitet bei einem Schnellfreß und schmeißt ansonsten so viele Trips wie möglich. Immer auf der Flucht vor der grausamen Wirklichkeit. Burkhard hat gerade angefangen zu studieren, bekommt aber wegen seiner exzessiven Sauferei rein gar nix gebacken, fabuliert stets etwas von wegen Outlaw, nennt sich selbst gerne „Torpedo“ und ist völlig sexbesessen, bekommt in entscheidenden Momenten aber keinen hoch. Leider verliebt er sich. Krupp ist der Ich-Erzähler. Er ist knapp 50, beinamputiert und bewegt sich auf einem Rollbrett fort. Seine Sozialhilfe frischt er mit florierendem, aber keineswegs problemlosem Drogenhandel auf. Nebenbei hat er gute Kontakte zur heimischen Mafia und zu netten Nutten. Alles in allem dürfte somit klar sein, dass „Ausschuss“ kein Kindergeburtstag ist. 80 Kapitel lang, in denen sich die drei Erzählstränge nur selten überschneiden bevor es zum großen Shootdown kommt, kann man sich mal wieder am Offschen Sprachwitz und seinem Hang zum Derben erfreuen. Würde mich nicht wundern wenn er in jahrelangen Selbstversuchen und lokalen Sozialstudien Feldforschung betrieben hätte. Ich kenne keinen anderen Roman, in dem so viel geraucht, gesoffen und gedrogt wird wie in „Ausschuss“, nicht einmal in den anderen Werken von Trash-Meister Jan Off himself. Und das will was heißen. Mein Tipp: Vor dem Lesen eine Stange Kippen und eine Palette Bier bereit stellen!!

Noch was:
Zwar war es bei einigen Internetanbietern schon für 2005 angekündigt, aber es wird wohl noch bis April 2006 dauern, bis es auch zu diesem Roman ein Hörbuch, bestehend aus zwei CDs, geben wird. Gesprochen wieder von Jan Off selbst und mit 2,5 Stunden Dauer darf man sich also schon mal auf nächste Ostern freuen.

Hanoi Hooligans
(Taschenbuch, Ventil Verlag, 142 Seiten, 9,66 Euro)
Diesmal kein Roman, sondern ein Band mit Kurzgeschichten und Gedichten. Zugegeben die Gedichte hätte man sich bis auf 2 oder 3 Ausnahmen sparen können und Herr Off ist es heute auch überhaupt nicht mehr so recht, dass sie damals mit ins Buch gepackt wurden. Der National Slam Champion 2000 sähe es viel lieber, wenn das Buch statt dessen 20 Seiten dünner wäre, er ist selbst kein großer Fan seiner Lyrik, aber der Verlag wollte es damals so. Und er war jung und brauchte das Geld. Was will man machen. Dafür haben es die hier abgedruckten Offschen Kurzgeschichten mal wieder in sich. Ständig am Rande des guten Geschmacks und der Appetitlichkeit, aber dafür stets auf sämtlichen verfügbaren Drogen beschäftigt sich Jan Off mal wieder mit den Randfiguren der Gesellschaft, aber auch mit alten Bekannten. Sex, Alkohol, Drogen, Literaturbetrieb, schlechte Kindheitserfahrungen, durchgeknallte Typen und Szenerien wie sie einem beispielsweise nachts um halb fünf in der Hafenkneipe begegnen. Das ist der Stoff aus dem Off seine Werke spinnt. Also Situationen, die jeder von uns kennt, aber wohl auch gerne wieder vergisst, sobald man sie fünf Meter hinter sich gelassen hat. Entweder kann Off nicht vergessen oder er hat eine sehr lebhafte Phantasie. Oder beides. Egal. Jedenfalls offenbaren sich in „Hanoi Hooligans“ haarsträubende Kurzgeschichten, in denen sich unaussprechliche Orgien, kaum zu glaubender Drogenkonsum und menschliche Perversionen die Hand geben, aber auch gerne mal zu dritt eine Runde Skat klopfen. Menschen mit einem Faible für menschliche Absonderheiten und einer Abneigung zu Blümchensex sollten dieses Buch gelesen haben. Mauerblümchen, die diese gewisse Art von Humor nicht haben, empfehle ich auch weiterhin „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ von Mark Twain. Allen zusammen wünsche ich viel Spaß beim Lesen.

Außerdem erschien ebenfalls im Ventil Verlag der Kurzgeschichten-Band „Köfte“. Dieser ist allerdings bereits vergriffen und im Buchhandel also auch nicht mehr erhältlich. Einzige Hoffnung wäre vielleicht, dass einige fehlgeleitete Schafe, ihre kostbare Habe im Internet verschachern wollen. Interessenten könnten also mal bei Ebay oder über Amazon ihr Glück versuchen. Ich selbst hoffe ja immer noch auf eine andere Quelle.

Mittlerweile wurden für meine Sendung „Music For Obnoxious People“ für das freie Radio Bermudafunk drei 60-minütige Shows mit Jan Off als Gast produziert. Wobei die Musik mal wieder eher im Hintergrund steht, aber dafür mächtig viel dummes Gequassel und Klugscheißereien zu hören sind. Wer sich für Mitschnitte oder nähere Informationen dazu interessiert, kann sich gerne mit mir in Verbindung setzen. Ansonsten: Hört die Stimme aus dem Off und lest seine Bücher!!!
Oliver Obnoxious



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