Reviews 2

| Januar 1st, 2006

Dead Man’s Shadows – The 4P’s
(CD, Captain OI!)
Von dem Londoner Suburbs Trio habe ich vorher noch nichts gehört. Wahrscheinlich weil es die Kapelle nur bis irgendwann 1984 gab. O.k. Crass kennt auch jeder, aber das ist auch ne ganz andere Nummer. Davon abgesehen haben es die drei Jungs aus Stanwell auch nur auf zwei Alben gebracht. Jene welche hier ist die erste und meint mit den vier P’s: Pride, Pacifism, Passion, Perseverance. Quasi ne hippiesk angehauchte Punkband. Musikalisch jedoch merkt man davon gar nichts. Man hält sich an den damals bevorzugt rauen Sound und bleibt im Midtempo-Bereich. Meiner Einschätzung nach hätten sie die schnellere Variante mal versuchen sollen. Wahrscheinlich würde man sie dann heute neben GBH, Exploited oder Discharge nennen. Wie dem auch sei, unter den 13 Bonustracks findet man sowohl die erste als auch letzte Single. Die Einführung in die Band macht Mick Mercer vom damaligen Plastic Bomb Melody Maker. Bocky

DEMENTED ARE GO – Hellbilly Storm
(CD, People Like You)
Seit 1982 gibt es die Band von der Insel. Nach diversen Auflösungen, Reunions und Gefängnisaufenthalten jetzt ein neues Album. Was soll ich zu einer Psychobilly-, Horrorpunk-Mischung diesen Kalibers sagen, außer dass die Bandmitglieder diese Extreme leben bzw. gelebt haben. Die Musik ist besonders, deshalb kann ich nur jedem Leser nahe legen, mal rein zu hören, ob diese Spielart des Punk’n’Roll etwas für ihn ist. Die alten Hasen kennen es eh schon. Richard

DISTEMPER – Ska Moscow Punk
(PicLP, An’na Nadel / Wanda Records)
Der Titel verrät fast alles. Ska mit einem guten Schuss Punk/HC, der mich etwas an die Mighty Mighty Bosstones erinnert. Die Band kommt aus Moskau und der Sänger muss seit seinem zwölften Lebensjahr durchgesoffen haben, um ein so rauhes Organ zu entwickeln. Die Picture Disc sieht klasse aus, Tourplakat und deutsches Textblatt sind dabei. Live waren sie grandios, auf diesem Tonträger sind sie super. Mein bester Tonträger der Ausgabe. Richard

ELEKTRO-GÜNTHER – s/t
(Mini-CD, Øndverlag Abt. Geräusch)
Der Begriff Mini-CD ist hier doppelt angebracht. Der Tonträger hat elegante acht cm Durchmesser, praktisch die 10“ unter den CDs, und präsentiert dem entrückten Hörer vier Stücke, welche alle 2003 beim Unter-den-Brücken-Festival in Ludwigshafen bei Mannheim aufgenommen wurden. Die Soundqualität ist beachtlich, da es sich um eine Mischpultaufnahme handelt, und Elektro-Günther waren an diesem Abend in entmenschlichter Bestform. Neben dem Elvis-Cover „Love Me Tender“, von welchem erfreulicherweise nur der Text übernom­men und die Musik neu geschrieben wurde, befindet sich auf dieser CD auch das epochale „Evil“, der erste Dancehall-Hit für eingefleischte Nichttänzer. Wayne Schlegel

The Exploited – Complete Punk Singles Collection
(CD, Captain OI!)
Dass das nicht der Wahrheit entspricht kann sich jeder denken. Zeitlich gehen die Songs nur bis ins Jahre 1988. Wieso dieser Titel gewählt wurde ist wohl ein Rätsel bzw. soll wohl ein Verkaufstrick sein, oder zuletzt will man sich auf die Zeit beziehen, in der die Schotten noch wirklich Punk gemacht haben. Mir sei es egal, aber nicht weil ich die Band wie viele andere nicht mag, sondern weil es mich schlicht nicht interessiert. Was mich an der Band interessiert ist in der Tat die Zeit bis kurz vor 1988. Da bollerten die Jungs aus Glasgow so richtig guten, hässlichen, rotzigen Punk aus den Boxen und der Metaleinschlag kam erst später. Somit sind auf dem Silberling alle meine persönlichen Hits der Band drauf und ein paar mehr, die ich nicht kenne. Also genau das Richtige. Bocky

THEE FLANDERS – Back From Hell
(CD, Halb 7 / Pervy Pig Records)
Von dem ganzen Horrorhype (egal ob aus der Psychebilly-, Punkrock- oder was weiß ich für einer Ecke), der seit einiger Zeit auf uns hereinbricht, sind mir die Flanders aus Potsdam immer noch die liebsten. Genau mit dem richtigen Morbid-Beat. Punkabilly-Todes-Slapping. Songtitel wie „Zombies Horror Show“, „Hunting Demons“, „Hillbilly Cannibals“, „Buried Alive (Sargdeckel Mix)“ oder „Undead“ sagen doch wohl eindeutig, wohin der Angsthase läuft. Auf den Friedhof natürlich. Außerdem gibt’s eine überarbeitete Version des umstrittenen Songs „Perverses Schwein“ vom ersten Album. Jetzt noch besser! Band und Label weißen übrigens noch einmal darauf hin, dass hier nicht die bandeigenen Gewaltphantasien dargestellt werden, sondern die üblen Perversionen aus der Sicht eines kranken Gewalttäters geschildert werden. Schade, dass so was nötig ist, aber wenn’s der Wahrheitsfindung dient und übereifrige Gemüter beruhigt, dann ist das wohl gut so. Das bescheuerte Foto vom Inlay hätte aber trotzdem nicht sein müssen. Dennoch: Wenn schon halbwegs sterben, dann so!!! Weiß der Teufel!!! Obnoxious

The Frantic Flintstones
– The Legendary Mushroom Sessions
(CD, Cherry Red)
Wer sich im Psychobilly Bereich etwas auskennt, weiß um wen es sich bei der Band handelt. Nämlich ein durchgeknallter Haufen, den es nur unwesentlich kürzer gibt als die Meteors. Das album hier wird das erste mal auf CD veröffentlicht und zudem alle 18 Songs zusammen auf einem Tonträger. Die Lieder stammen aus dem Jahre 1988 und sind ein Konstrukt des Sängers Chuck Harvey und der Band seines Managers Swordfish. Herausgekommen ist eine recht wirre Scheibe, wie der Titel schon verspricht. Der Einfachheit halber sollte man sich das Machwerk vorher anhören, bevor man zuschlägt. Bocky

GERM ATTACK – Bomb Party
(CD, Wolverine Records)
Die erste CD der Band, die ich gehört habe, war ein Blondie-Tribute, der sich recht schnell in meine Lauscher geschmeichelt hat. Powerpop meets Punkrock, wäre auch der Stempel den ich ihnen aufdrücken würde. Mit 14 soliden Titeln ein gutes Stück CD-Silber, aber noch kein Gold. Ich habe die Band live gesehen und finde, der Sänger hat große Ähnlichkeit mit Ilja Richter, kann aber auch an meinem Tunnelblick gelegen haben. Richard

GOB SQUAD – For Beyond Control
(CD, Wolverine)
Mein erster Gedanke beim Hören: So klingt Deutschpunk, wenn man ihn Englisch singt! Das klingt nur oberflächlich absurd, tiefgründig betrachtet kann man es nicht besser ausdrücken. Also, ein schnelles Fazit: Gob Squad kommen aus Dänemark und machen guten englischsprachigen Deutschpunk mit wundervoller Gitarrenarbeit. HH

Infa-Riot – The Best Of
(CD, Captain OI!)
Der Name der Band bedeutet „In for a Riot“ und wer sie nicht kennt, aber alten englischen Punk klasse findet, macht sich jetzt auf den Weg, um sich diese CD zuzulegen. Der Vierer, der sich 1980 gründete, kam ähnlich schnell, wie ich auf den Punkt. Denn kurz nach der Formierung schrieb Angelic Upstarts Sänger Mensi im „Sounds“ ein Review über die vierte Show der Band. Nicht mal ein Jahr später fungierte man für die Antifa-Skinband als Toursupport. Für mich eine ziemliche Hammerband und wenn man dann ne Best of mit kloppern wie „Riot, Riot“, „We Outnumber You“, „Each Dawn I Die“ und „Kids Of The 80’s“ beginnt, dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Bocky

HEARTBREAK ENGINES – Love Murder Blues
(CD, People Like You)
Dass ein slappender Kontrabass so einige Herzen höher schlagen lässt, da ist wohl einiges dran. So wird es wohl auch bei den Heartbreak Engines kommen. Sie spielen guten Psycho- Rockabilly und lassen das rotzige Punkelement nicht außen vor. Sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss in der Richtung, aber schon sehr gut für ihr immerhin erst zweites Album. Vergessen sollte man auch nicht, dass das erste schon ausverkauft ist. Demnächst macht man sich auf Tour mit diversen anderen Bands (Nekromantix, The Bones), um dem geneigten Volk zu zeigen, was man kann. Vom Gefühl her könnte das was werden und man darf gespannt sein, ob dieses Album nach und während der Konzerte ebenfalls weg geht wie frisch geschnitten Brot. Zu gönnen wäre es ihnen allemal. Bocky

Jack and the Rippers – I Think It’s Over
(CD, Dirty Faces)
Na endlich gibt’s eine der besten Veröffentlichungen der letzten Jahre auch auf CD: Jack and the Rippers waren eine der drei besten Schweizer Punkrock-Bands, brachten es zu ihren Lebzeiten 1977-79 allerdings nur auf eine 7“, die es aber in sich hatte: „No Desire“ ist eins meiner allerliebsten Punk/Powerpop-Lieder und dieses Kleinod gibt’s jetzt Dank Dirty Faces zum ersten Mal auf CD. Insgesamt 10 Lieder (davon 2 bisher unveröffentlicht), allesamt irgendwo zwischen Buzzcocks und den Beach Boys. Weh tun nur zwei Stücke, in denen meine ungeschulten Ohren einen ekligen Blues-Einfluss ausmachen. Trotzdem, ein mit 8:2 auch in dieser Höhe verdienter Heimsieg!!!! Ach ja, nettes Booklet mit alten Fanzine-Ausschnitten! AndiSocial

Die Kassierer – Kunst
(CD, Tennage Rebel)
Oder „19 Künstler und sie selbst spielen Songs von Die Kassierer. Was zum Teufel treibt ein Label dazu ein Tribute für ne Band zu veröffentlichen, außer die Kohle? Das soll aber auch schon das einzige Manko an der Platte sein. Ansonsten gibt’s jetzt nur noch vom Feinsten! Tja wer hätte das gedacht, die Skandaltruppe aus Wattenscheid hat nun schon zwei Dekaden hinter sich und es gibt immer noch Leute die sich nicht darüber freuen. Meines Erachtens eine Frechheit, außerdem haben die keinen Respekt vor Kunst, oder so ähnlich. Ich als Aushilfshedonist gratuliere Wolfi und Kumpanen von ganzem Herzen. Dem schließen sich u.a. „Die Ärzte“, „Donots“, „Gunter Gabriel“, „Mambo Kurt“ und hassenichgesehn an. Diesbezüglich kann ich lediglich nur noch anfügen, dass die Band mit den verbesserten Gehirnen es sich nicht nehmen ließ selbst zwei neu komponierte Tanzhits vorzustellen. Für mich eine der wenigen Scheiben, die 2005 gebraucht hat. Viele andere hingegen hätten verboten werden müssen. Bocky

KATETER – Mi Van Ma?
(CD, bogyo@kateter.hu)
Die Musiker von Kateter habe ich bei ihrem Konzert in Mannheim kennen gelernt und muss sagen, korrekte Leute. Sie kommen aus einem Grubengebiet in Ungarn und somit arbeiten auch zwei von ihnen unter Tage, nur Sänger Bogyo macht etwas mit Computern, deshalb solltet ihr auch die Kateter-Homepage www.kateter.hu besuchen. Auf der CD sind 20 Live-Titel, die in guter Qualität eingespielt wurden. Zur Musik ist zu sagen, dass es eigenständiger Ost-Punk und nicht ein Cover westlicher Punk-Bands ist. Richard

THE KINGS OF NUTHIN’ – Punk Rock Rhythm & Blues
(CD/LP, People Like You)
Der Mafiosi-Look der 8 Mann starken Combo macht sie auf Anhieb nicht gerade sympathisch. Das ändert sich aber schon nach dem ersten Song. Denn in welcher Weise die Gang ihren rotzigen und schnellen Sound daherbringt ist wirklich beeindruckend. Zudem wenn man bedenkt inwiefern sie einen Satz Bläser, Piano und Waschbrett (!) kombinieren. Diese neue Scheibe der Bostoner weist bei 14 Songs übermäßig viele Coverversionen auf, nämlich acht an der Zahl. Vielleicht durfte sich jedes Mitglied einen aussuchen? Aber die drei, die ich auf Anhieb erkannte („For You“/Anti Nowhere League, „Banned From The Pubs“/Peter And The Test Tube Babies, „Nation On Fire“/Blitz) können sich auf jeden Fall hören lassen. Bzw. sind nicht nur eine Alternative zum Original, die sind derart genial, dass ich sie letztens als DJ habe alle laufen lassen müssen. Doch wer dachte, die Eigenkompositionen langweilen, den muss ich enttäuschen. Auch die sind der Hammer. Ehrlich gesagt bin ich richtig froh, mich musikalisch immer weiter zu öffnen. Denn diese Scheibe sollte niemand verpassen wenn er auch nur ein bisschen Spaß, Punk und Party im Blut hat! Bocky

KLASSE KRIMINALE – Klasse Kriminale
(CD, DSS Records)
Komisch jetzt erst eine selbstbetitelte Platte, wenn man bedenkt, wie lange es die italienische Skinheadband schon gibt. So verwundert mich auch der Stil der Scheibe. Denn was der Herr Balestrino hier bietet sind 14 astreine Punksongs und hat mit typischer OI!-Skin-Mucke, wie man sie aus hiesigen Verhältnissen kennt nicht viel am Hut. Nicht, dass ich das grundsätzlich ablehne, aber immer wieder wundere ich mich, inwiefern Italiens Kurzhaarszene viel verwobener ist mit der Punkszene und vor allem politisch abgeht. Damit meine ich Songs wie „Reclaim The Streets“ oder „Anarchia Liberta’“, aber auch das Wortspiellied „Skunx“ (von dem es auf der CD ein schönes Video für den PC gibt). Ebenfalls mit dabei der Livesong „OI! Fatti Una Risata“ vom Punk and Disorderly Festival in Berlin. Aufgefallen ist mir auch, der Marco scheint ’ne Freundin zu haben, die er in die Band mit eingebaut hat. Die taucht nämlich, neben ihm, am häufigsten im Booklet auf und ist offensichtlich das einzige feste Bandmitglied. Auf der Rückseite des Digipacks, wo normalerweise ’ne komplette Band drauf is, grinsen lediglich die beiden in die Kamera. Wie dem auch sei, eine gute neue Platte, der ältesten italienischen OI!-Band. Bocky

KÖRZETI MEGBIZOTT – 7
(CD, www.kmb.uw.hu)
Zoli, Gitarrist der Band, drückt mir das Teil in die Hand und meint, es wäre ein wenig mehr Hardcore-lastig. Zoli, das ist kein Hardcore, das ist guter Punkrock! Manchmal rocken die Songs mehr, manchmal hört man ein bisschen Ska. Wenn man ein konservativer Punkrock-Hörer ist und Joe Strummer über dem Bett hängen hat, wird es einem wohl nicht gefallen, doch für mich ist es eine willkommene Abwechslung für meine Gehörgänge. Nicht für den täglichen Gebrauch, doch wenn ich den englischsprachigen Kram nicht mehr ertragen kann, wird diese Band zu denen gehören, die ich dann herausholen werde. Habe ich schon erwähnt, dass sie aus Ungarn kommen? Richard



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